"Coming home for Kirmes"

Zum 70. Mal wird in Kassel-Wehlheiden nächste Woche Kirmes gefeiert

+
Wehlheider Kirmes 1952: Das neu gekürte Wehlheider Bürgermeisterpaar Elisabeth und Franz Schminke (rechts) in der festlich geschmücktes Kutsche auf der Fahrt nach Park Schönfeld. Ihm gegenüber sitzt das Bürgermeisterpaar 1950 und 1951 namens Damm. 

Wehlheiden. Zum 70. Mal findet am kommenden Wochenende die Wehlheider Kirmes statt. Wir blicken zurück und werfen auch einen Blick in die Zukunft.

"Das ist wie Weihnachten vor der Kneipe Fes, wenn sich die Leute von früher wieder treffen. Bei uns treffen sie sich auf der Kirmes“, sagt Dirk Reimann, Vorsitzender der Kirmesgemeinschaft der Turngemeinde Wehlheiden. „Bei uns heißt das: Coming home for Kirmes.“ Von Freitag, 17. August, bis Montag, 20. August, wird die Kirmes zum 70. Mal in Wehlheiden gefeiert. Es ist ein Fest, das sich seit 1949 immer wieder verändert hat. Und die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen.

Der 43-jährige Reimann ist in der Kirmes aktiv, seitdem er vier Jahre alt war. „Ich habe keine andere Wahl gehabt.“ Schließlich sind Eltern und Großeltern schon in der TGW und Kirmes aktiv gewesen. Er war Kirmesbursche und von 2003 bis 2011 Kirmesvater.

Die ersten Jahrzehnte

Nachdem die Turngemeinde Wehlheiden (TGW) 1949 neu gegründet worden war, organisierten die Mitglieder auch die erste Kirmes. Damit wurde an eine Tradition aus dem Anfang es 20. Jahrhunderts angeknüpft. Damals veranstaltete die „Jüngere Turngemeinde Wehlheiden“ eine Kirmes. Um an die ehemalige Selbstständigkeit Wehlheidens (seit 1899 gehört Wehlheiden zu Kassel) zu erinnern, wird bis heute anlässlich der Kirmes jedes Jahr ein Bürgermeisterpaar gewählt.

Dorfpolizist und Kirmesburschen stellten sich 1953 stolz vor dem „Wehlheider Hof“ auf - der Traditionsgaststätte, in der das Fest des Vereins 1949 seinen Anfang nahm.

In den ersten Jahren war die Kirmes eine „reine Saalkirmes“ in den Gasthäusern, sagt Reimann. Die erste Kirmes wurde 1949 im „Wehlheider Hof“ an der Wilhelmshöher Allee/Ecke Germaniastraße gefeiert. Ein Jahr später zog man mit dem Fest in die Gaststätte des Schrebergartenvereins Schönfeld. Da dieser Saal irgendwann zu eng wurde, feierten die Wehlheider ab 1955 in der Stadthalle. „Im Nachhinein fand ich die Idee schon überheblich, aber die Stadthalle war voll.“ 1966 wurde dann erstmals die Kirmes auf dem Georg-Stock-Platz gefeiert.

Probleme wurden beim Festzug immer wieder thematisiert: Das Foto entstand in den 1960er-Jahren, als die Wehlheider auf den Bau eines Bürgerhauses warteten.  

Der Georg-Stock-Platz

Dieser Platz an der Kohlenstraße hat sich seitdem zum Herzstück der Kirmes entwickelt. Der Platz habe eine „schleichende Inbesitznahme durch die Kirmes“ erfahren, sagt Reimann. Endlich gab es einen Raum für Karussells, Schau- und Schießbuden. Marktmeister Willi Rudolph hatte damals schon ein Kettenkarussell, das er dort aufstellte. Seit dieser Zeit feiern auch alle Gaststätten im Stadtteil die Kirmes mit.

Als der Georg-Stock-Platz vor vier Jahren gesperrt wurde, weil dort Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg liegen könnten, war das Bedauern bei den Verantwortlichen der Kirmes natürlich groß. Für große Fahrgeschäfte ist seit 2014 nämlich kein Platz mehr auf der Kirmes. Ab diesem Jahr ist ein Teil des Platzes wieder für die Kirmes freigegeben.

Die Standbeine

Die Kirmes hat zwei Standbeine, sagt Reimann. Das sind zum einem die Wirte aus Wehlheiden, die die Kirmes in ihren Kneipen Bleibtreu, Backstube, Fiasko, Düsseldorfer Hof oder Pferdehalfter mitfeiern. Zum anderen sind das die vereinseigenen Abteilungen. In diesem Jahr wird der Biergarten an der Kohlenstraße zum ersten Mal in Eigenregie einer Abteilung der TGW betrieben. Das hat auch finanzielle Gründe. Mit den Einnahmen der Kirmes wird die TGW nämlich seit jeher unterstützt.

Neuer Kirmesverein

In den 1980er- Jahren sei die Hochzeit der Kirmes gewesen, sagt Reimann. Das Fest war ein Selbstläufer. „Was kostet die Welt?“ war das Motto vieler Besucher. Eine Runde Bier nach der anderen wurde ausgegeben, die Einnahmen flossen. Die Geschäfte liefen so gut, dass die Turngemeinde Wehlheiden Gefahr lief, ihre Gemeinnützigkeit zu verlieren. Auch aus diesem Grund wurde im Jahr 2005 die Kirmesgemeinschaft gegründet, die die Kirmes seitdem organisiert. Seitdem wird die Arbeit auf den Schultern von zwei Vereinsvorständen getragen.

Schon 1987 dabei: Dirk Reimann kniet vorne mit der Wagenrunge. Auf dem Foto sind zudem (von links) Wolfgang und Lore Höhne, Kirmesvater Werner Taege, Peter Reimann (direkt daneben), Willi und Christel Kirstein, Fabian Taege (vorne), Angelika Taege, Gabi Taege und Heidi Reimann zu sehen. Archivfoto:  nh

Allerdings seien die Einnahmen mittlerweile rückläufig, sagt Reimann. Der Zeitgeist hat sich geändert. „Heute gehen die Menschen nicht mehr auf die Kirmes und trinken 15 Bier mit den Arbeitskollegen. Auf der einen Seite ist das schön, weil es nicht mehr so ausufert. Auf der anderen Seite macht das die Umsätze kaputt.“ Bislang sei die Wehlheider Kirmes immer noch ein Fest, das sich selbstständig am Leben halte.

Die Konkurrenz

Zudem ist die Konkurrenz zur Kirmes größer geworden. Es gibt mittlerweile viel mehr Großveranstaltungen als früher. Reimann sieht es auch kritisch, dass während der Wehlheider Kirmes drei große Konzerte in unmittelbarer Nähe stattfinden. „Wir werden sehen, was dabei rauskommt.“ Wenn es eine gute Kirmes wird, kommen 80.000 Menschen nächstes Wochenende nach Wehlheiden. „Wir sind darauf angewiesen, dass die Besucher zu uns kommen. Es ist sehr mühsam, ohne die Leute die Kirmes am Leben zu erhalten.“

Die Zukunft

Reimann ist sich sicher, dass die Wehlheider Kirmes auch noch ihren 100. Geburtstag erleben wird. „Sie wird sich verändern, sie wird eher kleiner und viel feiner.“ Schon heute lege man in Wehlheiden großen Wert auf Qualität bei den Ständen. Zudem profitiere man von dem bunten und vielschichtigen Umzug.

Lesen Sie dazu: Das ist das Programm der Wehlheider Kirmes 2018

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.