Otti Wessel wird am Montag 102

Sie wurde geboren, als die Titanic sank

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Feiert Geburtstag: Ottilie Wessel wird heute 102 Jahre alt. Mit auf dem Bild Laura Wolff, Praktikantin im Albert-Kolbe-Haus.

Wehlheiden. Was für ein Tag, der 14. April 1912. Die Welt hielt den Atem an, als die Nachricht kam, dass der als unsinkbar geltende Luxusdampfer Titanic gesunken war. Für viele Menschen das tragische Ende ihres Lebens. Für Ottilie Wessel aber, die nur Otti genannt werden will, war der Tag der Start ins Leben.

Denn sie erblickte am 14. April 1912 in Hamburg das Licht der Welt. Und wenn sie am Montag ihren 102. Geburtstag feiere, bewege es sie immer noch, dass sie am Tag dieser Schiffskatastrophe geboren wurde, sagt sie.

Auch ihr eigenes Leben war bewegt und nicht immer leicht, wie sie berichtet. Die Kindheit wurde überschattet von der Trennung der Eltern, die Mutter zog mit Otti und den beiden Geschwistern nach Bielefeld.

„Weil ich flink rechnen konnte und in Deutsch gut war, begann ich eine kaufmännische Lehre in einer Herrenhemdenfabrik“, erzählt die Seniorin. „Da hatten wir als Lehrmädchen jede Menge Spaß“, fügt sie schmunzelnd hinzu.

Aber eigentlich hatte Otti ihr Herz schon immer an die Kunst verloren. Bereits als Schülerin spielte sie Akkordeon und hatte ein eigenes kleines Kabarettprogramm. „Und Sängerin, ach ja, das wäre ich am allerliebsten geworden“, verrät sie und schaut ein wenig träumerisch. Dass es damit nichts wurde, bedauere sie bis heute, sagt sie.

Vielleicht rührt das Talent ja daher, dass Otti mit den Eltern des Kasseler Kabarettisten Karl Garff, Marianne und Heiner Garff, verwandt ist. Überhaupt die Garffs: Für sie empfindet Otti viel Liebe und Dankbarkeit. „Sie haben mir geholfen, meine schlimmen Kindheitserinnerungen zu überwinden“, sagt die gebildete alte Dame, die dreimal verheiratet war, eine Tochter in Berlin sowie zwei Enkel und drei Urenkel hat.

Mit 80 Jahren gab Otti freiwillig den Führerschein ab, „weil ich ein Vorbild sein wollte“, erklärt sie. Mit immerhin 90 startete sie ihren ersten Versuch als Heimbewohnerin. „Das war aber zu früh, also bin ich wieder ausgezogen“, erzählt sie munter. Erst mit 100 zog sie ins Albert-Kolbe-Haus.

Über vieles, was sie bewegt, spricht sie mit Praktikantin Laura. Die junge Frau macht mit Otti sogenannte Biografie-Arbeit. Erinnerungen wachhalten, auch lange zurückliegend Erlebtes noch verarbeiten, darum gehe es, sagt sie. Lauras Zuwendung und Aufmerksamkeit, ihre geduldigen Fragen tun Otti gut. Am Montag darf sich Otti auf ein schönes Geburtstagsfest zu ihrem Ehrentag freuen.

Von Sabine Oschmann

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