Bombenangriffe, schreckliche Operationen

Pfarrer dokumentierte: So war die Nazi-Zeit im Kasseler Knast

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Blick von oben: Dieses Luftbild zeigt die Justizvollzugsanstalt in Wehlheiden, bevor sie im Zweiten Weltkrieg durch mehrere Bombentreffer in Teilen zerstört wurde.

Kassel. Er arbeitete fast 25 Jahre hinter den Mauern der JVA Kassel-Wehlheiden. Adolf Dörmer (1895-1970) war dort von 1937 bis 1961 evangelischer Strafanstaltspfarrer.

Nach seiner Pensionierung schrieb er eine Chronik, die Geschichte und Alltag der JVA abbildet. Diese bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen werden nun von der Kaufunger Historikerin Barbara Orth herausgegeben.

Dörmer schreibt zwar über die gesamte Geschichte des Gefängnisses, das 1882 eröffnet wurde, interessant sind aber vor allem die Kapitel, in denen er seine Erlebnisse während der Nazi-Herrschaft schildert. Wir veröffentlichen hier einige Auszüge daraus.

Auszüge aus der Chronik

• 1933: Den Gefangenen wird der Hitlergruß untersagt, „da er ein Gruß des freien deutschen Mannes sei“.

• 1937: „An Hitlers Geburtstag wurde im Flur unseres Verwaltungsgebäudes seine Büste aufgestellt. Sie war von der Belegschaft gestiftet worden.“ „Nationalsozialisten sollten nicht mit kommunistischen Mitgefangenen zusammengelegt werden. Ebenso möglichst nicht Gefangene wesensverschiedenen Blutes.“

• 1938: „Sterilisierungen und Entmannungen erfolgten [...] ab 1938 in unserem neu ausgebauten Krankenhaus.“

• 1940: Der tägliche Verpflegungssatz der Gefangenen beträgt 44 Pfennige.

• 1941: „Die Anstalt musste für die Wollsammlung zu Gunsten der in Russland kämpfenden Truppen alle Pelzsachen abgeben, sämtliche wollenen Strümpfe, möglichst auch Strickjacken und -westen, warme Hemden und Unterhosen.“

• 1942: Der Reichsjustizminister Thierack verbietet JVA-Beamten „die Anrede von Vorgesetzten in der dritten Person (z. B. ,Wie befiehlt der Herr Direktor?‘)“ [...] Dies sei ein „alter Zopf einer spätrömisch-byzantinischen Überlieferung“.

• 1942 / 1943: „Etwa 1942 auf 1943 habe ich zusammen mit dem verstorbenen Oberlehrer Adam gemäß Auftrag des Anstaltsleiters einige hundert Gefangene daraufhin überprüft, ob sie als asozial zu bezeichnen seien. Welche Zwecke diese Überprüfung hatte, wurde uns nicht gesagt. Ich hatte jedoch mit Oberlehrer Adam vereinbart, nur in gar nicht zu umgehenden Fällen zu der Feststellung ,asozial‘ zu kommen [...] Einige Zeit später gingen mehrere Transporte weg mit insgesamt etwa 100 Mann. Die Zielorte waren geheim, jedoch wurde gerüchtweise von Konzentrationslagern gesprochen.“

• 1943: „Als sich die Bombenangriffe mehrten, wurde die Anstalt aufgefordert, aus den Reihen der Gefangenen Freiwillige zur Beseitigung von Blindgängern zu gewinnen. Der Aufruf hatte ein unerwartet starkes Echo. [...] Die Gefangenen, die mit dem Einsatz ihres Lebens den Tod wegräumten, wurden geachtet.“ Aus Platz- und Sicherheitsgründen wurden die Gefangenen bei Bombenangriffen nicht in den Keller geführt.

• 1945: „Wenige Tage, ehe Kassel von den Amerikanern besetzt wurde, erhielt die Anstalt den Befehl zur Evakuierung.“ Der Abmarsch zum Bahnhof erfolgte abends. Im Gefängnis Straubing kamen die Kasseler Gefangenen trotz Platznot unter. Von dort sollten sie ins KZ Dachau marschieren, die Amerikaner stoppten aber den Transport.

„Am 23.4.1945 wurden die beiden Panzerschränke, die im Flur des durch Bomben zerstörten Verwaltungsgebäudes standen, durch alliierte Truppen gesprengt. Der Inhalt der Schränke, Gelder und Wertsachen der Gefangenen, wurde mitgenommen.“

• 1946: Als Dörmer in einem Spruchkammerverfahren zugunsten des leitenden Arztes aussagte, bedauerte er, nichts gegen die „Erziehungsmaßnahmen“ der Anstaltsleitung während der NS-Zeit unternommen zu haben. Er bekannte sich mitschuldig: „Es hat uns am entsprechenden Mut gefehlt.“

Das Buch „Die Chronik der Justizvollzugsanstalt Kassel-Wehlheiden von Pfarrer Adolf Dörmer“ (University Press) von Barbara Orth ist ab 11. Dezember im Buchhandel erhältlich. (ISBN: 978-3-86219-554-1)

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