Strafgefangene aus Wehlheiden dürfen jetzt Fußballspiele pfeifen

Haben sich im Knast als Schiedsrichter qualifiziert: Vorn im Bild die Strafgefangenen Yilmaz Bag (links) und Christian Weber. Hinten (von links) Initiator und Vollzugsbeamter Patrick Büscher, Jan Conrad, Schiedsrichterlehrwart Mike Britting und Mehmed Aslan. Foto: Schachtschneider

Kassel. In ihrem bisherigen Leben haben sie schon einige gravierende Fehlentscheidungen getroffen und dafür die dunkelrote Karte gesehen.

Jetzt haben sich zehn Strafgefangene in einem Kurs als Fußballschiedsrichter qualifiziert. „Viele von uns haben sich bisher ihre Regeln selbst gemacht, das geht im Fußball nicht“, sagt Yilmaz Bag. Nach fünf Jahren Haft mit Sicherungsverwahrung kann der 40-Jährige darauf hoffen, dass er in absehbarer Zeit entlassen wird.

Das gilt auch für Christian Weber (43), der eine neunjährige Haftstrafe in Wehlheiden absitzen muss. Zusammen mit acht weiteren sportinteressierten Häftlingen hat er in der Sozialtherapeutischen Anstalt die Ausbildung zum Schiedsrichter erfolgreich abgeschlossen.

„Die Urkunde kommt in die Personalakte, darauf können Sie stolz sein“, gab am Wochenende Anstaltsleiter Rudi Nebe den Absolventen mit auf den Weg. Bisher hätten die Gefangenen erlebt, dass sie für Straftaten von einem Gericht zur Rechenschaft gezogen werden. Jetzt seien sie diejenigen, die Regeln durchsetzen sollen.

Ob das funktioniert? „Die Ausbildung hat mich selbstbewusster gemacht“, sagt zum Beispiel Jan Conrad (23), der für drei Jahre und zwei Monate hinter Gitter musste. Wenn er wieder rauskommt, will er versuchen, einen Fußballverein zu finden und weiter als Schiedsrichter aktiv zu sein. Gerade Gefangene mit längeren Haftstrafen hätten draußen kaum noch soziale Kontakte, sagt Neuschiedsrichter Christian Weber. Der Sport könne helfen, wieder Fuß zu fassen.

Genau dafür ist die Schiedsrichterausbildung im Knast gedacht. Patrick Büscher, der als Justizvollzugsbeamter in Wehlheiden arbeitet und in seiner Freizeit als Schiedsrichter aktiv ist, hatte die Idee zu dieser Initiative. Unterstützt wurde er unter anderem von Mike Britting, dem Kreislehrwart der Schiedsrichtervereinigung Kassel, und vom Hessischen Fußball-Verband. Für die Ausstattung mit Lehrmaterial hat der Fliedner-Verein, ein Hilfsverein für Straffällige, gesorgt.

An anderen Gefängnisstandorten, zum Beispiel in Schwalmstadt, hat es bereits ähnliche Angebote gegeben. Die Rückmeldungen sind bislang durchweg positiv. Die Kursteilnehmer sehen die Rolle des Schiedsrichters jedenfalls ganz anders als noch vor einigen Wochen. „Ohne Regeln geht es nicht. Außerdem müssen alle lernen, mit Frust und vermeintlichen Fehlentscheidungen umzugehen“, sagt Mehmet Aslan (28), der drei Jahre und drei Monate absitzen muss. Für das Leben draußen sei dieser Lernprozess bestimmt nicht verkehrt.

Hintergrund: Vorbereitung auf Freiheit

Seit 1981 existiert die Justizvollzugsanstalt Kassel II - Sozialtherapeutische Anstalt (Sotha) in Wehlheiden mit 140 Plätzen für männliche erwachsene Straftäter. Die Anstalt ist in 14 Wohngruppen mit jeweils zehn Insassen aufgeteilt. 105 Bedienstete, Vollzugsbeamte, Psychologen, Sozialpädagogen, Lehrer und Werkbedienstete arbeiten dort. Die Gefangenen sollen so weit wie möglich auf ein straffreies Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden.

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