Seit Kindertagen dabei

Heidi Reimann ist eng mit der Wehlheider Kirmes in Kassel verbunden

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Kirmes ist Familiensache: Heidi Reimann mit Enkeltochter Nele und Bär Bernd im Kirmeskittel.

Kassel. Die Wehlheider Kirmes, die von Freitag, 17. August, bis Montag, 20. August, zum 70. Mal gefeiert wird, gehört zu den beliebtesten Volksfesten in Kassel. Über das Fest sprachen wir mit Heidi Reimann (64), deren Leben seit ihrer Kindheit eng mit der Kirmes verbunden ist.

Frau Reimann, Sie sind eine waschechte Wehlheiderin.

Heidi Reimann: Ich bin quasi auf dem Wehlheider Kreuz geboren. Meine Eltern lebten in der Kohlenstraße 11 1/2. Das ist das Haus, wo heute das Restaurant „La Truva“ ist und früher der „Goldene Anker“ war.

Der „Goldene Anker“ war doch die Kneipe, in der auch Teppich in der Toilette ausgelegt war.

Reimann:Das stimmt. Der „Goldene Anker“ war früher immer nach dem Ständchenblasen am Freitagabend die Anlaufstelle für die Kirmesburschen und -mädchen. Wir wussten, dass wir dort auf die Toilette gehen konnten, weil es dort nicht zu voll war.

Wegen des Teppichs?

Reimann:Mag sein. Pittchen, die Besitzerin des „Goldenen Ankers“, hat sich immer gefreut, wenn wir gekommen sind. Sie war ein Unikat. Vor zwei Jahren ist sie gestorben. Der „Goldene Anker“ war immer der Treffpunkt für viele alte Wehlheider.

Was sind Ihre ersten Erinnerungen an die Wehlheider Kirmes?

Reimann: Dass man Zeit mit den Eltern verbracht hat. Die TGW war für uns damals wie eine zweite Familie, wo man sich oft aufgehalten hat. Die Bürgermeisterinnen haben damals zum Kaffee zu sich nach Hause eingeladen, und die Bürgermeister haben den Schoppen nicht in einer Kneipe, sondern auch zu Hause ausgegeben.

Durften die Kinder auch mit zur Kirmes gehen?

Reimann: Das war erst ab 1966 der Fall, als die Kirmes zum ersten Mal auf dem Stock-Platz gefeiert wurde. Da waren meine Eltern Olga und Georg Riese zum Bürgermeisterpaar gewählt worden. Zuvor wurde die Kirmes ja in der Stadthalle gefeiert. Da wurden Kinder nicht mitgenommen. Früher hätte auch niemand einen Kinderwagen beim Festzug geschoben. Heutzutage ist es selbstverständlich, dass alle Kirmesmädchen und -burschen ihre Kinder mitbringen.

Wie kam es dazu, dass es ab 1979 auch Kirmesmädchen in Wehlheiden gab?

Reimann:Mein Mann hat damals Handball bei der TGW gespielt. Wir Frauen haben uns dann immer freitagabends in der Bürgerschänke (heute El Gitano) getroffen und Rommé gespielt. Dabei ist die Idee für die Kirmesmädchen entstanden. Die TGW hat es dann beschlossen.

Hat sich durch die Frauen etwas geändert?

Reimann: Die Kirmesburschen früher waren mehr oder weniger eine Männergruppe, die über die Kirmes gezogen ist und Ständchen gespielt hat. Seitdem die Frauen mitmachen, ist alles organisierter und wir haben auch mehr Aufgaben übernommen. Wir organisieren zum Beispiel die Kinderkirmes, die Bürgermeisterwahl und das Lichterfest.

Sie sind jetzt aber kein Kirmesmädchen mehr?

Reimann:Ich habe vor zehn Jahren den Kittel ausgezogen und ziehe ihn heute nur noch zu bestimmten Anlässen wie Umzügen an. Allerdings bin ich immer noch Schriftführerin bei der Kirmesgemeinschaft und kümmere mich um die Tombola.

Die Tombola kennen Sie seit der Kindheit.

Reimann:Ja, früher haben sich meine Mutter und Marketenderin Lotte Gailer um die Tombola gekümmert. So bin ich mit 15 dazu gekommen und habe Lose verkauft.

Was hat sich seitdem geändert?

Reimann: Die Preise. Früher hat Möbel Jürgens (dort ist heute Lidl an der Kohlenstraße) Sessel und ganze Sitzgarnituren gesponsert, die wir dann verlost haben. Ich werde nie vergessen, wie ein Mann Mitte der 80er-Jahre einen Ohrensessel gewonnen hat und ihn gleich von unserer Geschäftsstelle, die damals in der Schönfelder Straße lag, auf Rollen nach Hause geschoben hat.

Freuen sich die Menschen heute noch genauso, wenn sie etwas gewonnen haben?

Reimann: Ja, auch wenn die Preise kleiner geworden sind. Heute ist die Spendenbereitschaft der Geschäftsleute geringer. Da ist der Hauptpreis ein Reisegutschein für eine Busfahrt.

Wie ist es dazu gekommen, dass Montagabend zum Abschluss der Kirmes Eisbein mit Sauerkraut gegessen wird?

Reimann:Das weiß ich nicht. Irgendwann müssen mal ein paar Leute beschlossen haben, dass sie Eisbein essen wollen, und das ist dann zur Tradition geworden. Aber früher war es bei der Kirmes auch schon heiß, eigentlich ist es das falsche Gericht.

Was macht die Wehlheider Kirmes so besonders?

Reimann: Auf der Kirmes kennt fast jeder jeden, das ist anders als beim Zissel. Das liegt sicher auch an unserer Tradition. Zudem hat es Charme, dass die ganzen Kneipen mitmachen.

Heidi Reimann (64) lebt seit ihrer Geburt in Wehlheiden und trat schon früh in die Turngemeinde Wehlheiden (TGW) ein. 1979 wurde sie Kirmesmädchen, in der neu gegründeten Kirmesgemeinschaft wurde sie Schriftführerin. Die gelernte Einzelhandelskauffrau arbeitet im Fraktionsbüro der Kasseler SPD, zudem liefert sie Medikamente für die Wehlheider Apotheke aus. Reimann trat 1975 in die SPD ein und ist seit 1993 Stadtverordnete. Reimann, die geschieden ist, hat einen Sohn (Dirk Reimann ist Vorsitzender der Kirmesgemeinschaft) und drei Enkel. 

Lesen Sie dazu: Bei Kassel Live finden Sie eine große Übersicht über das Programm der Wehlheider Kirmes und weitere Informationen.

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