Justizskandal bahnt sich an

Enthüllung: JVA-Toter war ein wichtiger Zeuge

JVA Wehlheiden (Luftansicht): Neue Ermittlungsakten zeigen, dass ein in der JVA gestorbener Mann ein wichtiger Belastungszeuge in einem anderen Tötungsfall war.

Kassel. Der Tod des 54-jährigen Spaniers José C. in der Justizvollzugsanstalt I könnte sich zu einem Justizskandal ausweiten. Denn die Behörden verschwiegen bisher, dass der Mann ein wichtiger Zeuge in einem Tötungsdelikt war, das sich im vergangenen Jahr in dem Gefängnis abspielte.

Das geht aus einer Ermittlungsakte hervor, die der HNA zugespielt wurde.

Am 16. September 2012 war der inhaftierte Pole Janusz W. in seiner Zelle tot aufgefunden worden. Sein Körper war mit heftigen Verletzungen übersät. Das zeigen Fotos in der Ermittlungsakte, und das bestätigte auch die spätere Obduktion. Trotzdem teilten Polizei und JVA seiner Familie zunächst mit, dass der Mann eines natürlichen Todes gestorben sei.

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Diese Auskunft bekam auch die HNA am 17. September auf Nachfrage. Nach Spuren in der Zelle wurde zunächst nicht gesucht. Erst acht Tage später fand die Kripo überall Blutanhaftungen. Jemand hatte versucht, sie wegzuwischen. Dabei handelte es sich offenbar um den Mann, der mit dem Opfer die Zelle geteilt hatte: Michail I., ein offenbar geistig gestörter Schwerkrimineller. Dieser war auf Anraten des psychologischen Dienstes in eine Gemeinschaftszelle gelegt worden.

Dass der Moldawier I. offenbar den Polen tötete, bekam auch der jetzt verstorbene Spanier José C. mit. Er informierte umgehend einen Beamten, dass er aus der Zelle der beiden einen lauten Schrei gehört habe. Das teilte der Beamte auch seinen Vorgesetzten mit. Doch die schenkten den Angaben des Spaniers zunächst wohl keinen Glauben. Erst am 19. September 2012 gab die Staatsanwaltschaft eine Pressemitteilung heraus, dass der Pole getötet worden sei. Gegen den Moldawier wurde daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Totschlags eröffnet. Das Verfahren soll bereits abgeschlossen sein, aber Angaben zu dem Ergebnis machte Dr. Götz Wied, Sprecher der Staatsanwaltschaft, am Freitag nicht.

Allerdings würden jetzt noch einmal genauer die Umstände des Todes von José C. untersucht, der am 23. Februar einen Herzinfarkt erlitt, sagt Wied. Vor seinem Tod hatte der Häftling den Notruf in seiner Zelle gedrückt. Man habe bei ihm nachgefragt, sagen JVA-Beamte, und der Mann habe angegeben, nur aus Versehen gedrückt zu haben. Niemand schaute nach ihm. Eine Stunde später war er tot. Das Notruflicht brannte noch immer. (tho/use)

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