Reaktion auf Beschwerde kam erst Monate später

Weiblicher Fahrgast fühlte sich bedroht - NVV antwortet mit Formbrief

Das ist die Geschichte einer Frau, die sich an unsere Redaktion gewandt hat. Es geht um ein angebliches Fehlverhalten eines Busfahrers, eine inakzeptable Reaktion des NVV und eine zurückgenommene Aussage des Fahrers.

Es ist ein Horrorszenario: Eine junge Frau ist in einem Linienbus der einzige Fahrgast. Sofort beginnt der Fahrer damit, sie in ein unangenehmes Gespräch zu verwickeln. Er stellt ihr private bis anzügliche Fragen, will ihren Familienstand wissen, ihr Alter, ihre Telefonnummer. Am Ende fragt er die Studentin, ob sie Kinder haben wolle oder schwanger sei.

Als sich die verängstigte und schockierte Frau auf die letzte Bank im Bus setzt, um sich der verbalen Anmache zu entziehen, biegt der Busfahrer – für den Fahrgast unerwartet – wortlos von der Hauptstraße ab und fährt mehrere hundert Meter in ein Waldstück hinein. Der Frau schlägt das Herz bis zum Hals.

Sie erleidet Todesängste. Sie sagt dem Fahrer, sie dürfe keinesfalls ihre Tram nach Kassel verpassen. Da bietet er ihr an: Nur keine Panik, ich kann Sie ja bis nach Kassel fahren. Dazu kommt es aber nicht. Die Frau erreicht die Tram rechtzeitig.

Dieses bedrohliche Erlebnis schildert die Frau später ihrem Ehemann. Der ruft beim Kundentelefon des NVV an und meldet den Vorfall. Als nach einer Woche keine Reaktion kommt, fragt er telefonisch nach, mehrfach, bis ihn zwei Monate später ein Brief des NVV mit dem Betreff „NVV 5-Minuten-Garantie“ erreicht. „Wir danken Ihnen für Ihre Mitteilung. Es tut uns leid, dass wir Ihnen erst heute antworten“, heißt es darin.

Wolfgang Rausch

Einige Formulierungen klingen zynisch angesichts des Vorgefallenen: „Die Fahrer werden regelmäßig im Umgang mit Fahrgästen geschult. Leider fruchten die Schulungen nicht immer und manches Mal kommt es auch zu Überlastungssituationen.“ Der NVV weist ohne Bezug auf die Beschwerde auf die 5-Minuten-Garantie hin und darauf, dass eine Rückerstattung nach Vorlage des gültigen NVV-Fahrscheins innerhalb von drei Monaten nach dem Vorfall möglich sei. Es ist ein unpersönlicher, vorformulierter Brief. Vom Grund der Beschwerde und eventuellen Konsequenzen keine Rede.

Die folgen, nachdem die HNA nachfragt. „Wir bedauern zutiefst, was unserem Fahrgast passiert ist und möchten um Entschuldigung bitten, dass wir als NVV das Anliegen nicht angemessen behandelt haben“, reagiert der Geschäftsführer des NVV, Wolfgang Rausch.

Bedauern auch vonseiten der NVV-Sprecherin Sabine Herms. Die Beschwerde sei falsch kategorisiert worden und beim Auftragnehmer für die Linie, der Bahntochter DB Busverkehr, gelandet. Das soll künftig nicht mehr passieren: Hinweise oder Beschwerden, die die persönliche Sicherheit betreffen, werden auf direktem Weg zum NVV geleitet, ohne Umwege über das Verkehrsunternehmen, „sodass wir direkt handeln können.“

Mit dem Abstecher und anschließender Wendeschleife im Wald habe es seine Richtigkeit, erklärt Herms: Einmal am Tag werde auf dieser Strecke die abgelegene Haltestelle angefahren.

Und der Busfahrer? Wie zu erfahren war, wurde der Mann, der für eine Subfirma der Bahn arbeitet, von seinem Arbeitgeber mit den Vorwürfen konfrontiert. Er hatte zunächst ein Fehlverhalten eingeräumt. Nach Informationen der HNA hat ihm sein Chef eine Mahnung ausgesprochen. Die besagte Linie solle er nicht mehr fahren. Einige Tage später überlegt es sich der Fahrer jedoch anders und nimmt seine Aussage zurück. Die HNA-Redaktion erreichte jetzt das Fax seines Rechtsanwalts. Darin schreibt er: „Hierzu ist klar zu stellen, dass mein Mandant keine verbalen Belästigungen gegenüber einem Fahrgast begangen hat.“

Und das Opfer? „Ich wünsche mir nur eines“, sagt die junge Frau: „Dass er sich bei mir entschuldigt.“

Rubriklistenbild: © dpa

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