Gefangene in der JVA I erzählen

Weihnachten im Knast: „Froh, wenn’s vorbei ist“

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Im Zellentrakt: Die Gefangenen der Kasseler JVA I, Ulrich Rest, Volker Heinemann, Ahmed Öztup und Burkhard Liesum (von links), sehnen sich nach dem Ende der Weihnachtstage. Diese Zeit sei im Gefängnis besonders schwer zu ertragen.

Kassel. Ulrich Rest hat nur einen Wunsch für Weihnachten: „Hoffentlich ist das Fernsehprogramm gut.“ Der Mann mit Halbglatze sitzt seit zehn Jahren in der Kasseler Justizvollzugsanstalt I (JVA I) in Wehlheiden.

In der Weihnachtszeit kämen die Erinnerungen an das frühere Leben in Freiheit „mit einer solchen Wucht“, dass nur das Fernsehen etwas betäubend wirke.

Mitleid für seine Situation wollen weder Ulrich Rest noch seine Mitgefangenen Volker Heinemann, Burkhard Liesum und Ahmed Öztup, die mit der HNA über ihr Weihnachten hinter Gittern sprachen. „Wie jeder andere hier bin ich froh, wenn Weihnachten vorbei ist“, sagt Liesum. Öztup ergänzt: In diesen Tagen kämen die Erinnerungen an Familie, Frau und Kinder besonders hoch, die Einsamkeit sei noch stärker spürbar als sonst. „Du reflektierst deine Tat und fragst dich, wie es so weit kommen konnte“, sagt Öztup.

Jörg-Uwe Meister, Leiter der JVA I, weiß aus Erfahrung, dass es „eine kribbelige Zeit für die Insassen, aber auch für die Beamten“ ist. Um die Anspannung zu lösen, würden die Regeln im Gefängnis über die Feiertage etwas gelockert: So würden den Gefangenen häufiger der Kontakt untereinander ermöglicht, die Freizeitangebote erweitert und die Telefonzeit zwischen den Jahren auf insgesamt eine Stunde pro Insasse ausgedehnt. Laut Gesetz haben sie nur Anrecht auf eine Stunde telefonieren im Monat.

Der Gefangene Rest hat die Erfahrung gemacht: „Umso weniger Sozialkontakte du nach draußen hast, umso erträglicher ist es hier drin.“ Auf diese Weise bleibe das Auf und Ab der Gefühle aus, das sich nach Telefonaten und Besuchen einstelle.

Mitinsasse Heinemann hat schon einen Plan für Heiligabend: „Ich werde mir wie immer den Abend zur Ablenkung strukturieren: Essen kochen, was schreiben, fernsehen.“ Öztup wird in seiner neun Quadratmeter großen Zelle alte Briefe herauskramen und sie noch einmal durchlesen - wie schon so oft.

Briefe sind der einzige Weg, auf dem Gefangene unbegrenzt Kontakt nach draußen halten können. Sie unterliegen der Zensur der JVA, weshalb Intimes nicht ausgetauscht wird. Dafür grüßen die Insassen in ihren Briefen oft „die Mitlesenden“.

Weihnachtsgeschenke gibt es nicht hinter Gittern. Der Austausch von Paketen wurde vor zwei Jahren in Hessen untersagt. Zu oft seien in Lebensmitteln Gegenstände eingeschmuggelt worden, die die Sicherheit des Gefängnisses gefährdeten, sagt der JVA-Leiter Meister. Es habe Fälle gegeben, wo Mobiltelefone in Würsten versteckt wurden. „Und drei Würste ergeben vielleicht etwas wirklich Gefährliches.“

Von Bastian Ludwig

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