Tagebücher von Soldaten erinnern an Ersten Weltkrieg

Weihnachten im Schützengraben: So war Heiligabend vor 100 Jahren

Kriegsweihnachten: Das Foto stammt aus einer Beilage der Casseler Allgemeinen Zeitung von 1914 und zeigt zwei nicht näher bezeichnete Soldaten beim Auspacken von Geschenkekisten. Foto:  Stadtarchiv / nh

Kassel. Fünf Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs waren schon Tausende von Soldaten, die sich oft als Freiwillige gemeldet hatten, bei Gefechten umgekommen.

Tagebuchaufzeichnungen, die im Kasseler Stadtarchiv aufbewahrt werden, zeigen den Alltag der Soldaten. „Es ist, als ob die Hölle losgelassen sei“, schrieb der aus Kassel stammende Wilhelm Weidemann über seine frühen Kriegserlebnisse. Aus seinen Aufzeichnungen und denen von zwei weiteren Kasseler Soldaten, die jetzt in einem Buch veröffentlicht wurden, ergibt sich ein Bild der Kriegsweihnacht 1914.

Max Müller (37), Frankreich.

„Auf unserem Weitermarsch müssten wir eigentlich durch alte, herrliche Buchen- und Tannenwälder kommen. Müssten! Wo früher schlanke Buchen Schatten spendeten, ragten jetzt Tausende von Stümpfen traurig in gen Himmel ... Nun ist das liebe Weihnachtsfest da. Wir hofften, es zu Hause zu feiern, es hat nicht sein sollen. Der Krieg dauert schon eine Ewigkeit. Wir hatten ein kleines Bäumchen, sogar mit Kerzen. Von Fritz kam heute ein Weihnachtspaket mit allerhand leckeren Sachen. Unsere Gedanken wanderten nach Hause.“

Max Müller (1877 bis 1970) zog 1909 mit Frau und Sohn von Swinemünde nach Kassel. Er arbeitete als Schriftsetzer und wurde 1914 eingezogen. 

Rudolf Gruber (18) in einem Brief aus Serbien. 

„Lieber Vater. Mir geht’s Gott sei Dank noch sehr gut, an meinem Geschütz sind noch vier Mann, die aus Cassel ausgerückt sind ... Viele hässliche Bilder zeigt der Krieg, reine Freude nie. Nur in stiller Stunde, wenn man an die Heimat und die Lieben daheim denkt und vom Wiedersehen träumen kann, ist man glücklich.“

Rudolf Gruber (1896 bis 1960) war der Sohn des Kasseler Bildhauers Carl Gruber. Zu Beginn des Krieges meldete er sich freiwillig und wurde hauptsächlich auf dem Balkan eingesetzt. 

Valentin Weidemann (28), Polen. 

Buchtipp

Kasseler Soldaten im Ersten Weltkrieg, Bettina Dodenhoeft (Herausgeberin). Scribeo-Verlag, 13,50 Euro.

„Dumpfer Kanonendonner in der Ferne; ein Teil der Feldlazarette, die sich in der Gefechtsstaffel befinden, scheint viel Arbeit zu haben. Wir liegen in Reserve auf einem verwahrlosten Gutshofe, zum Teil bei den vom Gutsherren abhängigen Polenfamilien einquartiert. Das größte Zimmer wurde gründlich gesäubert, der Weihnachtsbaum auf das Beste nach unserem Vermögen hergerichtet. Ja, wir hatten den Krieg vergessen, es war die Arbeit, die man in der Heimat kennt ...

Punkt fünf Uhr betraten bärtige Männer im schmutzigen Feldgrau, an der Spitze unsere Offiziere, den festlich geschmückten Raum. Waren das noch Krieger? Nein, wie die kleinen Kinder blickten wir auf den strahlenden Baum.“

Valentin Weidemann (1886 bis 1971) war nicht mit Wilhelm Weidemann verwandt. Der Lehrer wurde als Schreiber im Sanitätskorps des Kasseler Infantrieregiments 83 eingesetzt. 

Von Thomas Siemon

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