Supermarktleiter: Von sexuellen Übergriffen nichts mitbekommen

Kassel. „Also, ich habe nichts mitbekommen, sonst wäre ich eingeschritten.“ Das sagt am Mittwoch der Geschäftsführer eines Kasseler Supermarktes, in dem es zwischen Februar 2009 und März 2010 mehrfach zu sexuellen Übergriffen auf weibliche Beschäftigte gekommen sein soll.

Der Chef wird als Zeuge gehört. Auf der Anklagebank sitzt ein ehemaliger Mitarbeiter, der Leiter der Obst- und Gemüseabteilung. Seit der vorigen Woche muss sich der 28-Jährige wegen sexueller Nötigung vor dem Landgericht verantworten.

Der junge Mann hat die Vorwürfe komplett bestritten. Die Berichte, er habe Kolleginnen immer wieder im Vorbeigehen die Büstenhalter aufgehakt, habe einer 30-Jährigen an die Brust gefasst und die Frau im Büro und im Kühlhaus des Marktes sexuell bedrängt, seien Teil einer Intrige, um seinen beruflichen Aufstieg zu verhindern, hat er dem Gericht nahegelegt. Dahinter könne der Vize-Marktleiter stecken, um dessen Posten es gegangen sei.

Sein früherer Chef allerdings will nichts davon wissen, dass eine solche Beförderung angestanden habe. Der 28-Jährige habe noch gar nicht die Qualifikationsstufe erreicht, um den Stellvertreter-Job überhaupt einnehmen zu können, sagt er am Mittwoch aus. Zwar habe der junge Mann für wenige Wochen einen Teil der Führungsaufgaben ausüben sollen, während der Vize in einer anderen Filiale aushalf. Die Rückkehr des Stellvertreters sei aber ausgemachte Sache gewesen. Von den Vorwürfen gegen den 28-Jährigen habe er zuerst von seinem Vize gehört, bestätigt er. Gemeinsam hätten sie beide dann mit der Frau gesprochen.

Auch dieser Stellvertreter wird als Zeuge gehört. Im Gegensatz zu seinem Chef will er einmal „im Lager“ mitbekommen haben, wie der Leiter der Obstabteilung Kolleginnen den BH öffnete. Der sei „geschickt in der Hinsicht“, sagt er. Der 28-Jährige auf der Anklagebank rümpft über diese Aussage die Nase.

Richter Jürgen Stanoschek hingegen will wissen, was der Vize-Chef wegen dieses Vorfalls unternommen habe. Er habe dem 28-Jährigen gesagt, er solle das lassen, sagt der Zeuge. Für ihn sei das aber „noch kein Anlass gewesen“, mit dem Chef zu sprechen. Von massiveren Übergriffen will er, obwohl privat mit der 30-Jährigen befreundet, erst viel später gehört haben. Dann habe man sich an den Vorgesetzten gewandt.

Dass seine Stelle infrage stand oder er Groll gegen den 28-Jährigen gehegt habe, weil er ihn als Quelle einer ungünstigen schriftlichen Beurteilung vermutetete, bestreitet der Vize. Die fragliche Beurteilung, sagt er, „war eigentlich okay“.

Ein Urteil in dem Prozess wird am 13. Juli erwartet. Zuvor soll noch ein weiterer Ex-Kollege des Angeklagten vernommen werden. Den Antrag der Verteidigung, ein Glaubwürdigkeitsgutachten für die 30-jährige Nebenklägerin einzuholen, lehnte die Kammer am Mittwoch ab.

Von Katja Schmidt

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