Von Nordhessen nach Darmstadt

Baunatalerin (85) sollte 200 Kilometer zur Coronaimpfung fahren

Die Rentner Margrit (85) und Justus Herbst (89) aus Baunatal versuchen seit Tagen sich über das Telefon für einen Impftermin anzumelden.
+
Chaotisch: Die Rentner Margrit und Justus Herbst aus Baunatal haben sich seit Tagen durch das Anmeldeverfahren für einen Impftermin gequält.

Eine 85-jährige Frau aus Baunatal sollte zum Impfen ins 200 Kilometer entfernte Darmstadt fahren.

Kassel /Baunatal- In den vergangenen Tagen hat die HNA über Impf-Chaos ohne Ende berichtet. Vor allem das problematische Prozedere für die Anmeldungen der über 80-Jährigen ließ auch in der Redaktion das Telefon nicht stillstehen. „Bitte helfen Sie mir, ich komme einfach nicht weiter“, wurden wir zigfach aufgefordert.

Inzwischen haben die ersten Senioren ihre Impftermine. Andere wurden vertröstet: Sie müssten sich noch gedulden, bis genügend Impfdosen vorrätig sind.

Doch das, was Margrit (85) und Justus Herbst (89) aus Baunatal erlebt haben, ist an Durcheinander mit Stresspotenzial kaum zu überbieten.

Wir hatten berichtet, was Margrit und Justus Herbst am Dienstag vor einer Woche, dem Datum, ab dem Impftermine vergeben werden sollten, widerfahren war: Gleich um 8 Uhr gehörte Margrit Herbst zu den seltenen Glückspilzen, die durchgekommen waren, nachdem sie die Servicenummer für eine Terminvereinbarung gewählt hatten. Die nette Dame am Telefon beglückwünschte sie sogar dazu. Doch als sie für die Seniorin online einen Termin festmachen wollte, war sie mit einer kollabierten Internetseite konfrontiert und beendete das Telefonat: „Ich kann keinen Termin eintragen. Probieren Sie es später noch mal.“

„Das tat ich dann auch über sämtliche angegebenen Kanäle, Telefonnummern und Internetseiten“, sagt Margrit Herbst.

Und tatsächlich bekam sie nach ein paar Tagen einen Impftermin für das Impfzentrum in Kassel: für den 18. Januar. Auch eine offizielle Codenummer war ihr zugeteilt worden. Als sie später die Uhrzeit erfragen wollte, hieß es: Sorry, an dem Tag wird gar nicht geimpft.

Doch Margrit Herbst gab nicht auf in ihrem Bestreben, für ihren Mann und sich Impftermine zu ergattern.

Schließlich bekam sie für Justus zwei Termine für die erste und auch für die zweite Impfung in Kassel. Dann hatte sie auch in eigener Sache Erfolg: zwei Termine an ganz anderen Tagen als ihr Mann und außerdem: an einem ganz anderen Ort. Nach Darmstadt solle sie sich am 2. Februar und anschließend am 13. März begeben, um dort geimpft zu werden, hieß es. „Ich dachte, das ist doch ein Witz“, sagt Margrit Herbst. Ihr sei ganz unwohl geworden bei dem Gedanken, nach Darmstadt fahren zu müssen. „Bei der Witterung ist diese Fahrt ja nicht ungefährlich“, meinte sie. Und deshalb fragte Margrit Herbst bei uns nach.

Wir haben die Frage, was es mit den ominösen Impfterminen für eine 85-Jährige in einer 200 Kilometer entfernten Stadt auf sich hat, dem hessischen Innenministerium gestellt.

Die Reaktion war Erstaunen: Ein Fall wie der von Frau Herbst sei dem zuständigen Innenministerium bisher nicht bekannt gewesen, lautete die Antwort. „Eigentlich erfolgt die Einteilung in das nächstgelegene Impfzentrum“, sagte Ministeriumssprecher Benjamin Crisolli. Nach der Registrierung würden die Daten der Senioren mit den Einwohnermeldeämtern abgeglichen. Anschließend würden sie dem richtigen Impfzentrum zugewiesen. Theoretisch könne sich Frau Herbst kostenfrei mit dem Taxi nach Darmstadt fahren lassen, erklärte er und fragte, ob Familie Herbst mal in Darmstadt gemeldet war. Nein, sagt Margrit Herbst. „Ich habe mit Darmstadt noch nie was zu tun gehabt.“

Schließlich gab der Sprecher einen Tipp: Frau Herbst solle sich an das zuständige Impfzentrum in Kassel wenden. Dort könne man den Termin ändern. Das war aber, wie sich bald herausstellte, überhaupt nicht möglich, denn Terminvergaben erfolgen nur über Wiesbaden.

Margrit Herbst ist eine selbstbewusste und resolute Frau, die sich so schnell nicht verunsichern lässt, aber dieses Hin- und Her habe doch an ihren Nerven gezehrt. „Ich bin erst mal in ein tiefes Loch gefallen“, sagte sie.

Sie könne zudem nicht verstehen, warum sie und ihr Ehemann nicht Termine am gleichen Tag bekommen können. Inzwischen sei sie bei ihrem Hausarzt gewesen und habe sich wieder beruhigt. Jetzt werde sie weitertelefonieren.

Zu guter Letzt: Auf erneute Pressenachfrage der HNA im Innenministerium hat Frau Herbst gestern Mittag doch noch ihre Impftermine in Kassel bekommen. (Christina Hein und Marie Klement)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.