Hauptsitz an der Friedrich-Ebert-Straße wird weitergeführt

Mit Etuis-Mertl schließt ein weiteres Traditionsgeschäft in der Kasseler Innenstadt

Der Räumungsverkauf hat schon begonnen: Matthias Pape-Herwig von der Inhaberfamilie der Firma Etuis-Mertl vor der Filiale, die seit 1983 mit Lederwaren, Reisegepäck und Acccessoires an der Wilhelmsstraße ansässig ist.
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Der Räumungsverkauf hat schon begonnen: Matthias Pape-Herwig von der Inhaberfamilie der Firma Etuis-Mertl vor der Filiale, die seit 1983 mit Lederwaren, Reisegepäck und Acccessoires an der Wilhelmsstraße ansässig ist.

Aus Kassels Innenstadt zieht sich ein weiteres Traditionsgeschäft zurück: Die Lederwarenhandlung Etuis-Mertl war 38 Jahre an der Wilhelmsstraße ansässig.

Kassel – Schlechte Nachrichten aus der Wilhelmsstraße in Kassel, die sich in der Vergangenheit stets als Meile des inhabergeführten Einzelhandels empfohlen hat: Die Traditionsfirma Etuis-Mertl wird dort nach 38 Jahren ihr Geschäft für Reisegepäck, Taschen und Leder-Accessoires aufgeben. Ein Räumungsverkauf ist am Freitag gestartet, der Hauptstandort an der Friedrich-Ebert-Straße wird aber weitergeführt. Dort gab es im Jahr 2018 einen großen Umbau, seitdem ist die Filiale von Etuis-Mertl doppelt so groß.

Der Schritt sei der Inhaberfamilie äußerst schwergefallen, sagte Geschäftsführerin Martina Pape, die den 110 Jahre alten Betrieb mit ihrem Mann in vierter Generation führt. Er sei aber notwendig gewesen, „um den Fortbestand der Firma nicht zu gefährden“. Letztlich seien die Einschränkungen und Umsatzausfälle durch Corona dafür ursächlich gewesen. Aber eine rückläufige Geschäftsentwicklung habe sich schon länger abgezeichnet: „Die Wilhelmsstraße hat immer mehr an Kundenfrequenz verloren“, sagt Martina Pape.

Traditionsgeschäft in Kassel schließt - Corona-Pandemie trägt zur Entscheidung bei

Wäre nicht auch noch die Pandemie gekommen, „hätten wir die Filiale vielleicht halten können“. Mit Click + Collect und mit Online-Verkäufen sei aber der Umsatzrückgang nicht aufzufangen gewesen. „Unsere Artikel wollen angefasst werden“, sagt die Inhaberin. Aber in Zeiten von Lockdown und Reiseverboten habe auch kaum jemand Verwendung für Gepäck oder eine schicke neue Tasche gehabt. Zudem gebe es von einigen Markenherstellern im Sortiment die Vorgabe, dass deren Artikel nicht in externen Onlineshops wie dem von Etuis-Mertl angeboten werden dürfen.

Da liege aber gar nicht das Problem, sagt Martina Pape. Es werde gern geklagt, das Internet sei schuld am Niedergang des inhabergeführten Einzelhandels, aber ihre Auffassung sei das nicht. Sie sieht eine abnehmende Attraktivität der Innenstadt und auch des Quartiers Wilhelmsstraße als Hauptursache.

Hauptgeschäft an der Friedrich-Ebert-Straße bleibt

Während es dort immer schwieriger werde, sei die Friedrich-Ebert-Straße seit deren großer Umgestaltung und Aufwertung im Aufwind. Am dortigen Hauptsitz, gegenüber dem Platz der elf Frauen, seien die Geschäfte zuletzt besser gelaufen. Der Grund: Dort ist der Schulranzen-Bereich von Etuis-Mertl angesiedelt, der einen wichtigen Teil der Umsätze ausmacht und weit weniger von den Pandemie-Einschränkungen betroffen war. Auch würden viele Kunden schätzen, dass die Parkmöglichkeiten und -tarife an der Friedrich-Ebert-Straße weitaus günstiger seien als im Zentrum, sagt Pape. Nach Schließung der Innenstadtfiliale würden alle dort Beschäftigten ins Hauptgeschäft übernommen.

Die Kasseler Traditionsfirma war von Hans Mertl 1910 gegründet worden. Er beherrschte das Etuismacher-Handwerk ebenso wie seine Tochter Martha Pape, die den Familienbetrieb nach dem Krieg wiederaufbaute. Die Spezialität des Hauses waren individuell gefertigte Musterkoffer mit vielen Fächern, die von Handelsvertretern genutzt wurden. Auch Walter Pape, der 1970 einstieg, hat so etwas noch bauen gelernt.

Die Filiale an der Wilhelmsstraße ist das Aufbauwerk seiner Frau Christa Pape: 1883 hatte sie als junge Mutter das Innenstadtgeschäft eröffnet und engagierte sich in den Folgejahren mit benachbarten Einzelhandelskollegen für das Quartier Wilhelmsstraße. Tochter Martina und Schwiegersohn Matthias Pape-Herwig führen die Firma Etuis-Mertl seit 2015. (Axel Schwarz)

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