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Tiefe Trauer um Antonia Ringborg (20) – Sie hat die Welt besser gemacht

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Von: Christina Hein

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War für ihr großes Engagement für Menschen in Not ausgezeichnet worden: Hier hat Antonia Ringborg die Paul-Harris-Medaille der Rotarier entgegengenommen. (Archivfoto)
War für ihr großes Engagement für Menschen in Not ausgezeichnet worden: Hier hat Antonia Ringborg die Paul-Harris-Medaille der Rotarier entgegengenommen. (Archivfoto) © Patrik Ringborg

Antonia Ringborg ist tot. Die engagierte Frau aus Kassel starb im Alter von 20 Jahren an ihrem langjährigen Krebsleiden. Mit Hilfsprojekten für Menschen in Not hatte sie zahlreiche Menschen zum Hinsehen und Mithelfen animiert.

Kassel – Für unseren Jahresrückblick durfte ein besonderer Mensch, ein außergewöhnliches Thema, nicht fehlen: Antonia Ringborg und ihre im zurückliegenden Jahr gegründete Spendengemeinschaft für Menschen in akuter Not. Dazu haben wir uns mit der 20-jährigen Kasselerin noch vor Kurzem in der Wohnung ihrer Mutter getroffen. Stark geschwächt von ihrer fortgeschrittenen Krebserkrankung unterhielt sie sich mit uns, auf dem Sofa sitzend, eine wärmende Decke bis unters Kinn gezogen, angeregt und wie so oft mit strahlenden Augen.

„Was für ein atemloses und erfolgreiches Jahr mit sich überschlagenden Ereignissen liegt hinter Antonia Ringborg“ hatten wir schon für einen Artikel formuliert. Da erreichte uns die Nachricht, dass Antonia am vergangenen Mittwoch, 22. Dezember, verstorben ist. Weil ein Hirntumor Antonias Lebenszeit immer weiter begrenzt hatte, wie sie offen erzählte, war ihr Tod nicht unerwartet gekommen. Dafür aber umso schmerzhafter und bestürzender für die Hinterbliebenen: Ein Sonnenstrahl leuchtet nun nicht mehr.

Trauer um Antonia Ringborg aus Kassel: Sie animierte Menschen zum Hinschauen und Helfen

So lange es ging, hat sich Antonia mit ganzer Kraft für ihr Spendenprojekt – vor allem für Geflüchtete – engagiert. Am Ende starb die junge Frau zuhause im Kreis ihrer Familie, den Eltern Anne und Patrik Ringborg sowie ihrer 23-jährigen Schwester Rebecca, medizinisch umsorgt vom Palliative-Care-Team des DRK. „Sie hat noch viele ernste aber auch lustige Sachen gesagt“, erzählt uns Patrik Ringborg. Und sie habe sich um die Geflüchteten gesorgt, dass die an Weihnachten ohne Obdach seien und auch keine Weihnachtsgeschenke bekämen. „Ich bin zuständig“, habe sie gesagt.

Mit ihrer Spendengemeinschaft hatte Antonia in weniger als zwölf Monaten die enorme Summe von 150.000 Euro für Menschen in akuter Not gesammelt. Inzwischen sei die Summe auf über 170.000 Euro angestiegen, so Patrik Ringborg. Erfolgreich war Antonia vor allem deshalb, weil es ihr gelungen war, unzählige Menschen zum Hinschauen und Helfen zu animieren. „Das macht mich glücklich“, hatte sie uns gesagt.

Christian Geselle überreicht Antonia Ringborg (Mitte) die Ehrennadel. Rechts Stadtverordnetenvorsteherin Martina van den Hövel-Hanemann.
Oberbürgermeister Christian Geselle überreichte Antonia Ringborg die Ehrennadel. Rechts Stadtverordnetenvorsteherin Martina van den Hövel-Hanemann. (Archivbild) © Pia Malmus

Trauer um Antonia Ringborg: Kasselerin wurde mit Auszeichnungen gewürdigt

Ihr Spendenerfolg hat auch mediales Interesse ausgelöst. Antonia Ringborg war eine gefragte Interview-Partnerin. Den Höhepunkt an überregionaler Aufmerksamkeit erlebte ihr Spendenaufruf im Herbst, als er Thema in der Sendung „37 Grad“ im ZDF war. Im Frühjahr wird ein Film in der ARD ausgestrahlt.

Zudem gab es verschiedene Auszeichnungen. Neben der Ehrennadel der Stadt Kassel bekam sie die Paul-Harris-Medaille der Rotarier (die vor ihr unter anderem Mutter Theresa erhalten hat). „Danke, dass du als Bürgerin dieser Stadt unter uns und uns ein Licht und Vorbild bist“, hatte Oberbürgermeister Christian Geselle sie gewürdigt.

Doch das Jahr hat eben auch Bedrückendes gebracht: In den letzten Monaten war Antonia Ringborgs Gesundheitszustand schlechter geworden. Sie war zwölf Jahre alt, als der Krebs diagnostiziert und sie das erste Mal operiert wurde. Dabei erlitt sie einen Schlaganfall, der sie beim Sprechen und anderen Aktivitäten beeinträchtigte. Sieben, acht Mal sei sie operiert worden. Sie habe aufgehört zu zählen, erzählte sie. Am Ende war der Tumor nicht mehr operabel.

Antonia Ringborg: „Komischerweise hat mir ausgerechnet die Krankheit gezeigt, wie gut ich es in Europa habe“

Doch Antonia ließ nicht nach in ihrem Engagement. Schon immer war sie ein sozial und politisch aktiver Mensch, etwa als langjähriges Mitglied in der Umwelt-Organisation Greenpeace. Aufgeschreckt hatten sie vor einem Jahr die Bilder von den menschenunwürdigen Zuständen im Flüchtlingslager Moria. „Alle sehen das Elend im Fernsehen und keiner unternimmt was!“ Für Antonia Ringborg war der Gedanke unerträglich.

Antonia Ringborg mit ihrem Hund Gianni
Antonia Ringborg mit ihrem Hund Gianni: Die Kasselerin hatte dazu aufgerufen, für die UN-Flüchtlingshilfe zu spenden. (Archivbild) © Christina Hein

Spontan postete sie auf Facebook ein Video mit einem Spendenaufruf. Darin redet sie auch über ihren Krebs: „Komischerweise hat mir ausgerechnet die Krankheit gezeigt, wie gut ich es in Europa habe. Jetzt habe ich einen Tumor, der nicht mehr behandelt werden kann und zu meinem Tod führen wird. Aber ich möchte nicht sterben mit dem Wissen, dass ich nichts verändern konnte. Darum bitte ich: Helft mir, etwas zu verändern!“ Die Reaktionen waren überwältigend. Immer mehr Geld kam zusammen. Antonia leitete die Spenden an Hilfsorganisationen wie die UNO-Flüchtlingshilfe oder das schwedische Rote Kreuz weiter. Neue Hilfsprojekte kamen dazu, etwa als in Indien die Menschen an Corona starben, weil zu wenig Sauerstoff vorhanden war.

Im Januar gründete Antonia mithilfe ihres Vaters, Kassels ehemaligem Generalmusikdirektor, den Verein „Antonia Ringborgs Spendengemeinschaft“. Das Spendensammeln ist jetzt mit dem eingetragenen Verein nachhaltig geworden.

„Mir bleibt nicht mehr viel Zeit zum Leben“, hatte Antonia uns zuletzt gesagt. Diese Zeit müsse sie unbedingt nutzen, weiter dazu beizutragen, die Welt etwas besser zu machen. Das ist ihr gelungen. Im Kasseler Rathaus liegt ein Kondolenzbuch aus, in dem sich Menschen, die ihrer Trauer um Antonia Ringborg Ausdruck verleihen möchten, eintragen können. (Christina Hein)

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