Das Treffen von Kanzler Brandt und DDR-Regierungschef Stoph sah eine Stadt im Ausnahmezustand

Die Welt blickte auf Kassel

Steifer Start: DDR-Ministerpräsident Willi Stoph (links) und Bundeskanzler Willy Brandt nach der Ankunft auf dem Bahnhof Wilhelmshöhe. Foto: dpa

Vor 40 Jahren empfing Bundeskanzler Willy Brandt in Kassel DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zum innerdeutschen Gipfel. Das historische Ereignis stand nach zahlreichen Zwischenfällen am Rande des Abbruchs.

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Er servierte Stoph den Kaffee

Am Donnerstag, 21. Mai 1970, ist für Kassel der große Tag endlich gekommen: Gegen 9:30 Uhr trifft die DDR-Delegation mit einem Sonderzug auf dem Bahnhof Wilhelmshöhe ein. An Gleis 3 begrüßt ein ernst wirkender Bundeskanzler Willy Brandt seinen Gast, DDR-Ministerpräsident Willi Stoph.

Es ist erst das zweite Treffen der Regierungschef der beiden deutschen Staaten nach dem historischen Besuch Brandts wenige Wochen zuvor in Erfurt. Die Menschen im geteilten Deutschland hoffen, dass von Kassel aus ein Signal für verbesserte Beziehungen ausgehen möge. 1000 Journalisten aus dem In- und Ausland sind zu dem mit Spannung erwarteten Gipfel angereist, freie Hotelzimmer gibt es schon seit Tagen nicht mehr. Vor dem Schlosshotel ragen Fernsehsendemasten in die Höhe.

Begleitet von sieben Motorradfahrern der Kasseler Polizei fahren Brandt und Stoph durch ein dichtes Spalier winkender Menschen über die Wilhelmshöher Allee Richtung Schlosshotel.

Die Stimmung ist durch Demonstranten jeglicher Couleur aufgeheizt. Knallkörper explodieren, Flugblätter wirbeln durch die Luft, ein Mann wirft sich auf die Kühlerhaube der mit den Standern der Bundesrepublik und der DDR geschmückten Mercedes-Limousine. Endlich erreicht die Wagenkolonne den weiträumigen Sperrbezirk, der rund um das Schlosshotel errichtet worden ist.

Zwischenfall vor dem Schloss: Rechtsradikalen war es gelungen, die DDR-Flagge vom Fahnenmast zu holen. Foto: Baron

Bevor die Gespräche überhaupt inhaltlich werden können, unterbricht Stoph den Bundeskanzler. Gerade hat man ihm einen Zettel in den Tagungssaal gereicht: Drei Rechtsextremisten aus Schleswig-Holstein, die sich als Journalisten getarnt in den Sperrbereich schleichen konnten, haben die DDR-Flagge vor dem Schlosshotel vom Mast geholt. Stoph protestiert, Brandt entschuldigt sich, die Gesprächsatmosphäre ist gereizt. Und nach einem Mittagessen steht das Gipfeltreffen sogar vor dem Abbruch. Stoph will wie geplant am Mahnmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten am Weinberg einen Kranz niederlegen.

Doch dort und an anderen Stellen in der Stadt prügeln inzwischen rechte und linke Demonstranten aus der ganzen Bundesrepublik aufeinander ein, es kommt zu Auseinandersetzungen mit der trotz Verstärkung überforderten Kasseler Polizei.

Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel

Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel
Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel © HNA
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Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel
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Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel
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Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel
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Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel
Vor 40 Jahren: Brandt und Stoph in Kassel © HNA

Die DDR-Delegation bläst die Kranzniederlegung ab, weil „die BRD-Behörden die Sicherheit des Ministerpräsidenten nicht gewährleisten“ könnten. Die Stimmung sinkt auf den Nullpunkt. Erst am Abend, als die meisten Demonstranten abgezogen sind und die Polizei die Lage wieder im Griff hat, kann Stoph seinen Kranz doch noch niederlegen. Eine neue Peinlichkeit wird erst am nächsten Morgen bekannt: Unbekannte entwenden nachts die Schleifen des Kranzes.

Doch davon weiß noch niemand etwas, als Kanzler Brandt seinen DDR-Besucher gegen 22 Uhr auf dem Bahnhof verabschiedet. Man will eine Denkpause einlegen, aber den Dialog fortsetzen.

Kassel atmet auf, der aufregendste Tag der Nachkriegsgeschichte ist zu Ende.

Von Wolfgang Blieffert

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