Ivy kann bald nach Hause

Welt-Frühgeborenen-Tag: Paar aus der Region berichtet von Frühgeburt der Tochter

Jara und Malte Tietz aus Staufenberg mit ihrer zu früh geborenen Tochter Ivy.
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Stolze Eltern: Jara und Malte Tietz mit ihrer Tochter Ivy. Sie kam in der 29. Schwangerschaftswoche zur Welt, wog keine 1400 Gramm und war nur 41 Zentimeter groß.

DIe Tochter von Jara und Malte Tietz aus Staufenberg kam fast drei Monate zu früh im Klinikum Kassel zur Welt. Zum Welt-Frühgeborenen-Tag am 17. November berichten sie von dieser Ausnahmesituation.

Kassel – Jara und Malte Tietz lächeln. Das ist trotz Mundschutz zu erkennen. Ihre Augen leuchten. Sie halten Händchen. Liebevoll streichelt der Ehemann den Rücken seiner Frau. Das junge Paar aus Staufenberg ist glücklich. Erleichtert. Das ist in den zurückliegenden Wochen nur selten der Fall gewesen. Ihre Tochter Ivy kommt am 6. Oktober fast drei Monate zu früh zur Welt, wiegt bei der Geburt gerade einmal 1370 Gramm – zum errechneten Termin geborene Babys bringen um die 3500 Gramm auf die Waage.

Aber Ivy erweist sich als kleine Kämpferin, sie wird im Intensivbereich der Neonatologie, der Frühchen-Station, im Klinikum Kassel betreut und aufgepäppelt. Mit Erfolg. „Sie hat den großen Sprung ins Leben geschafft“, sagt der stolze Vater. Bald kann Ivy nach Hause. Dann beginnt das normale Familienleben. Davon sind die 31- und der 34-Jährige im vergangenen Monat weit entfernt. Das ist ihre bewegende Geschichte.

Die Wehen kamen zu früh

Die Schwangerschaft verläuft ohne Komplikationen. Als Geburtstermin ist der 28. Dezember errechnet. Sie habe einen schönen runden Bauch gehabt, erzählt Jara Tietz, die an der Marie-Hassenpflug-Schule in Schauenburg als Grundschullehrerin ihr Geld verdient. Der werdende Vater nimmt sich extra Urlaub, um im Haus das Zimmer für die Kleine herzurichten. Malte Tietz arbeitet als Diensthundeführer bei der Polizei in Kassel. Doch zum Heimwerken kommt er nicht mehr.

Am Morgen des 5. Oktober wacht Jara Tietz mit Wehen auf. Sie ist irritiert. Ivy ist ihr erstes Kind, die Mutter vermutet, dass es sich um Übungswehen handelt. Damit liegt sie falsch. Sie kommt ins Klinikum, darf nicht aufstehen. Der Vater ist verständigt, eilt mit Herzrasen herbei. Unsicherheit. Jara ist doch erst in der 29. Schwangerschaftswoche.

Mit Wehenhemmern soll versucht werden, die Geburt bis in die 34. Woche hinauszuzögern. Das Paar stellt sich auf sechs Wochen Klinik-Aufenthalt ein. Doch es kommt erneut anders. Tags darauf fallen die Herztöne des Kindes ab. Schlagartig sei die Stimmung im Raum gekippt, erinnert sich Jara Tietz. Dann der Satz des Oberarztes: „Wir können nicht mehr warten.“ Jetzt geht alles ganz schnell. Kabel fliegen. Was passiert da? „Das alles kam mir sehr unwirklich vor“, sagt die 31-Jährige.

Die Geburt mit Notkaiserschnitt und Vollnarkose

Jara Tietz bekommt es mit der Angst zu tun. Es sei keine Entbindung, „wenn ich nichts mitkriege“. Sie hat sich das alles anders ausgemalt. Dass sie ihr Kind nach der Geburt auf die Brust legen kann, dass der Papa mit dabei ist und ihre Hand hält.

Malte Tietz muss jedoch draußen warten. Hilflos, im Tunnel, wie er berichtet. Die Zeit fühlt sich ewig an. Wut steigt in ihm auf, weil er seiner Frau nicht beistehen darf. Verzweiflung, dass etwas Schlimmes passiert. Endlich steht eine Schwester vor ihm und berichtet, dass das Kind rosig aussehe, der Mutter gehe es gut, die OP sei gut verlaufen. Er atmet durch. Erst dann wird ihm bewusst, was sich gerade abgespielt hat.

Der erste Kontakt mit dem Baby

Drei Stunden nach der Geburt ist es der Vater, der das Baby zuerst sieht. Ivy liegt im Inkubator, dem Brutkasten, sie wird beatmet, der Kreislauf muss stabilisiert werden, es gibt zentrale Gefäßzugänge, außerdem erhält die Kleine ein Antibiotikum, weil von der Mama ein Infekt übertragen wurde. Zuerst ist er schockiert – die Kabel, die Maschinen. Aber Ivy liegt friedlich da, klein und zerbrechlich. Und irgendwie beruhigt ihn auch die Technik. „Ich wusste, sie ist stabil und wird gut versorgt.“ Der erste Schock löst sich.

Bis heute fällt es ihm schwer zu beschreiben, was er in diesem Moment empfindet. Er darf Ivy berühren. Sie habe sich samtig und unglaublich weich angefühlt. Malte Tietz ist überwältigt und sofort verliebt in seine Tochter.

Der Mama ist ein wenig mulmig zumute, als sie ihr Kind zum ersten Mal zu Gesicht bekommt. „Ich hatte Angst, dass die Gefühle ausbleiben, weil nichts so war, wie ich es mir vorgestellt hatte“, gesteht sie. Vor lauter Apparaturen habe sie Ivy erst gar nicht richtig sehen können. Jara Tietz spricht von Berührungsängsten. Die verfliegen im Nu, als ihr das Baby am nächsten Tag nackt mit einem Tragetuch auf die Brust gelegt wird – Känguruhen nennt sich das. Dann brechen alle Dämme, wie es die Mutter ausdrückt. Ihr Körper reagiert, die Milchproduktion beginnt. Endlich erwacht das Gefühl, das sie sich monatelang versucht hat auszumalen: pure Zuneigung. Liebe.

Die Trennung: Ivy muss im Klinikum bleiben

Umso härter trifft die Eltern der Abschied. Vier Tage nach der Geburt darf die Mama wieder nach Hause, das Baby muss auf der Station bleiben. „Die Trennung war furchtbar.“ In der Folgezeit fließen viele Tränen. Das gemeinsame Ankommen im eigenen Heim, das Einleben – auch diese Vorstellung erfüllt sich nicht. „Das hat sich alles so falsch angefühlt.“ Dem Vater fällt es in dieser Phase nicht leicht, stark für seine Frau zu sein. Er versucht es.

Besser wird es erst, als Jara Tietz ein Zimmer im Elternhaus direkt gegenüber der Kinderklinik bekommt. Nun ist sie viel öfter bei ihrer Tochter. Sie kann mehr tun, wird in die Versorgung eingebunden, gibt Ivy die Flasche, hilft bei der Krankengymnastik mit. Das Stationsteam habe ihnen Sicherheit vermittelt, sagen die Eltern: „Hier sind alle empathisch und geduldig. Auch wenn wir dieselbe Frage zum x-ten Mal stellen, wird sie beantwortet.“

Die Fortschritte: Alltag findet im Klinikum statt

Der Familienalltag spielt sich im Klinikum ab. Ivy macht Fortschritte, von Komplikationen bleibt sie verschont. Nach einem Monat kommt sie aus dem Inkubator und zieht um in ein Wärmebettchen. Zum ersten Mal wird sie gebadet. „Sie fand es super“, sagen die Eltern. Ihre Tochter liebe Kopfmassagen. Und sie wisse jetzt schon, was sie will.

Im nächsten Schritt soll Yvi vom Intensiv- in den Beobachtungsbereich verlegt werden. Ziel ist es, dass sie ohne maschinelle Unterstützung atmen kann, dass sie nicht mehr überwacht werden muss. Mama und Tochter üben bereits das Stillen. Und wie es aussieht, darf die Kleine Anfang Dezember nach Hause. Die Großeltern könnten es kaum erwarten, sagt die Mutter: „Dann wird endlich alles so, wie wir es uns ausgemalt haben.“ Ein größeres Weihnachtsgeschenk kann es für Familie Tietz nicht geben. (Robin Lipke)

Welt-Frühgeborenen-Tag

Jedes Jahr wird am 17. November weltweit auf die Belange von Frühgeborenen und ihren Familien aufmerksam gemacht. Das Datum für den Welt-Frühgeborenen-Tag wurde 2008 von der EFCNI (European Foundation for the Care of Newborn Infants) beschlossen. Dieses Datum hat für einen der Stiftungsgründer der EFCNI eine besondere Bedeutung. Nach dem Verlust von Drillingsfrühchen wurde er am 17. November 2008 Vater einer gesunden Tochter. 

Fakten zum Thema Frühgeburten

  • In Deutschland wird jedes zehnte Kind als Frühchen geboren. Von einem Frühgeborenen ist die Rede, wenn es vor der 37. Woche zur Welt kommt.
  • Die größten Risiken bestehen darin, dass Lunge und Darm noch nicht funktionsfähig sind. So können die Babys nicht selbstständig atmen und nicht ernährt werden.
  • Auf der Frühchen-Station, der Neonatologie, im Kasseler Klinikum werden im Jahr rund 700 Frühchen behandelt. Darunter sind etwa 100 kritische Fälle, deren Gewicht bei der Geburt nicht mal 1500 Gramm beträgt.
  • Für die Versorgung eines Frühchens sind bei der Geburt sechs Mitarbeiter im Einsatz. Die Neonatologie im Klinikum ist unterteilt in einen Intensiv- und einen Beobachtungsbereich.
  • Am heutigen Welt-Frühgeborenen-Tag wird die Station geschmückt. Außerdem wird das Klinikum wie andere Gebäude weltweit auch in den Abendstunden violett angestrahlt. 

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