Palast der vier Winde: Die Eröffnung des Bahnhofs Wilhelmshöhe

Rückblick: So sah der Bahnhof Wilhelmshöhe früher aus. Auch das Umfeld hat sich seit 1991 enorm entwickelt.

Kassel. Kritik gab und gibt es genug. Die steilen Rampen zu den Bahnsteigen sind bundesweit einmalig und eine tägliche Zumutung. Die Fahrstühle zum Parkdeck hat die Bahn erst nach Protesten eingebaut, die Toiletten fast ganz vergessen.

Die Verkehrsführung vor dem Säulendach ist ein unübersichtliches Gewusel, es gibt zu wenige Parkplätze, der fehlende Warteraum ist ein Ärgernis, das die Bahn konsequent ignoriert. Und doch: Der IC Bahnhof Wilhelmshöhe hat einen ganzen Stadtteil in die Neuzeit katapultiert. Vor 20 Jahren wurde er eröffnet, als Palast der vier Winde (zugiger Vorplatz unter dem Säulendach) verspottet und als Kassels Tor zur Welt gelobt.

Am 29. Mai 1991 drückte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker symbolträchtig auf einen grünen Knopf und gab damit das Startsignal für die Fahrt ins ICE-Zeitalter. Bis dahin waren die Fernzüge auf der Nord-Süd-Schiene über Bebra und damit in einem weiten Bogen um Kassel herum gefahren.

Prominenz zur Eröffnung: 1991 gab Bundespräsident Richard von Weizsäcker (ganz rechts) das Startsignal. Neben ihm sind der damalige Ministerpräsident Hans Eichel, Karin Eichel und OB Wolfram Bremeier zu sehen.

Im Jahr zwei nach der Grenzöffnung war Kassel im Bahnverkehr aus dem Zonenrandgebiet in die Mitte Deutschlands gerückt. Und das auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke, die zum Beispiel die Fahrtzeit nach Fulda von 90 Minuten auf eine halbe Stunde verkürzte. 100 Millionen Mark (50 Millionen Euro) kostete der Fernbahnhof damals. Er hat einen Bauboom im Umfeld ausgelöst, der aus dem verschlafenen Vorort ein modernes Zentrum im Kurort Bad Wilhelmshöhe gemacht hat.

Einer, der diese Entwicklung von Anfang an begleitet hat, ist der Immobilienkaufmann Siegfried Putz (61), der sein Büro im ebenfalls 1991 eröffneten City Center hat. „Der Bahnhof war ein Glücksfall“, sagt Putz. Er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Wilhelmshöhe, die 103 Einzelhändler und Dienstleister im Stadtteil vertritt. Mehr Mitglieder hat in Nordhessen keine vergleichbare Gruppierung, nicht mal die City-Kaufleute in der Innenstadt. In Bad Wilhelmshöhe gibt es sie noch, die inhabergeführten Fachgeschäfte. Leerstand ist ein Fremdwort. Undenkbar, dass es hier Ärger wegen der Finanzierung der Weihnachtsbeleuchtung geben könnte. Zurückhaltung gibt es lediglich bei den Öffnungszeiten. Eigentlich könnten sie in Bad Wilhelmshöhe jeden Sonntag die Geschäfte aufmachen. Weniger ist mehr, so die Überzeugung. Jeder erste Sonntag im Monat reicht.

Der Bahnhof strahlt aus. Die modernen Bürogebäude an der Wilhelmshöher Allee und der Bertha-von-Suttner-Straße bis zum Technologiepark Marbachshöhe sind ein Beleg dafür.

Siegfried Putz kann sich noch an die Befürchtungen von damals erinnern, im Bahnhofsumfeld könne sich ein Rotlichtviertel mit Drogenhandel und Spielhallen entwickeln. „Nichts davon ist eingetreten, der Bahnhof Wilhelmshöhe ist ein Motor für eine ausgesprochen positive Entwicklung“, sagt er.

Von Thomas Siemon

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