Den letzten Weg nicht allein gehen

Welthospiztag: Susann Kohlschütter über das Problem, Sterbebegleiter zu finden

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Den letzten Weg nicht allein gehen: Sterbebegleiter sind gefragt.

Sterbebegleitern fehlt es an Vielfalt. Darüber sprachen wir zum Welthospiztag mit Koordinatorin Susann Kohlschütter.

„Bunt in die Zukunft“ – mit diesem Motto wirbt der Kasseler Hospital Verein, der Hospizdienst am Palliativzentrum Nordhessen, für das Ehrenamt. Auffällig ist, dass es beim Blick auf die Sterbebegleiter an Vielfalt fehlt. Darüber sprachen wir zum Welthospiztag am 12. Oktober mit Koordinatorin Susann Kohlschütter.

Frau Kohlschütter, wie schwer ist es, Menschen für das Ehrenamt im Bereich der Hospizarbeit zu finden?

Es ist zumindest nicht leicht. Die Menschen müssen erst einmal die Hürde nehmen, sich von uns ansprechen zu lassen oder zu einer Veranstaltung von uns zu gehen. Die Wenigsten kommen zu diesem Ehrenamt und haben mit dem Thema an sich gar nichts zu tun. Es fällt also schwer, Menschen zu gewinnen, die nicht ohnehin schon mit einer Sterbebegleitung im privaten Umfeld zu tun hatten.

Was ist das Problem bei den Menschen, die mit der Sterbebegleitung noch nichts zu tun hatten?

Viele Menschen haben Angst vor einer Begleitung, weil sie dadurch mit dem Tod konfrontiert werden und ihnen dadurch stärker bewusst wird, dass auch ihr Leben endlich ist. Sie wissen oft nicht so recht, wie sie sterbenskranken Menschen begegnen sollen. Sie haben also ganz normale Bedenken.

Wie nehmen Sie den Menschen diese Ängste?

Indem ich davon erzähle, dass Sterben nicht etwas ist, vor dem man Angst haben muss und dass es zum Leben gehört. Und indem sie sich damit beschäftigen, können sie die Angst davor verlieren. Sterben hat nichts Romantisches, nichts Furchtbares, nichts Schreckliches. Außerdem bereiten wir die Begleiter auf ihre Arbeit intensiv vor, sodass sie mit einer gewissen Professionalität die Begleitung aufnehmen.

Viele stellen sich unter der Arbeit als Sterbebegleiter etwas sehr Ernstes vor. Ist es so?

Sterbebegleitung ist natürlich auch traurig, aber eben nicht nur. Es wird auch viel gelacht. Aber klar ist: Wenn ich das mache, heißt es, irgendwann Abschied von einem Menschen zu nehmen. Da kann eine gewisse Leere entstehen, selbst wenn der Begleiter mit dem nötigen Abstand seine Tätigkeit aufgenommen hat. Aber wenn diese Tätigkeit dann mit dem Gefühl endet, dem Sterbenden noch etwas gegeben zu haben, hat das etwas Befriedigendes.

Inwiefern?

Die Lebensgeschichten der Menschen, die man begleitet, sind etwas ganz Tolles. Aus ihnen kann man viel für sich mitnehmen, sie bereichern das eigene Leben. Wir haben Sterbebegleiter, die davon berichten, dass wirklich noch Freundschaften entstanden sind mit den Menschen, die sie begleitet haben. Sie berichten davon, dass sie am Ende fast zur Familie gehörten, was ihnen selbst viel gegeben hat.

Sind Menschen, die sterben, offener?

Nein. So, wie sie im Leben waren, sind sie beim Sterben auch. Menschen, die vorher verschlossen waren, werden sich beim Sterben nicht öffnen. Deshalb schauen wir immer, dass der Begleiter zu dem Menschen passt, der begleitet wird.

Wer fehlt Ihnen vornehmlich bei der ehrenamtlichen Tätigkeit?

Unser Motto lautet ja: Das Ehrenamt soll bunt werden. Das hat damit zu tun, dass die Menschen, die unser Ehrenamt ausfüllen, in der Regel weiblich sind, über 60 und der Mittelschicht angehören. Die Hospizidee soll aber allen zugutekommen. Und wenn wir alle begleiten wollen, brauchen wir auch Ehrenamtliche, die all das widerspiegeln: also Menschen verschiedener religiöser Weltanschauung, Junge, Alte, Frauen, Männer.

Was ist das Problem bei den Männern?

Das hat noch viel mit dem klassischen Bild zu tun: Viele denken immer noch, Sozialarbeit sei Frauenarbeit. Vielleicht ist es auch die Angst der Männer, viel reden zu müssen, wobei das nicht immer der Fall ist. Viele Männer wünschen sich gerade auch einen männlichen Begleiter.

Benötigen Sie insgesamt mehr Ehrenamtliche?

Ja, weil die Begleitung mehr gefragt wird. Das hat auch damit zu tun, dass sich die traditionellen familiären Strukturen aufgelöst haben: Die Menschen werden älter, die Angehörigen wohnen oft nicht am selben Ort – das sind alles Dinge, die dazu führen, dass die Angehörigen nicht mehr selbstverständlich die Sterbebegleitung übernehmen. Hinzu kommt, dass die Menschen immer später Kinder bekommen und diese Kinder dann noch jünger sind, wenn ihre Eltern sterben, also noch voll im Berufsleben stehen.

Termin:Susann Kohlschütter und der Kasseler Hospital Verein informieren am heutigen Samstag auch über das Ehrenamt im Bereich der Hospizarbeit: von 10 bis 13 Uhr in der Buchhandlung Brencher in Bad Wilhelmshöhe.

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