Tochter erinnert sich

1. Weltkrieg: Siebenjährige hob Sonderdruck zur Mobilmachung auf

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Vor 100 Jahren: Das Extrablatt zur Mobilmachung.

Kassel. Eigentlich wollte sie nur aufräumen, ein paar Dinge aussortieren und etwas Platz schaffen. Doch dann stieß Gisela Steuber (79) auf die fast vergessene Kiste mit dem Nachlass ihrer Mutter.

Darunter war das Extrablatt vom 1. August 1914. Die Mobilmachung vor 100 Jahren wurde damals verkündet. An diesem Samstag erschien die Zeitung „Casseler Tageblatt und Anzeiger“ um 19 Uhr mit diesem einseitig bedruckten Blatt.

„Das kannst du nicht wegwerfen, habe ich sofort gedacht“, sagt Gisela Steuber, die mit ihrem Mann viele Jahre die gleichnamige Gärtnerei in Bettenhausen betrieben hat. Was ihre Mutter damals bewogen hat, diesen Zeitungsdruck aufzuheben, weiß sie nicht. Darüber haben sie nie geredet.

Sie hat die Zeitung aufgehoben: Martha Fremder wurde nur 57 Jahre alt.

Fest steht, dass Martha Ludovici (so ihr Mädchenname) damals gerade mal sieben Jahre alt war. Sie wohnte mit ihren Eltern am Grünen Weg in der Nähe der heutigen Arbeitsagentur. Der Vater war Kunstschmied und betrieb später eine Gastwirtschaft. Eine hervorragende Schwimmerin sei ihre Mutter gewesen. Im Sommer trainierte sie beim Casseler Schwimmverein an der Fulda. Das einzige erreichbare Hallenbad in den 1920er-Jahren habe es in Göttingen gegeben. Dort habe die junge Sportlerin im Winter trainiert. Das gab Ärger daheim. Die Amalienschule, auf die sie ging, drohte mit einem Verweis. Der Vorwurf: Sie habe in einem Becken zusammen mit Jungs geschwommen. Das sah die sittenstrenge Schulleitung gar nicht gern.

Gisela Steuber

Nach ihrer Hochzeit hieß Martha dann Fremder und zog zu ihrem Mann nach Wahlershausen. Die Gaststätte, in der heute das Lokal „Zum Rammelsberg“ untergebracht ist, gehörte früher den Fremders. Die Landwirtschaft ernährte die Familie auch in schweren Kriegszeiten. „Wir konnten immer erst zum Sport, wenn die Tiere gefüttert und die Ernte eingefahren war“, erinnert sich Gisela Steuber, geborene Fremder. Vergleichsweise spät, mit 16 Jahren, kam sie zum Schwimmsport. „Da hören die jungen Mädchen heute schon fast wieder auf“, sagt sie.

Als Schülerin war sie mit ihrer Schwester nach Frankenberg evakuiert worden. An die Flucht vor den Bomben auf der Ladefläche eines Kohlenlasters erinnert sie sich noch und an die Angst vor Tieffliegern. Wenn sie sich heute die Bekanntmachung von vor 100 Jahren ansieht, dann kann sie nur mit dem Kopf schütteln. Insbesondere über die angebliche Begeisterung damals.

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