Landgraf wollte die Welt beeindrucken

Kassels Herkules wird 300 Jahre alt: Die Geburtsstunde eines Wahrzeichens

Knapp an der Realität vorbei: Auch mit diesem Gemälde von Jan van Nickelen machte der Landgraf Werbung in eigener Sache. Repro:  MHK/nh

Kassel. Heute möchte die Gesamtanlage, die seit 2013 zum Weltkulturerbe gehört, niemand mehr missen. Vor 300 Jahren, als der Herkules fertig wurde, haben ihn auch viele verflucht und Landgraf Karl Größenwahn vorgeworfen.

Der Herkules feiert in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag. Als Wahrzeichen hat er Kassel geprägt. In einer Serie beleuchten wir die Baugeschichte und verschiedene Lebensbereiche der Stadt.

Der Aufwand war enorm, die Wasserspiele mit dem Herkules als Krönung kosteten Unsummen. Doch wen wollte der Herrscher mit dem Monumentalbauwerk eigentlich beeindrucken? „Unter anderem den französischen Regenten Ludwig XIV.“, sagt Prof. Gerd Weiß. Der ehemalige oberste Denkmalpfleger Hessens ist einer der besten Kenner des Gesamtkunstwerks Bergpark Wilhelmshöhe. Alle wichtigen Königshäuser seien über die Baupläne Landgraf Karls informiert gewesen. Die Botschaft: Seht her, welche Macht ich habe und was ich mir leisten kann.

Originalgetreue Nachbildung aus Wachs: Landgraf Karl im Naturkundemuseum.

Als die Bauarbeiten für den die Wasserkünste mit dem Herkules als Abschluss im Jahr 1701 begannen, bekam nicht nur der französische Sonnenkönig Post aus Kassel, sondern auch zahlreiche andere Regenten. Landgraf Karl hatte seinen italienischen Baumeister Francesco Guerniero damit beauftragt, Kupferstiche des geplanten Großbauwerks anfertigen zu lassen.

Ziel war die erste Liga

Damit wollte er Eindruck machen und zeigen, dass er gewillt war, in der ersten Liga der absolutistischen Herrscher mitzuspielen. Denn darum ging es bei dem Großbauwerk in erster Linie. Als junger Mann von 23 Jahren hatte Karl die Regierungsgeschäfte im Jahr 1677 übernommen. Sein Ziel war es, dass die vergleichsweise kleine Landgrafschaft Hessen-Kassel im Konzert der Großen mitspielt. Auch deshalb holte er die hugenottischen Glaubensflüchtlinge ins Land.

Machtsymbol

Der Herkules sollte das weithin sichtbare Symbol für den Machtanspruch des Landgrafen, aber auch für die herausragende Leistungsfähigkeit seiner Untertanen werden. „Karl wollte in ganz Europa wahrgenommen werden“, sagt Gerd Weiß. Dafür nahm der Landgraf in Kauf, dass er sich mit dem Riesenbauwerk finanziell übernahm und große Abstriche machen musste. Die ursprüngliche Planung war jedenfalls noch viel gigantischer, als wir die Anlage heute kennen. Auch so war der Arbeitsaufwand enorm. Bis zu 1000 Handwerker und Handlanger waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts im Bergpark beschäftigt. Jeden Morgen zog eine Karawane von Menschen hinauf zu der Großbaustelle. Nicht nur Kassel, sondern auch alle Gemeinden im Umland mussten Handwerker abstellen. Maurer, Steinmetze und Zimmerleute waren im Bergpark beschäftigt. Die Bauern mussten Fuhrwerke zum Transport des Baumaterials abstellen.

Viele von ihnen hatten nicht mehr genügend Zeit, um ihre Felder zu bestellen. Aus historischen Unterlagen geht hervor, dass die Arbeiten im Sommer schon morgens um vier Uhr begannen und bis in den Abend fortgesetzt wurden. Es floss sehr viel Schweiß - und auch Blut -, damit der Landgraf seinen Traum vom noch nie da gewesenen Machtsymbol verwirklichen konnte.

So wurde Herkules ein Held

Vorbild für die Kasseler Herkulesfigur ist eine Statue, die im Jahr 1546 in den römischen Thermen gefunden wurde. Dieser Herkules Farnese - benannt nach der gleichnamigen Villa - wurde im 16. Jahrhundert sehr schnell populär und danach vielfach reproduziert. 

Die Statue zeigt einen muskulösen Mann, der sich nach seinen Heldentaten ausruht und auf seine Keule stützt. Landgraf Karl sah die im Palazzo Farnese ausgestellte Figur bei einer Reise im Jahr 1699. Ihn beeindruckte nicht nur die Statue, sondern auch die Geschichte, die sich um Herkules rankt. Der heißt im Griechischen Herakles und bewährte sich bei zwölf Aufgaben, an denen jeder Normalsterbliche wohl gescheitert wäre. 

1. Er erlegt den Nemeischen Löwen. Beim Kampf schnürte Herkules dem Löwen die Kehle zu. Sein Fell, das keine Waffe durchdringen konnte, trug er als Schutz. Es machte ihn nahezu unverwundbar. 

2. Er tötete die Hydra. Das war ein neunköpfiges Schlangenmonster. Jeden der abgeschlagenen Hälse brannte er aus, damit keine neuen Köpfe nachwachsen konnten. In das Gift der Schlange tauchte er seine Bogenpfeile. 

3. Er fing die Kerynitische Hirschkuh. Das ausgesprochen scheue Tier mit goldenem Geweih musste Herkules ein ganzes Jahr lang verfolgen. Er durfte es nicht töten, sondern muste es einfangen. Das gelang ihm schließlich. 

4. Er fing den Erymanthischen Eber. Das gefährliche Wildschwein musste erst aus dem Wald getrieben werden. Auf einem schneebedeckten Feld schaffte es Herkules, ihn mit einer Schlinge zu fangen. 

Herkules = Heimat. ❤ Die fabelhafte Aufnahme ist von @widerhallderzeit

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5. Er mistete die Ställe des Augias aus. Herkules hatte nur einen Tag Zeit, die seit Jahren nicht mehr ausgemisteten Ställe von König Augias zu reinigen. Eigentlich unmöglich. Aber er leitete zwei Flüsse um, die mit ihrem Wasser die großen Ställe vom Schmutz befreiten. 

6. Er vertrieb die stymphalischen Vögel. Mit dem Geräusch von zwei Schellen aus Kupfer scheuchte er die Vögel auf. Die hatten messerscharfe Schnäbel und Klauen. Er erlegte sie im Flug mit seinen vergifteten Pfeilen. 

7. Er fing den kretischen Stier ein: Herkules bändigte den wilden Stier und brachte ihn nach Mykene. 

8. Er zähmte die menschenfressenden Pferde des Diomedes: Herkules warf den Pferden Diomedes zum Fraß vor. Danach wurden sie zahm und ließen sich abführen.

9. Er holt den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte.: Erst übergibt die Königin ihm den Gürtel aus Bronzeplatten freiwillig. Dann kommt es doch noch zum Streit, bei dem Herkules Hippoglyte tötet. 

10. Er raubt die Rinderherde des Riesen Geryon. Bei dem Kampf tötet Herkules den Riesen und dessen zweiköpfigen Hund. 

11. Er holt drei goldene Äpfel der Hesperiden. Diese Aufgabe führt ihn zu Atlas, der das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trägt. Nur er darf in den heiligen Garten. Durch eine List bringt er Atlas, dazu, die Äpfel für ihn zu holen. Die Last des Himmelsgewölbes übernahm Herkules in dieser Zeit. 

12. Er bringt Cerberus, den Wachhund der Unterwelt, herauf zur Oberwelt: Herkules betritt die Unterwelt und trifft auf den Höllenhund Cerberus. Der ist riesig und hat drei Köpfe. Gegen die übermenschliche Kraft von Herkules ist er trotzdem machtlos. Mit diesen zwölf Großtaten wurde Herkules unsterblich und zum Helden. Kein Wunder, dass Landgraf Karl ihn als krönende Figur für den Bergpark ausgewählt hat.

Der Bergpark - Das Zuhause des Herkules:

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