Vater war von Nazis vertrieben worden

Bewegender Glückwunsch zum Welterbe-Titel

Joel Dorkam-Dispeker

Kassel. Es ist einer der schönsten und bewegensten Glückwünsche nach der Welterbe-Entscheidung vom Wochenende. „Herzlichste Gratulation zu dieser unerhörten Ehrung, von der ich das Gefühl empfinde, einige leichte Spritzer abbekommen zu haben“, hat Joel Dorkam-Dispeker aus Israel geschrieben:

Alles rund um den Bergpark und dessen Ernennung zum Weltkulturerbe in unserem Spezial

Sein Vater Sigmund Dispeker war einer der bekanntesten und beliebtesten Kasseler Journalisten. Bis die Nazis an die Macht kamen und ihn wegen seiner jüdischen Wurzeln verfolgten. Im März 1933 flüchtete Sigmund Dispeker mit seiner Frau Blanche und dem damals dreijährigen Hans-Lothar (heute Joel) aus der Stadt.

1927: Sigmund Dispeker vor dem Kasseler Rathaus.

Von einem überaus geachteten Redakteur war er über Nacht zur Unperson geworden. Auf einem Schiff des Roten Kreuzes kam die Familie nach einer langen Odyssee durch Frankreich und Spanien in Haifa an.

Joel Dorkam-Dispeker war unter anderem zur Eröffnung der neuen Synagoge und zum 60. Jahrestag der Gründung Israels in Kassel. Sein Vater habe Deutschland immer als sein verlorenes Vaterland gesehen. Trotz aller Wunden sei er in Israel ein Kasseler Patriot geblieben. „Er hat mich mit seiner Liebe zu Kassel infiziert“, sagte Joel Dorkam-Dispeker bei einem seiner Besuche. Den Herkules werde er immer im Herzen tragen.

Sein Vater hat ihm viel über Kassel erzählt. Er kannte die Stadt wie kaum ein anderer, seine Kasseler Spaziergänge waren eine äußerst beliebte Zeitungsserie. In Israel habe er sich zwar wohlgefühlt, doch sei er nie wirklich heimisch geworden. Ohne die deutsche Sprache habe er seinen geliebten Beruf nicht mehr ausüben können. Joel Dorkam-Dispeker ist 83 Jahre alt.

Er setzt sich dafür ein, dass die Erinnerung an das Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger nicht verloren geht. Die Erinnerung an den Holocaust und auch an diejenigen, die von den Nazis aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Aufnahme aus den 1920er Jahren. Sonntagsausflug auf der Löwenburg. Foto:  Siemon/Archiv/nh

1955 kam Sigmund Dispeker er zu einem Besuch nach Kassel zurück. Zur Wilhelmshöhe schrieb er damals: „Sie lernt man erst wirklich kennen und schätzen, wenn man weltenweit von ihr entfernt ist. Ich kenne gewiss alle Garten- und Parkanlagen der europäischen Hauptstädte, aber keine von ihnen kann den Vergleich mit dieser wundervollen Verbindung von Hochwald und Park, dieses Hineinwachsen gewaltiger Kunstbauten in die Landschaft aushalten. Viele berufenere Geister haben diesem Gedanken schon Ausdruck gegeben, und nichts habe ich in der Ferne so vermisst wie dieses Wunderwerk.“

Damit nicht genug. In seinen Memoiren schreibt Sigmund Dispeker von der „schönsten Synthese von Hochwald und Wasserkünsten, die ich kenne, Versailles nicht ausgeschlossen“.

Von Thomas Siemon

Sigmund Dispeker war für seine Serie "Casseler Spaziergänge" bekannt, die von 1919 bis 1932 im Casseler Tageblatt erschienen. Hier ein Beispiel:

Casseler Spaziergänge

Vom Marcht. - Der Königsplatz von heute. - Anno dazumal. - Was es alles gab. - Marktanekdoten. -Der Fischmarkt. Liebe Leser, macht Euch heute auf keine Verulkung Casseler Lokalvorgänge gefaßt, sintemal und alldieweilen diese Woche ja gar keine Stadtverordnetensitzung war, denkt auch nicht, daß ich Euch etwa mit persönlichen Angelegenheiten komme. Ich will weder die jungen Mädchen necken, noch mich an älteren Herren reiben; der heutige Spaziergang soll alten Kasseler Einrichtungen gewidmet sein, die unsere Väter, vor allem aber unsere Mütter, recht angenehm miterlebt haben. Es ist ein Blatt der Erinnerung, das nun folgt, und dies Blatt gehört der Hausfrau. Wie ich dazu komme, will ich gleich verraten.

An einem der letzten schönen Sonnabende ging ich über den Königsplatz. Es war gerade „Marcht", wie man hier so schön zu sagen pflegt. Aber welcher Wechsel der Zeiten, wenn man diesen kümmer­lichen Überrest entschwundener Herrlichkeit betrachtete. Ich erinnere mich noch allzugut der Zeit, da ich als Junge in den Sommerferien mit Muttern auf den Markt durfte, bewaffnet mit einem großen Hen­kelkorb, hinter mir Schorsche, des Hauses redliches Faktotum, der einen noch größeren Korb tragen durfte.

Es war jedesmal ein Fest schon wegen des schönen Obstes, das heimlich aus dem Korbe stibitzt werden konnte. Wenn zu Hause das Obst noch einmal nachgewogen wurde, gab es stets eine erhebliche Gewichtsdifferenz von lh bis 1 Pfund. Und jetzt - ein paar Gemüse­verkäufer, einige wenige Äpfel­frauen, wenns hoch kommt noch einige kümmerliche Blumentöpf­chen, das ist alles, was man auf dem Königsplatze noch ergattern kann.

So kannte Sigmund Dispeker, der als Journalist bis 1932 in Kassel arbeitete, die Wilhelmshöhe: Die Aufnahme, die vor 1943 entstand, zeigt das Schloss, den Herkules und rechts das ehemalige Grandhotel Wilhelmshöhe.

Kommt heute so ein Gemüsehänd­ler mit seinem Wagen, dann braucht er gar nicht mehr abzuladen, im Handumdrehen ist der gesamte Vorrat vom Wagen herunter ver­kauft. Und die etwas später gekom­menen Hausfrauen stehen mit ei­nem Gesicht da, als ob sie eben un­gewässerte Rangoonbohnen geges­sen hätten. Hat eine Gemüsefrau noch ein paar Kohlköpfchen, Spa­nischlauch, Nüßchen, Rosenkohl oder „Unnerkohlraben", gleich

gibts eine Polonaise, wie man sie jetzt jeden Morgen um 6 Uhr schon bei der Bezugsscheinstelle in der Mauerstraße sehen kann. Ein trauriges Bild der Öde und Verlassenheit, dieser einst so belebte „Marcht" am Königsplatz. Wo sind all' die männlichen und weiblichen Typen und Originale hingeraten, die einst vom alten Regierungsgebäude bis vor „Scholls Hus" und daran anschließend vor dem Geschäft von Ruckert, dem „König von Preußen" usw. standen, handelten und schimpften? Wo sind sie hin, die baumlangen Schwälmer Butterhengesde, die Eierfrauen und Dibbenweiber? Ein Märchen aus vergangenen Zeiten, ein Idyll von vorgestern.

Sähe man nicht manchesmal den schicken jungen Mann im alten Offiziersmantel mit der verwegenen Ballonmütze, der Zeitungen verkauft und eine unergründliche, geradezu Strindbergsche Antipathie gegen das schönere Geschlecht zeigt, man müßte verzweifeln und meinen, das Häuflein der Kasseler Originale wäre ausgestorben. Wie sah es denn damals noch so um 1900 herum auf dem Platze mit dem sechsfachen Echo aus? Es ist schon der Mühe wert, das alte ver­traute Bild noch einmal auferstehen zu lassen.

Kam man von der Oberen Königsstraße rechts an das alte Regierungsgebäude (das jetzt der Prachtbau des Hessischen Bankvereins verdrängt hat), so stand da, fest wie eine blaue Mauer, das Heer der Schwälmer Butterverkäufer. Langer blauer Kittel, hohe weiße Strümpfe, in typischer Pudelmütze, und das treuherzige blaue Auge fest auf die Schar der Käufer gerichtet. So zeigten sich die stämmigen Buren aus dem Kreise Ziegenhain: „Madammchen, wie äß es dann?" klang verlockend ihr Zuspruch.

Und so manche Madame nahm dann ihr mehr oder weniger sauberes Fingernägelchen (Manicure gabs damals noch nicht), pickte ein Klümpchen Butter ab und probierte. Wenn sie aber hörte, daß das Pfund 11 Silbergroschen kosten sollte, ging sie einen Stand weiter. Später wurde die Nagelprobe als unhygie­nisch verworfen, man versuchte es dann mit einer Haarnadel. Als auch dieser Toilettengegenstand keine Gnade vor den Augen der Marktpolizei fand, mußte jeder Buttermann ein Messer bereitlegen, das zur allgemeinen Benutzung dalag. Aber dieses „Degenschlucken" war der hohen Obrigkeit wiederum anstößig, und so führte schließlich jede Marktbesucherin selbst ein kleines Probiermes serchen bei sich, womit der Sauberkeit genüge geschehen war.

An die Buttermänner schlössen sich rechts die Flügelleute - Verzeihung: Geflügelleute - an. Manches junge und alte Gänschen und manche Henne und Ente wurde hier zu 50 - 60 Pfennige das Pfund gehandelt, nachdem es von den kritischen Käuferinnen auf Herz und Nieren geprüft war. So kurz vor Ostern erschienen auch die großen Puter oder Truthähne auf dem Markte, Tiere, die man jetzt nur noch in den Zoologischen Gärten sieht. Und wer kennt ihn nicht von früher, den melodischen Schlacht­ruf der Gudensberger und Grifter Dorfschönen, die mit weit vorgestreckten Dibberchen in Sopran und Alt flöteten: „Wunn Sä

Schmaand?" Vor den hohen Festtagen dehnte sich die Reihe der Schmandmäderchen bis in die Untere Karlstraße hinein. Damals kam es auf einen kleinen Schmandguß auf den Osterkuchen nicht an. Heute ist vom Kuchen, vom Leben, von Deutschland und einer ganzen Reihe anderer Dinge längst der Schmand runner. Gegenüber dem Schmand wurden die Eier steigenweise gehandelt.

Von den Preisen laßt mich schweigen. In der Mitte des Platzes gab es in Massen Gemüse und Salat, vom feinsten Blumenkohl bis zum Kasseler Strünkchen, Rettich und Sellerie, Nüßchen und Kresse. Das schönste Witzenhäuser und rheinische Obst war in Massen zu haben, und selbst mitten im Win­ter konnte man hinter dem Hallengebäude neben der Dibbenmillern zwei ahle Schachteln von Obstfrauen sehen, die sich nicht nur an den berühmten kleinen Kohlenbecken die Füße wärmten, sondern auch zur inneren Erwärmung aus der Kaffeeschludde eine gelbbraune Flüssigkeit suggelten.

Sie sagten, es wäre Kaffee, böse Zungen dagegen behaupteten, die beiden alten Damen dufteten erheblich nach Branntwein. Längs den Gleisen der elektrischen Straßenbahn aber befanden sich die Blumenstände. Die schönsten Rosen, Tulpen, Veilchen und Narzissen wurden hier in großen Körben feilgehalten. Manchen Hyazinthentopf erstanden sparsame Hausfrauen hier zu lächerlich geringem Preis als Geburtstagsgeschenk. Und dicht neben dieser duftigen Blütenpracht standen die Käsehändler mit ihrer nicht minder duftigen Ware. Drei Handkäse für einen Groschen!

Damals ging ein alter, stets poetisch empfindender Freund an diesen harten Gegensätzen vorbei und rezitierte wehmütig die etwas umgeänderten Verse aus dem „Trompeter von Säkkingen": Es ist im Leben häßlich eingerichtet, daß bei den Rosen gleich der Käse steht. An den Käse schlössen sich die Heringe und nach diesen kamen die runden, appetitlichen Mündener Zwiebäcke, die an allen Markttagen von der benachbarten hannoverschen Stadt herübergebracht wurden. Und Kassels Frauen und Jungfrauen standen am Dienstag, Don­nerstag, besonders aber am Sonnabend früh auf, um ja die ersten zu sein auf dem Königsplatz.

Da wurde gehandelt und gefeilscht, gescherzt und Witzerchen gerissen und manchmal auch ein bißchen gezankt. Aber man vertrug sich immer wieder, und jede richtige Kasseler Hausfrau hatte ihre Stammlieferanten, ihren eigenen Buttermann, ihre Gemüsefrau und ihr Schmandmädchen. Immer war's anheimelnd auf dem kreisrunden Platz mit seinen sechs Straßenmündungen. Ein guter Freund unseres Blattes sendet mir folgende zwei kleine Marktanekdoten, die sicherlich wahr sein können: En Bodderverkeifer vor d'm Minisderium biem Ußgießen d's Schmaands: „Sali man's dann for meglich hahlen, sidd 14 Dagen su­che ich schond d's Schdrimbchen vom Hännerchen, un nu angele ich's uff eimo uß d'm Schmaand russer, ich ben nuhr froh, daß ich's widder honn." -

En annerer Budderhengesd preist mit zuckersüßen Worten eine Gans an: „Madämchen, ich well minne Ahlenitgesundwidder seh'n, wann disses Brachdexemblar Ihnen nit uff d'r Zunge schmilzd, so jung un so zard is disser Vochchel, Sie sal-len an mich denken, ich honn' n ersd heide morjen geschlachded. - Die Dame kauft und trägt den Braten nach Haus. Kaum ist sie aus der Sehweite, redet ihn sein Nachbar aus Niedergrenzebach mit den Worten an: „Äs Da dann was bas-sierd, Da kullern jo de Drähnen de Backen runner?" Erster Butter­mann: „Jo, scheiden diehd weh, d'r Gänserich war mä an's Herze ge­wachsen, 16 Jahre is hä uff minnem Howe rimmegewackeld und hodd mich immerd midd sinnen dreien Auchen so liebevoll angegocken, minne 8 Kenner hodd hä groß weren sehn un nu ben ich'n los."

In der Unteren Karlstraße befand sich das Reich der Fische. Karpfen, Barben, Barsche und Hechte in al­len Größen schwammen vergnügt in Bottichen und Stünzen. Im Mittelpunkt des Handels, als sachverständige Verkäuferin geachtet und geschätzt, saß die alte Fröhlichen, die durch den jahrelangen Umgang mit Fischen nach glaubhaften Aus­sagen eine Art Mimikry durchgemacht hatte und auf ihrem Stühlchen hockte wie ein uralter wohlgenährter Karpfen. Das Abbild der Madame Angot, die bekanntlich auch in Paris „mit Fischen in der Halle" saß.

Eine Halle, eine richtig­gehende Markthalle, haben wir allerdings in Cassel nie gehabt. Bei Wind und Wetter, im Sommer und Winter, spielte sich unser Markt- verkehr im Freien auf dem Königsplatz ab. Es ist leicht möglich, daß wir in späteren Zeiten noch einmal eine großstädtische Markthalle hierher bekommen. Das freundlich­gemütliche Stück Alt-Cassel, das uns der Krieg mit so vielem anderen geraubt, wird aber ein solch moderner Bau nie ersetzen können. Vor­läufig auch ist auf dem Königsplatz nichts mehr los. Wenn heute ein alter Casselaner Bürger der Großväterzeit aus seinem Grabe auferstände und an einem Sonnabend über den Königsplatz spazierte, er würde sicher die Anfangsworte aus „Hermann und Dorothea" zitieren: „Hab' ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!" Dp.

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