In Gemälden ließ Landgraf Karl den Bergpark Wilhelmshöhe bis in das heutige Stadtgebiet wachsen

Bergpark Wilhelmshöhe: Gigantomanie blieb eine Vision

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Einiges wurde umgesetzt, aber vieles war wohl bloße Fantasie: Die Gemäldeserie vom heutigen Bergpark Wilhelmshöhe, die Landgraf Karl anfertigen ließ, lässt viele Fragen offen. Hier sind zwei der acht Idealprospekte zu sehen

Kassel. Der Bergpark Wilhelmshöhe ist mit 2,4 Quadratkilometern Europas größter Bergpark, der nun von der Unesco mit dem Welterbe-Status geadelt wurde. Landgraf Karl wollte ursprünglich noch viel gigantischere Visionen verfolgen.

Sollte der Bergpark anfänglich bis zum heutigen IC-Bahnhof reichen – oder sogar bis zur Fulda? Eine Gemäldeserie, die im Auftrag von Landgraf Karl zwischen 1716 und 1730 angefertigt wurde, nährt immer wieder Spekulationen über die ursprünglichen Pläne des Landgrafen.

Hier sehen Sie die beiden Gemälde in größerer Darstellung

Die Bilder zeigen eine Garten- und Schlossanlage, die weit über die heutigen Dimensionen hinausgeht. Die Bilderserie stammt vom niederländischen Maler Jan van Nickelen und dessen Sohn Rymer. Auf den ersten Bildern des Zyklus ist nur ein enger Ausschnitt der Anlage rund um den Herkules zu sehen. In den weiteren Werken muss sich der Maler in der Darstellung immer weiter in die Vogelperspektive begeben, um die Ausmaße darzustellen.

„Es handelt sich nicht um Baupläne, sondern um Idealvorstellungen. Bis heute unbeantwortet ist die Frage, ob Landgraf Karl (1654-1730) einen Park in dieser Größe wirklich wollte oder ob er Realist genug war, um zu erkennen, dass dies seine Möglichkeiten übersteigt“, sagt Siegfried Hoß, Leiter der Gartenabteilung der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK).

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Hoß neigt dazu, Landgraf Karl für einen Realisten zu halten. Schließlich habe der mit seinem italienischen Architekten Giovanni Francesco Guerniero nur für einzelne Bauabschnitte Verträge geschlossen. Als 1701 mit dem Bau des Herkules begonnen wurde, wurde ihm bald klar, wie aufwendig so ein Unterfangen wäre. „Die Barockzeit ist die Zeit großer Visionen“, sagt Hoß. Belegt ist, dass die sogenannten Idealprospekte im Rotensteinsaal des Residenzschlosses (heute steht dort das Regierungspräsidium) hingen. Nachweise gibt es dafür erst für die Zeit ab Ende des 18. Jahrhunderts.

Es zeige, dass ein Ort gewählt wurde, an dem der Landgraf repräsentieren und seine Gäste beeindrucken wollte, sagt Dr. Justus Lange, Leiter der Gemäldegalerie im Schloss Wilhelmshöhe, wo der Bilderzyklus ausgestellt ist. Als Vorlage diente den Malern zum einen die Realität. Als die Gemälde entstanden, waren Herkules und vorgelagerte Kaskaden bereits gebaut. Der Rest entsprang wohl der Vorstellungskraft des Landgrafen und der Fantasie der Maler. Inspirationsquelle könnten auch weitere Park-Darstellungen der damaligen Zeit (Hintergrund) gewesen sein.

Wer die Idealprospekte mit dem heutigen Park vergleicht, stößt auf vieles, was ähnlich umgesetzt wurde. Anderes blieb Illusion. Dazu gehören zwei Tempel rechts und links des Herkules oder ein größeres Schloss als das heutige, an dem wohl nie - auch nicht architektonisch - gearbeitet wurde. Andere Bestandteile der Anlage, wie die Löwenburg, die Ende des 18. Jahrhunderts unter Landgraf Wilhelm IX gebaut wurden, finden sich auf den Gemälden nicht wieder.

Von Bastian Ludwig

Hintergrund

Holzmodell wurde verbrannt

Die früheste bekannte Darstellung der Bergpläne ist ein Stich, den der Gartenarchitekt Giovanni Francesco Guerniero 1704 anfertigte. Auch dieser zeigt den Bergpark in einer Größe, wie sie nicht umgesetzt wurde. Im Jahr 1709 entstand zudem ein 63 Meter langes Holzmodell, das die Schloss- und Parkanlage darstellte. Es wurde allerdings unter Jérôme Bonaparte, der von 1807 bis 1813 von Kassel aus das Königreich Westphalen regierte, in einem kalten Winter zu Brennholz verarbeitet. (bal)

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