17 blaue Wasserspender in Kenia

Weltwassertag: Paul aus Kassel sorgt für sauberes Trinkwasser in Kenia

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Aus Kassel in die Welt: Das Foto zeigt den stationären Wassertank Paul, der an der Uni Kassel entwickelt wurde und in vielen Entwicklungsländern zum Einsatz kommt.

Der Weltwassertag am 22. März macht auf die katastrophale Trinkwassersituation in vielen Ländern aufmerksam. Auch zwei Kasseler helfen dabei. Wir stellen ihre Arbeit in Kenia vor.

Was kann man tun, damit die Menschen in Kenia sauberes Wasser haben? Diese Frage ließ Dieter Arnold (71) aus Kassel keine Ruhe, nachdem er bei seinen Auslandseinsätzen als Seniorexperte die schlechten hygienischen Bedingungen im Land kennengelernt hatte.

Der frühere Lehrer am Wilhelmsgymnasium beschloss, bei seinem nächsten Einsatz ein transportables Wasserreinigungssystem im Flugzeug mitzunehmen. Verpackt in Plastikfolie, reiste der blaue Wasserrucksack Paul – eine Entwicklung aus Kassel – als Gepäckstück mit nach Nairobi. Das war 2015. Mittlerweile hat Arnold, mit Unterstützung des Wilhelmsgymnasiums, sieben der Reinigungssysteme an Schulen in der kenianischen Hauptstadt übergeben. Sie sorgen dafür, dass viele Kinder und Familien Trinkwasser zur Verfügung haben und seltener krank sind.

Paul kommt aus Kassel: An der Uni hat Professor Franz-Bernd Frechen (64) den Wasserrucksack entwickelt, ein transportabler Wasserfilter, der Schmutzwasser so reinigt, dass daraus Trinkwasser entsteht. Das System funktioniert ohne Strom. Nach der Flutkatastrophe 2010 in Pakistan wurde erstmals ein Prototyp eingesetzt. Mittlerweile ist Frechens Entwicklung aus der weltweiten Katastrophenhilfe nicht wegzudenken, viele Hilfsorganisationen verwenden Paul.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

In Kenia wurden bisher 17 blaue Wasserspender aufgestellt, insgesamt sind es 2844 Einheiten in 75 Ländern; sie verhelfen vielen Tausenden von Menschen nach Katastrophen und in Kriegs- und Dürregebieten zu Trinkwasser.

Frechen hat das System so weiterentwickelt, dass Paul auch stationär eingesetzt werden kann. Mit Tanks und einer Solar-Pumpe versehen, sorgt Paul dann für eine dauerhafte lokale Trinkwasserversorgung. Dadurch entstehen auch Arbeitsplätze in Wartung und Verkauf. „Man kann Menschen so zu Einnahmen verhelfen und Fluchtursachen vermeiden. Dieser Aspekt wird angesichts zunehmender Migration immer wichtiger“, sagt Frechen.

Seit 14 Jahren fliegt der Kasseler Frührentner Helmut Hartmann regelmäßig nach Kenia, um Wasserleitungen zu bauen. Sein Einsatzgebiet ist die Region Kimuka, 60 Kilometer von Nairobi entfernt. „Ich bin dort bekannt wie ein bunter Hund“, schmunzelt der 68-Jährige. Mit seiner Hilfe wurden 60 Kilometer Wasserleitungen in den Boden gebracht.

Darüber hinaus wurden 82 große 2300-Litertanks aufgestellt, damit die Familien Wasser sammeln können. Auch wurden Wellblechhütten mit Regenrinnen versehen, um Wasser während der Regenzeiten aufzufangen. Auf diese Weise haben bislang 15 Dorfgemeinschaften einen sicheren und nahen Zugang zu Wasser erhalten.

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Hartmann kauft die Materialien vor Ort, so haben die Händler ein Einkommen. Junge Männer aus den Ortschaften graben den Boden auf, verlegen die Rohre. Manchmal gibt es überraschende Probleme, berichtet der Kasseler: „An einer Stelle kreuzt ein Giraffen-Pfad. Mit ihrem Gewicht haben die Giraffen die Plastikrohre im Boden zertreten. Die mussten wir durch Eisenrohre ersetzen.“

Hartmanns Afrika-Liebe geht auf einen jungen Massai zurück, den er 2003 bei einem Marathonlauf in Großalmerode kennenlernte. Der Massai lud den Läufer Hartmann zu sich nach Hause ein. Die dortigen katastrophalen Verhältnisse bezüglich der Wasserversorgung ließen dem Kasseler keine Ruhe, so-dass er den Verein Wasser- und Lebenshilfe Kenia gründete. Die knapp 400 Spender machen seine Hilfe vor Ort erst möglich.

Hygienische Bedingungen in Nairobi verheerend

Wir sind in Marurui, einem Slum mitten in Kenias Hauptstadt Nairobi. Die hygienischen Bedingungen sind verheerend: Es gibt kein Wasser, keine Müllabfuhr, kein Abwassersystem. Weil Toiletten nicht vorhanden sind, verfahren die Menschen vielfach nach dem Prinzip der „Flying Toilets“: Sie verrichten in ihrer Wellblechhütte die Notdurft in einen Plastikbeutel.

Der wird draußen weggeworfen und landet irgendwo – möglicherweise in einem Wassergraben, wo andere Menschen Wasser schöpfen. Die Versorgung der Menschen mit sauberem Wasser ist eines der drängendsten Probleme in Kenia. Zwar ist bis auf die Wüstenregionen genügend Wasser vorhanden, während der beiden Regenzeiten stürzen gewaltige Mengen vom Himmel. In Nairobi beträgt der Niederschlag 900 Liter pro Jahr, das ist ein Drittel mehr als in Kassel. Das Wasser sammelt sich in Seen.

Das Problem: Es ist oft verschmutzt, auch die Tiere laben sich hier. Und: Meist gibt es keine Leitungen. Wasser holen ist Frauensache. An Wasserlöchern, Quellen, Bächen, Flüssen und Seen füllen sie ihre 20-Liter-Behälter und tragen sie nach Hause. Auf dem Kopf, jeden Tag. Da die Strecken oft kilometerweit sind, können diese Mädchen nicht zur Schule gehen. Trinkbar ist das geschöpfte Wasser häufig nicht, selbst wenn es abgekocht wird. Vor allem Kinder leiden unter Durchfall, Wurmbefall und Infektionskrankheiten.

Im vergangenen Herbst besuchten wir das St.-Elizabeth-Heim in Homa Bay am Viktoriasee. In dem christlichen Heim mit Grundschule leben 200 Waisenkinder, deren Eltern an Aids gestorben sind. Betten haben sie nicht, 70 Mädchen schlafen in einem primitiven Klassenraum auf dem Boden, 60 Jungen in einem anderen.

Jeden Morgen holten Mädchen Wasser am See. Da es nicht trinkbar ist, wurde es in Wasserfiltern gereinigt. Doch die zwei kleinen Filter schafften nur so viel, dass es für jedes Kind genau einen Becher Trinkwasser pro Tag gab. „Wir brauchen mehr Wasser“, sagte uns damals Schulleiter James Kambona.

Mithilfe von Spenden – auch aus Kassel – hat sich der Wunsch jetzt erfüllt. Ende Januar wurde ein 160 Meter tiefes Loch gebohrt. Die Freude war groß, als Wasser von hervorragender Qualität aus der Erde sprudelte.

Es war ein Fest fürs ganze Dorf, berichtet der Hanauer Pfarrer Bruno Zimmerli, dessen freikirchliche Gemeinde sich ebenfalls für das Projekt engagiert.

Die ganze Nacht kamen Menschen mit Eseln und Behältern aller Art zur Baustelle, um etwas von dem köstlichen Nass zu holen.

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Hilfsorganisationen in der Region

St. Elizabeth-Schule in Homa Bay/Kenia: Projekt: Nach der Grundwasserbohrung wird nun ein Brunnengebäude mit Pumpe und Vorratstanks gebaut. Statt der Wellblechhütten werden feste Klassenzimmer und Unterkünfte mit Stockbetten errichtet. Außerdem soll eine Farm entstehen, mit deren Einkünften das Heim mitfinanziert wird.

Infos: Systemisches Institut Mitte SYIM in Kassel, Tel. 0561/9704841, www.syim.de, mail@syim.de

Wasser- und Lebenshilfe Kenia, Kassel: Projekt: Der Kasseler Verein baut mit einheimischer Beteiligung Wasserleitungen auf dem Land. Außerdem ermöglicht er durch Schulgeld-Patenschaften Kindern den Schulbesuch. Infos: Helmut Hartmann, Tel. 0561/8150840; www.waleke.de, mail@waleke.de

Wasserrucksack Paul: Paul wird in den Kasseler Behindertenwerkstätten produziert. Das Funktionsprinzip: Verschmutztes Wasser wird in dem Plastikbehälter durch eine Membrane geführt, die selbst Viren und Bakterien zurückhält. 400 Menschen können so mit Trinkwasser versorgt werden.

Projekt: Spenden an das Uni-Netzwerk World University Service helfen, Paul in Wasser-Projekten einzusetzen, für die es sonst keine Finanzierung gibt.

Infos: Franz-Bernd Frechen, Tel. 0172-6504683, frechen@uni-kassel.de

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