Rechtsmedizinische Institute leiden unter schlechter finanzieller Ausstattung

Wenig Geld für Obduktionen

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Hier finden die Obduktionen statt: Den Rechtsmedizinern von der Universität Gießen werden vom Institut für Pathologie am Klinikum Kassel die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. Bei den Obduktionen ist auch ein Kriminalbeamter anwesend.

Kassel. Um Kapitalverbrechen aufzuklären, ist eine enge Zusammenarbeit von Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und Rechtsmedizin erforderlich. „Es ist wichtig, dass Rechtsmediziner sich zeitnah einen Tatort anschauen“, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Heinrich Becker.

Der Chef der Staatsanwaltschaft Kassel hatte sich deshalb eine eigenständige Rechtsmedizin für Kassel gewünscht. In Stadt und Landkreis ordnet die Staatsanwaltschaft pro Jahr etwa 200 Obduktionen an.

Da eine Rechtsmedizin an eine Uniklinik angeschlossen sein müsse, hatte Becker auf die private Medizinuniversität, ein Kooperationsprojekt der Gesundheit Nordhessen (GNH) und der englischen Universität von Southampton, gesetzt. Ab 2015 sollen die ersten Studenten ihre praxisnahe Ausbildung am Klinikum Kassel absolvieren. Um eine Rechtsmedizin am Klinikum anzusiedeln, hätten aber Gesetze geändert werden müssen. Deshalb seien die Pläne verworfen worden, sagt Becker.

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Seit dem 1. April 2011 hat das Institut für Rechtsmedizin der Universität Gießen eine Außenstelle in Kassel. Allerdings ist nur eine Ärztin vor Ort. Da bei einer Obduktion immer zwei Rechtsmediziner anwesend sein müssen, arbeitet die Ärztin oft mit dem erfahrenen Rechtsmediziner Prof. Klaus-Steffen Saternus vom privaten Kasseler Institut Pathologie Nordhessen zusammen.

Die Kasseler Staatsanwaltschaft macht sich seit fünf Jahren Gedanken darüber, was passiert, wenn Saternus (71) die Arbeit an den Nägel hängt. „Ich habe schon einige Male ans Aufhören gedacht, aber meine Arbeit ist mir nach wie vor sehr wichtig“, sagt Saternus, der vor seiner Pensionierung Institutsleiter an der Uni Göttingen war. Für jüngere Kollegen gebe es aber kaum noch Perspektiven in der Rechtsmedizin. Viele Institute seien geschlossen worden, es gebe keine Dauerstellen mehr. Das wirke sich natürlich auf den Nachwuchs aus.

Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter der Gießener Rechtsmedizin, würde gern einen weiteren Mitarbeiter für Kassel einstellen, um die rechtsmedizinische Versorgung auszubauen. Allerdings gebe es bundesweit das Problem, dass die Rechtsmedizin finanziell schlecht ausgestattet sei. Dettmeyer nennt ein Beispiel: Für eine forensische Obduktion zahlt die Staatsanwaltschaft pro Rechtsmediziner 195 Euro. Eine Obduktion dauere aber mitunter über zehn Stunden. „Für eine Leiche mit 50 Messerstichen braucht man schon mal 14 Stunden.“ Hinzu komme, dass die Institute zahlreiche Gerätschaften selbst anschaffen müssten. Für eine geeichte Leichenwaage habe sein Institut jüngst 10 000 Euro gezahlt.

Dass mit der Rechtsmedizin kein Geld zu verdienen ist, bestätigt Saternus: „Die Justiz lebt von unserer Selbstausbeutung“, sagt der 71-Jährige.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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