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Mangel an Fällmitteln: Klärwerk Kassel geht die Chemie aus

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Von: Andreas Hermann

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Gelegen am Stadtrand, direkt an der Fulda: Zunehmend hat auch das Klärwerk Kassel Probleme wegen der Lieferengpässe bei Chemikalien (Fällmitteln), die zur Reinigung des Abwassers benötigt werden.
Gelegen am Stadtrand, direkt an der Fulda: Zunehmend hat auch das Klärwerk Kassel Probleme wegen der Lieferengpässe bei Chemikalien (Fällmitteln), die zur Reinigung des Abwassers benötigt werden. © kasselwasser/nh

Weniger Salzsäure, weniger Fällmittel: Die bundesweiten Einschränkungen werden zunehmend auch in Kassel zum Problem

Kassel – Der Mangel an sogenannten Fällmitteln, die Klärwerke zur chemischen Reinigung des Abwassers benötigen, wird auch in Kassel zu einem immer größeren Problem. Wegen der hohen Energiekosten wird seit Monaten weniger Salzsäure produziert. Diese ist Grundlage zur Herstellung von Eisen- und Aluminiumsalzen. Und diese wiederum werden in Klärwerken wie in Kassel zur Bindung von Phosphaten im Abwasser gebraucht.

Problem: Ohne den Einsatz von Fällmitteln kann das Kasseler Klärwerk die Phosphat-Grenzwerte nicht einhalten und müsste das Abwasser dann mit erhöhter Konzentration in die Fulda einleiten. Wegen des Fällmittel-Mangels haben andere Bundesländer (etwa Niedersachsen) Klärwerken bereits eine Ausnahmegenehmigung in Aussicht gestellt, Abwasser mit Phosphat-Gehalten über dem Grenzwert einleiten zu dürfen. In Hessen ist dies (noch) nicht der Fall. In Kassel soll dies, wenn irgendwie möglich, verhindert werden.

„Die Lage ist ernst“, erklärt dazu der für das Klärwerk zuständige städtische Eigenbetrieb Kasselwasser auf Anfrage. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln daran arbeiten, eine solche Situation abzuwenden“, betont Diplom-Ingenieur Arno Bauer, Leiter der Abteilung Betrieb.

Als Kläranlagenbetreiber der Stadt habe man sich bei der Beschaffung und Bevorratung von Fällmitteln auf eine veränderte Marktsituation einstellen müssen. Zwar seien Lieferanten über Lieferverträge mit Laufzeiten von bis zu zwei Jahren gebunden. Sie hätten aber angekündigt, dass es zu Lieferengpässen und zur Reduzierung vertraglich zugesagter Mengen kommen könne, berichtet Bauer. Kasselwasser schöpfe aktuell alle betrieblichen, technischen und organisatorischen Möglichkeiten zur Einhaltung der Vorgaben aus. Noch würden alle vom Regierungspräsidium Kassel (RP) als Aufsichtsbehörde festgelegten Grenzwerte eingehalten.

Nach Angaben der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) kommt es mittlerweile in ganz Deutschland zu Lieferengpässen. Daher könne auch Kasselwasser „keine verlässliche Aussage zur dauerhaften Verfügbarkeit von Fällmitteln für unsere Kläranlage treffen“, so Bauer. Sollten in der Kläranlage Kassel wegen fehlender Fällmittel Grenzwert-Überschreitungen drohen, werde man dies dem RP unverzüglich melden und Gegenmaßnahmen abstimmen.

Nach Angaben von Kasselwasser werden im Klärwerk Kassel pro Jahr mehr als 2000 Tonnen von Fällmitteln (zwei Arten) benötigt. Durch Einsatz von Natriumaluminat wird Phosphor im Abwasser gebunden, der sich als feste Flocken am Boden der Klärbecken absetzt und dann abgezogen werden kann. Eisenchlorid helfe ebenso bei der Beseitigung von Phosphor und reduziere zudem die Bildung von gefährlichem Schwefel-Wasserstoff in der Kläranlage, erklärt Kasselwasser. 

Der städtische Eigenbetrieb Kasselwasser zählt rund 150 Beschäftigte und ist seit April 2012 für die Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung nicht nur in Kassel zuständig. Mitbehandelt werden nach Unternehmensangaben die Abwässer des Verbandes Losse-Nieste-Söhre, von Vellmar und von Teilen der Stadt Baunatal. Zudem betreibt und unterhält Kasselwasser die Anlagen des Abwasserverbandes und die Sonderbauten der Verbandsgemeinden. 

Die Experten schlagen Alarm. „Die Lage ist ernst“, betont der städtische Eigenbetrieb Kasselwasser. Genau mit diesen Worten kommentiert auch Umweltdezernent Christof Nolda (Grüne) die zunehmenden Probleme für das Klärwerk in Kassel. Wegen bundesweiter Lieferengpässe droht der Anlage, die Chemie auszugehen, nämlich die dort zur Reinigung des Abwassers dringend benötigten und eingesetzten Fällmittel Natriumaluminat und Eisenchlorid.

Ohne sie kann das Klärwerk nicht die für Schadstoffe wie Phosphor geltenden Grenzwerte einhalten. Ohne sie müsste das Abwasser mit zu hohen Konzentrationen von Phosphor und Co. in den Fluss eingeleitet werden.

Kasselwasser versichert, dass bisher alle Grenzwerte eingehalten werden. Und Arno Bauer, Leiter der Abteilung Betrieb, kündigt an, man werde mit der Aufsichtsbehörde Regierungspräsidium Kassel (RP) entsprechende Gegenmaßnahmen abstimmen, sollte die Einleitung von Schadstoffen unterhalb der Grenzwerte nicht mehr möglich sein.

Der bundesweite Mangel an Fällmitteln stellt den Eigenbetrieb vor große Herausforderungen. In der riesigen Anlage im Stadtteil Wolfsanger, an der tiefsten Stelle des Stadtgebiets, läuft das Abwasser aus dem rund 840 Kilometer langen Kanalnetz zusammen. Nach Angaben von Kasselwasser durchlaufen jährlich rund 25 Millionen Kubikmeter Abwasser die Kläranlage. Etwa die gleiche Menge Wasser werde geklärt und gereinigt und dann über die Einleitung in die Fulda dem natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt. Im Mittel der vergangenen Jahre wurden rund 75 000 Kubikmeter Abwasser pro Tag gereinigt.

Für die Reinigung dieser enormen Abwassermenge benötigt Kasselwasser nach eigenen Angaben mehr als 2000 Tonnen von zwei Arten Fällmitteln pro Jahr, um ungewünschte Stoffe – vor allem Phosphor – binden und beseitigen zu können. „Natriumaluminat dient der Phosphorelimination. Wir verbrauchen rund 1700 Tonnen im Jahr. Beim bewusst herbeigeführten chemischen Prozess werden die im Abwasser gelösten Phosphate in ungelöste Phosphate umgewandelt, berichtet Kasselwasser-Sprecher Karsten Köhler. „Vereinfacht gesagt, ergeben sich durch die Bindung des Phosphors feste Flocken, die sich zusammen mit anderen festen Stoffen am Boden der Klärbecken absetzen und dann abgezogen werden.“

Das Eisenchlorid, von dem jährlich rund 400 Tonnen eingesetzt werden, hilft laut Köhler ebenso beim Prozess der Bindung und Beseitigung von Phosphor und reduziert darüber hinaus die Bildung von gefährlichem Schwefel-Wasserstoff während der Folgeprozesse in der Kläranlage.

Umweltdezernent Christof Nolda hatte in der Dezember-Sitzung der Stadtverordneten eingeräumt, dass es auch im Klärwerk Kassel große Probleme wegen des seit Monaten herrschenden Mangels an Fällmitteln gebe. Deshalb könne es dazu kommen, dass man – wie bereits in anderen Bundesländern geschehen – beim RP eine Ausnahmegenehmigung beantragen müsse, um das Abwasser gegebenenfalls einleiten zu können, ohne dass die Grenzwerte eingehalten würden. „Das ist eine richtig schwierige Situation“, meinte Nolda auf Anfrage des CDU-Stadtverordneten Norbert Wett.

Dachverbände wie die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) und der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) fordern Ausnahmegenehmigung für Kläranlagen und den Einsatz alternativer Abwasser-Reinigungsmethoden. Denn mittlerweile komme es in ganz Deutschland zu Lieferengpässen, da weder Eisen- noch Aluminiumsalze sowie die für deren Produktion notwendige Salzsäure in ausreichender Menge zur Verfügung stünden.

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