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Weniger E-Scooter in Kassel - Aktuell nur drei Verleih-Anbieter aktiv

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Von: Katja Rudolph

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E-Scooter der Kasseler Firma Skooty am Friedrichsplatz in Kassel.
Sind weg von Kassels Straßen und Plätzen: Die Kasseler Firma Skooty war im September 2020 als erster E-Scooter-Verleih an den Markt gegangen. Seit Kurzem sind die Elektroroller von Skooty verschwunden. Offenbar hat sich das Unternehmen zurückgezogen. © Andreas Fischer

Noch vor Kurzem waren an fast jeder Straßenecke in Kassel E-Scooter zu sehen, aktuell stehen im Stadtgebiet deutlich weniger Elektro-Tretroller zum Ausleihen bereit.

Kassel – Von zuletzt fünf Anbietern sind derzeit nur noch drei aktiv. Das Kasseler Unternehmen Skooty, das im September 2020 als erster Verleihdienst in Nordhessen an den Start gegangen war, scheint aufgegeben zu haben. Auf mehrfache Anfrage unserer Zeitung erfolgte keine Reaktion, die Rufnummer des Unternehmens ist abgestellt.

Auch der Anbieter Lime hat seit Kurzem keine E-Scooter mehr auf der Straße. Ein Sprecher teilte auf Anfrage mit, man habe eine „Winterpause“ bis März eingelegt. Drastisch reduziert kommt das Angebot des Unternehmens Bird daher, das nach HNA-Recherchen aktuell weniger als 50 Fahrzeuge bereitstellt. Weiterhin mit einem großen E-Rollerangebot vertreten sind die Anbieter Tier und Bolt. Bolt war erst im Oktober 2021 als fünfter Anbieter in Kassel aktiv geworden.

Die Stadt Kassel hat keine Erkenntnisse zu einem Rückzug von Anbietern und geht weiterhin von fünf in Kassel aktiven Betreibern aus. Bislang müssen die E-Scooter-Anbieter ihre Aktivitäten weder an- noch abmelden.

Neben der kalten Jahreszeit bekommt die Branche Medienberichten zufolge auch die Pandemie zu spüren. Weil weniger Menschen zur Arbeit oder in der Freizeit unterwegs sind, sinkt die Nachfrage nach Fahrten mit den Elektro-Rollern. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob in einer Stadt wie Kassel mit gut 200 000 Einwohnern der E-Scooter-Markt groß genug für fünf Anbieter ist.

„Es ist ein brutaler Wettbewerb“, sagt Philip Reinckens, der aus Kassel stammende Deutschland-Chef der Firma Tier über das E-Scooter-Geschäft. Kassel sei ein Beispiel dafür, dass inzwischen in mittelgroßen Städten der Markt ebenso hart umkämpft sei wie in Metropolen.

Unterdessen plant die Stadt Kassel, den E-Scooter-Verleihbetrieb stärker zu reglementieren. Künftig sollen diese Angebote als erlaubnispflichtige Sondernutzung behandelt werden, teilte ein Sprecher auf HNA-Anfrage mit. Vor allem mit Blick auf das gefährdende oder behindernde Abstellen von E-Scootern würden „Bedingungen und Auflagen formuliert und Sondernutzungsgebühren erhoben“, sagte der Rathaussprecher, ohne Details zu nennen. Derzeit werde eine entsprechende Beschlussvorlage für die Stadtverordnetenversammlung vorbereitet.

Zahl der Unfälle mit E-Scootern hat sich verdoppelt

Die Zahl der Unfälle mit E-Scootern – sowohl privaten als auch gemieteten Fahrzeugen – ist im vergangenen Jahr in Kassel stark gestiegen. Gab es 2020 insgesamt 13 Unfälle, wurden 2021 laut Polizei deutlich mehr als 20 E-Scooter-Unfälle registriert. Dabei wurden mindestens zwei Personen schwer und 15 leicht verletzt. Die endgültigen Zahlen liegen noch nicht vor. Einem Polizeisprecher zufolge sind auch häufig betrunkene oder drogenberauschte Fahrer auf E-Scootern unterwegs.

Philip Reinckens von der Firma Tier über den Verleihmarkt in Kassel

Seit eineinhalb Jahren gibt es in Kassel E-Scooter zum Ausleihen. Die erste Hochphase scheint vorbei zu sein, erste Anbieter ziehen sich offenbar zurück. Wir sprachen mit Philip Reinckens von der Firma „Tier Mobility“ über die Branche. Das Unternehmen ist seit November 2020 in Kassel vertreten. Mit aktuell 600 Fahrzeugen auf der Straße ist es der größte Anbieter in Kassel.

Philip Reinckens mit einem E-Scooter der Firma Tier Mobility.
Philip Reinckens (36) kommt aus Kassel und arbeitet beim E-Scooter-Verleiher Tier Mobility. © Tier Mobility

Der Verdrängungswettbewerb in der E-Scooter-Branche scheint hart zu sein. Wie viele E-Scooter und Anbieter kann eine Stadt wie Kassel vertragen?

Fünf Anbieter sind für eine Stadt wie Kassel in der Tat eine Menge. Der Wettbewerb wird immer härter, je mehr Player auf dem Markt sind. Meines Erachtens braucht es für eine 200.000-Einwohner-Stadt nicht mehr als zwei bis drei Anbieter und etwa 1500 E-Scooter.

Wenn der Wettbewerb so hart ist: Warum stürzen sich so viele Anbieter auf das Geschäft?

Zum einen gibt es den übergreifenden Trend in Europa, die Mobilitätswende voranzubringen und Alternativen zum Auto zu bieten. Die Art und Weise, wie wir uns in den Städten bewegen und wie Freiraum vergeben wird, kann so nicht weitergehen. Das zeigt sich gerade an einer Stadt wie Kassel, die nach dem Krieg autogerecht wieder aufgebaut wurde. Seit 2019 sind E-Scooter in Deutschland zugelassen, seitdem ist der Markt eröffnet. Das Geschäftsmodell E-Scooter-Sharing kann durchaus sehr profitabel sein. Deshalb drängen viele auf den noch jungen Markt.

Tier hat 600 E-Scooter in Kassel im Einsatz. Wie oft werden die bewegt?

Das ist sehr unterschiedlich und abhängig vom Wetter, der Tageszeit und dem Abstellort. Generell ist es ein sehr saisonales Geschäft. Wenn das Wetter schön ist und viele Touristen in der Stadt sind, dann steigen auch die Nutzungszahlen. Was sich grob sagen lässt: Im Durchschnitt gibt es bei 600 Fahrzeugen auch mindestens 600 Fahrten pro Tag.

Wann und wo werden die E-Scooter am meisten nachgefragt?

Der Vordere Westen, die Innenstadt und Nord-Holland sind die drei Kernbereiche. Die stärksten Tage sind Freitag und Samstag. An Wochentagen kann man auch ein Pendlerprofil erkennen: Den ersten Ausschlag gibt es morgens zwischen 7 und 9 Uhr, dann wieder rund um die Mittagszeit und abends ab 16 Uhr für Fahrten von der Arbeit oder in die Bar.

Und wie viele Fahrzeuge werden kaputtgemacht oder in der Fulda versenkt?

Das hält sich sehr in Grenzen. In dem guten Jahr, das wir in Kassel aktiv sind, gab es einen Scooter, der in der Fulda gelandet ist. Etwa 15 Stück sind im Bereich der Nordstadt von einer Bande Vandalen heimgesucht worden. Die haben die Scooter aufgeschraubt und die Batterien entfernt. Und es gab eine Phase, wo in mehreren Fällen mit Kabelbindern die Bremsen festgezurrt wurden. Generell sind Vandalismus und andere Probleme in Kassel im Vergleich mit anderen Städten gering.

Für viele Menschen sind E-Scooter vor allem ein Ärgernis, weil sie im Weg stehen, weil die Nutzer auf dem Bürgersteig und zu schnell fahren. Haben E-Scooter ein Imageproblem?

Es gibt nicht „die Scooter“. Zwischen den Betreibern gibt es große Unterschiede. Ja, manchmal stehen Fahrzeuge ungünstig auf dem Bürgersteig. Das ärgert mich auch. Wir versuchen, das einzugrenzen durch Kommunikation mit unseren Kunden und durch technische Möglichkeiten. Tier hat etwa als einziger Anbieter in Kassel einen Sensor in den Scootern, der uns meldet, wenn ein Fahrzeug umfällt. Unsere Mitarbeiter, die ohnehin wegen der Batteriewechsel unterwegs sind, stellen es dann wieder hin. Auch eine Verbesserung der Infrastruktur kann Probleme verhindern, etwa indem Auto-Parkplätze für E-Scooter umgewidmet werden. Städte wie München oder Münster sind da schon Vorreiter. Aber alle Städte haben ein Interesse daran, neue Verkehrsmittel in ihrer Akzeptanz zu fördern.

Tier hat kürzlich das Fahrradverleihsystem Nextbike übernommen. Auch E-Mopeds und E-Bikes hat Ihre Firma im Portfolio. Was bedeutet das für Kassel?

Konkret haben wir das noch nicht entschieden. Ich persönlich bin der Meinung, dass E-Bikes in Kassel aufgrund der vielen Steigungen Sinn machen könnten. Generell ergänzen sich Nextbike und Tier gut, weil beide im Bereich der Mikromobilität unterwegs sind. Es geht da um Fahrten zwischen zwei und zehn Kilometern. Durch das Angebot aus einer Hand können wir etwa Kombi-Angebote schneidern und Nextbike und Tier besser aufeinander abstimmen. Synergieeffekte gibt es auch intern, indem wir Lager, Personal oder Fahrzeuge gemeinsam nutzen können.

Was erwarten Sie vom documenta-Sommer für das Verleihgeschäft?

Der documenta schauen wir sehr positiv entgegen und hoffen auch auf eine enge Zusammenarbeit, um die documenta bestmöglich zu unterstützen. Wenn der Sommer schön wird, können E-Scooter und Mieträder dazu beitragen, das documenta-Erlebnis für die Gäste auch in Sachen Mobilität so angenehm wie möglich zu machen.

Ist damit zu rechnen, dass weitere E-Scooter-Anbieter zur documenta nach Kassel drängen?

Das glaube ich nicht. Der Markt konsolidiert sich gerade. Kleinere Player, die nur in ein oder zwei Städten verfügbar sind, werden es schwer haben, sich zu etablieren. Und nur für 100 Tage ein ganz neues Angebot in Kassel aus dem Boden stampfen, wird wohl auch den Aufwand nicht lohnen.

Zur Person: Philip Reinckens

Philip Reinckens (36) ist in Kassel geboren und legte sein Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule ab. Er studierte internationale Betriebswirtschaft und arbeitete zunächst in der Automobilbranche, bevor er 2019 zur Berliner Firma Tier Mobility wechselte. Dort ist er jetzt verantwortlich für Deutschland und fünf weitere europäische Länder. Reinckens hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in München. (Katja Rudolph)

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