Psychologin wertete Studie aus

Wenn Fleisch Ekel auslöst: Die Vegetarier-Typen

Gemüse ist für sie lecker, Fleisch finden Sie eklig: Bei den moralischen Vegetariern spielen Emotionen eine große Rolle, sagt die Kasseler Psychologin Kristin Mitte. Der Ekel komme über die moralische Ablehnung zustande. Foto: Picture Alliance

Kassel. „Man ist, was man isst“, besagt eine Redensart. Ist also ein Vegetarier ein anderer Mensch als jemand, der regelmäßig Fleisch verzehrt? Nein, sagt die Kasseler Psychologie-Professorin Kristin Mitte.

Was die Persönlichkeitsmerkmale angehe, gebe es keinen grundsätzlichen Unterschied, hat sie herausgefunden.

„Vegetarier sind nicht gewissenhafter oder umgänglicher, aber auch nicht neurotischer als Nicht-Vegetarier“, sagt die 35-Jährige. Allerdings haben Menschen, die auf Fleisch oder sogar komplett auf tierische Lebensmittel verzichten (Veganer), ein anderes Wertesystem. Im Vergleich zu Fleischessern sehen Vegetarier stärker das große Ganze der Welt, lehnen Hierarchien ab und legen Wert auf ein gutes Miteinander, erklärt die Psychologin. „Sie sind gewissermaßen idealistischer.“

Kristin Mitte

Eigentlich ist Mitte - selbst übrigens keine Vegetarierin - über die Emotionsforschung zum Thema gekommen. Bei der Beschäftigung mit dem Phänomen Ekel stellte sie sich die Frage, wer sich aus moralischen Gründen ekelt - und stieß auf Vegetarier. „Dabei war ich überrascht, wie wenig Forschung dazu bisher vorliegt.“ Immerhin gibt es schätzungsweise sieben Millionen Vegetarier in Deutschland.

Bei einer Studie, für die 4000 Vegetarier und Veganer befragt wurden, habe man drei Typen identifizieren können, sagt die Professorin: Moralische Vegetarier, Gesundheitsvegetarier und emotionale Vegetarier. Die erste Gruppe sei die größte, mehr als jeder zweite Vegetarier esse aus moralischen Gründen kein Fleisch - meist um keine Tiere zu töten. Auch wer ökologisch argumentiert, etwa mit dem Treibgas Methan, das bei der massenweisen Rinderzucht in großen Mengen freigesetzt wird, gehört zu den moralischen Vegetariern.

Bei dieser Gruppe spielen Emotionen eine große Rolle, sagt Kristin Mitte. „Der Ekel vor Fleisch kommt hier über die moralische Ablehnung zustande.“ In dieser Gruppe sei auch der Ärger über Fleischesser und der missionarische Eifer, andere von ihrer Ernährungsweise zu überzeugen, am stärksten ausgeprägt.

Aus gesundheitlichen Gründen verzichte etwa ein Drittel der Vegetarier auf Fleisch. Zu dieser Gruppe zählen Menschen, die sich wegen der Fleischskandale dem Gemüse zugewendet haben oder auf ärztlichen Rat das Fleisch weglassen. Bei Gesundheitsvegetariern sei das Thema am wenigsten emotional aufgeladen, sagt Mitte.

Bei emotionalen Vegetariern, die die kleinste Gruppe darstellen, nimmt der Ekel keinen Umweg über die Moral, sondern ist tatsächlich körperlich empfundene Übelkeit. Meist handele es sich um Menschen, die insgesamt schnell mit Ekel reagierten.

Auf Grundlage dieser Ergebnisse will die Psychologin jetzt untersuchen, wie sich Einstellungen von Menschen zum Fleischkonsum beeinflussen lassen. Bewirken beispielsweise moralische oder gesundheitliche Argumente am ehesten eine Veränderung, oder hinterlässt emotional aufgeladenes Info-Material am meisten Eindruck?

Von Katja Rudolph

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