Magdalena Hesse (85) und Wilhelm Kohlus (88) haben sich spät gefunden

Wenn’s im Altenheim funkt: Wie zwei über 80-Jährige sich verliebten

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Gemeinsam statt einsam: Magdalena Hesse und Wilhelm Kohlus fanden auf der Tanzfläche der Seniorenwohnanlage Lindenberg zusammen und trennten sich seitdem nicht mehr. Sie nennt ihn „Willi“, er sagt „Magda“ zu ihr.

Kassel. Mit Seniorenheimen verbinden viele die Endstation des Lebens. Dabei finden dort nicht nur viele Ältere neue Freunde, sondern auch die Liebe erwacht bisweilen wieder. Wir stellen zwei verwitwete Kasseler vor, die sich mit Mitte 80 in einer Seniorenwohnanlage frisch verliebt haben.

Das erste Rendezvous kam unerwartet: Magdalena Hesse (85) war erst seit wenigen Tagen in der Seniorenwohnanlage Lindenberg, als sie von Bewohner Wilhelm Kohlus (88) zu einem Tänzchen aufgefordert wurde. Besagtes Oktoberfest in der Senioreneinrichtung liegt zweieinhalb Jahre zurück und aus zwei Tanzpartnern wurden inzwischen Lebenspartner.

Im Hintergrund war eine Kupplerin am Werk gewesen: Mitarbeiterin Ute Angermann, die sich um die Aktivitäten in der Anlage kümmert, hatte ihre Finger im Spiel. „Sie sagte zu mir, machen Sie sich schick fürs Oktoberfest, wir haben da jemanden, der eine Tanzpartnerin sucht“, erzählt Hesse. „Sie ist schuld“, sagt Kohlus. „Schuld?“, fragt Hesse. Der 88-Jährige bemerkt seinen Fauxpas: „Sagen wir verantwortlich.“ Seine Partnerin klopft ihrem Willi, wie sie ihn nennt, zärtlich aufs Bein.

Dass sie noch einmal Schmetterlinge im Bauch haben würden, hätten sich die verwitweten Rentner bis vor zweieinhalb Jahren nicht träumen lassen. Mit ihren verstorbenen Ehepartnern wären die Kasseler heute 55 Jahre verheiratet und lange kamen sie nicht über den Verlust hinweg. „Nach dem Tod meiner Frau habe ich vier Jahre allein in meiner Wohnung gelebt - ich wäre fast verblödet“, sagt Kohlus. In eine Seniorenwohnanlage ziehen wollte er nicht. Da ging es ihm wie der 85-Jährigen.

„Heute bin ich meiner Tochter dankbar, dass sie mich darum gebeten hat. Damals habe ich ihr vorgeworfen, sie wolle mich loswerden“, sagt Kohlus, der vor 20 Jahren als Schlosser in den Ruhestand gegangen war.

Gespräche über die Ex-Partner und vergangene Zeiten scheuen die zwei nicht. Zwar hat jeder sein eigenes Appartement in der Anlage, sie kommen sich aber jeden Abend besuchen. Vor dem Fernseher herrscht nicht nur Harmonie: Reibereien gebe es etwa, wenn ihrem „Willi“ der Fernseher zu leise ist. „Ich höre noch gut, und mir ist das oft zu laut“, sagt Hesse. Auch mit über 80 müsse sich ein Partner an den anderen anpassen. Die dicke Luft verfliege aber immer schnell, dafür sei das Leben im Alter zu kurz. „Wir geben uns ’n Küsschen oder trinken ’n Schnäpschen, dann ist die Sache wieder gut“, erzählt die 85-Jährige.

Die Ruhe auf dem Sofa gönnt sich das Paar nie lange. Das liegt auch daran, dass es am Lindenberg nicht nur sich, sondern auch viele Freunde gefunden hat. „Die wilden zehn“ nennen sie ihren Club von zehn Bewohnern, die sich regelmäßig zum Klönen, Kegeln, Mini-Golfen, Tanzen oder für Ausflüge treffen.

Kürzlich ging es mit dem Bus auf eine 18-stündige Tagesfahrt nach Holland. „Man muss alles mitmachen, solange es geht“, sagt Hesse. Viele Ältere würden es verachten, wenn sich zwei Menschen in ihrem Alter neu verlieben. Aber sie ist sich sicher: „Niemand muss allein bleiben.“

Von Bastian Ludwig

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