DRK-Geschäftsführer im Interview

Wer betrügen will, findet einen Weg: Experte über Corona-Testcenter

Entnahme des Abstriches: Im Testcenter von Covimedical am Dormannweg in Kassel entnimmt Neslihan Demiral, Standortleiterin, einen Abstrich bei Adem Karabag.
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Entnahme des Abstriches: Im Testcenter von Covimedical am Dormannweg in Kassel entnimmt Neslihan Demiral, Standortleiterin, einen Abstrich bei Adem Karabag.

Über mögliche Betrugsfälle bei der Abrechnung von Corona-Bürgertests hat sich jetzt der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes-Kassel-Wolfhagen geäußert.

Kassel - Zuletzt sind mögliche Betrugsfälle bei der Abrechnung der kostenlosen Corona-Bürgertests öffentlich geworden. Über den Ablauf der Abrechnung und die Arbeit in den Testcentern haben wir mit Holger Gerhold-Toepsch, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes-Kassel-Wolfhagen, gesprochen.

Herr Gerhold-Toepsch, wie finde ich ein seriöses Testcenter?
Ich würde mir nicht anmaßen wollen zu sagen, was seriös ist und was nicht. Ein Arzt oder eine Apotheke ist aufgrund ihrer Funktion berechtigt, ein Testcenter zu betreiben, andere wie zum Beispiel Hilfsorganisation wie das Deutsche Rote Kreuz dürfen den Betrieb im Rahmen einer Allgemeinverfügung machen. Aber auch jede Privatperson, die ein entsprechendes Testkonzept beim Gesundheitsamt vorlegt, kann ebenfalls ein Testzentrum betreiben. Das Gesundheitsamt ist die zuständige Stelle, um Testzentren zu genehmigen.
Wer darf den Abstrich entnehmen?
Auch die Personen, die die Tests entnehmen, müssen dazu autorisiert sein. Die Tester müssen, wenn sie kein Arzt sind, eine entsprechende Schulung besucht haben, die unter ärztlicher Aufsicht stattgefunden hat.
Gibt es Unterschiede bei der Art und Weise der Testverfahren?
Zugelassen sind nur Tests mit einer sogenannten Bfarm-Nummer, also einer entsprechenden Kennung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Die Nummer muss auf dem Test stehen und im Formular eingetragen werden. Uns war wichtig, dass wir einen Test nutzen, der für alle Altersgruppen, also auch für Kinder funktioniert. Wir haben uns deshalb für einen Test entschieden, der nur im vorderen Nasenwandbereich angewendet wird, und haben abklären lassen, ob aus medizinischer Sicht etwas dagegenspricht. Auch unser Lieferant musste gewährleisten, dass er diese Tests langfristig liefern kann. Denn sollte man den Test wechseln, also das Testverfahren verändern, müssen die Mitarbeiter neu unterwiesen werden, damit keine Fehler passieren. Das Testen ist ein Prozess, der sehr sorgfältig gemacht werden muss. Man muss wissen, was man tut.
Viele Testcenter weisen sogenannte medizinische Leiter aus, ist der dann dafür verantwortlich, dass die Tests ordnungsgemäß durchgeführt werden?
Im Zweifelsfall ja. Jeder, der das Testergebnis unterschreibt, ist für die ordnungsgemäße Durchführung verantwortlich. Bei unseren DRK-Teststellen ist es so, dass der Tester das Testergebnis unterschreibt. Für die Abrechnung bin ich als Geschäftsführer zuständig. Ähnlich wird das auch bei privaten Testcentern sein.
Die Abrechnung der Testcenter findet über die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) statt. Wie muss man sich das vorstellen?
Beim DRK Kassel-Wolfhagen werden alle Teststellen gemeinsam unter einer Nummer abgerechnet, die man bei der Registrierung bekommen hat. Das wird auch bei anderen Betreibern so sein, die mehrere Teststationen haben, um den Aufwand möglichst gering zu halten. Insgesamt hat das DRK Kassel-Wolfhagen in Stadt und Landkreis Kassel acht Testcenter, die fasse ich am Ende des Monats zusammen. Ich gebe also nicht einzeln für jeden Standort die Anzahl der Testungen an.
Kann die KV dann herausfinden, wie viele Tests an den einzelnen Teststellen gemacht wurden?
Das halte ich für schwierig. Zumindest solange es keine verpflichtenden Vorgaben gibt, die täglichen Testungen je Testzentrum an eine zentrale Stelle zu melden.
Ist das ein Problem?
Die Fälle, die jetzt in den Medien bekannt geworden sind, das sind aus meiner Sicht Einzelfälle mit krimineller Energie. Wer betrügen will, der geht genau in dieser Absicht vor. Wir reden hier ja nicht von Zahlendrehern oder einer versehentlichen Zähldifferenz. Das sind ja enorme Zahlen, die da auftauchen. Das ist Betrug. Da kann man ein noch so gutes System machen. Ich denke, wer betrügen will, der findet einen Weg.
Es gibt also aktuell keine verpflichtende Kontrolle der von den Betreibern gemeldeten Zahlen?
Nein. Aus meiner Sicht würde das gehen. Im Landkreis Kassel ist es zum Beispiel auch so, dass regelmäßig die Zahl der Tests in den Testcentern gemeldet wird. Ich mache das jeden Abend als letzte Amtshandlung. Theoretisch könnte die KV jetzt beim Gesundheitsamt nachfragen, wie viele Zahlen im Kreis Kassel gemeldet wurden. Aber das ist offenbar nicht der Regelfall. In der Stadt Kassel beispielsweise wird das nicht so regelmäßig gemacht. Was mich nur wundert: Wer sonst Gewerbe anmelden will, der benötigt ein polizeiliches Führungszeugnis, eine Auskunft aus dem Werbezentralregister und und und. Das wird hier gar nicht angefordert.
War man also bei der Einrichtung der zahlreichen Testcenter vielleicht doch ein bisschen nachlässig?
Auch wenn das Thema gerade von großem Interesse in den Medien ist, aus meiner Sicht sind das wirklich nur Einzelfälle. Der Großteil arbeitet seriös und hat ein großes Interesse, an einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe teilzunehmen. Diese wenigen schwarzen Schafe sorgen dafür, dass insgesamt der Eindruck entsteht, Testcenterbetreiber wollen sich an der Pandemie bereichern. Das ist schade. Wir haben beim DRK in Kassel 40 neue sozialversicherungspflichtige Stellen geschaffen und jede Woche über 100 Ehrenamtliche in den Testcentern im Einsatz. Wenn der Außenstehende jetzt denkt, in Corona-Testcentern wird betrogen, dann tut mir das weh.
Wo ist der größte Schwachpunkt des Systems?
Überall können Fehler passieren. Menschliches Versagen kann nirgendwo ausgeschlossen werden. Die Frage ist, läuft irgendetwas organisatorisch nicht gut, was sich vielleicht schnell verbessern lässt oder geht jemand mit krimineller Energie vor. Ich sag es noch mal: Der größte Schwachpunkt ist der Mensch selbst. Man muss auch sehen, die Einrichtung der Testcenter war ein enormer Kraftakt. Der Landkreis Kassel hat die ortsansässigen Hilfsorganisationen gebeten, zehn Testcenter im Landkreis Kassel einzurichten, um ein einigermaßen flächendeckendes Angebot zu ermöglichen. Die Hilfsorganisationen haben das dann gemeinsam organisiert. Wir wussten im März nicht, ob überhaupt Menschen zum Testen kommen oder wir regelrecht überrannt werden.
Ist die Nachfrage mittlerweile so groß?
Es ist ganz schwer abzuschätzen, wann und wie viele Leute kommen. Aber ja, es sind mehr als zum Start der Testcenter. Wir haben uns ganz bewusst gegen ein digitales Verfahren gewandt. Was ich nämlich viel eher als kritischen Punkt gesehen habe, ist der Datenschutz. Immer noch gibt es Testcenter, die die Ergebnisse per unverschlüsselter Mail oder gar per Whatsapp verschicken. Das sind sensible Gesundheitsdaten. Wer die über Whatsapp oder in unverschlüsselten Mails verschickt, verstößt gegen den Datenschutz. Insbesondere dann, wenn die Daten woanders landen.
Passiert das?
Bei den Mengen an Daten, die da erfasst werden, kommt es ganz schnell mal zu einem Zahlendreher. Und dann kommt das positive Ergebnis nicht da an, wo es hinsollte. Deshalb haben wir für unsere Papiervariante plädiert. Wir haben einen Formularsatz gefertigt – auch wenn man uns dafür belächelt hat. Bei dem Formular geht es nicht um Schönheit. Der Zettel hat im Grunde einen Wert von 24 Stunden. Wir prüfen jetzt aber, dass es zukünftig auch möglich sein wird, dass das Ergebnis in die Corona-App überspielt wird. Der Vorteil dort ist, dass ein QR-Code gescannt wird und so Zahlendreher vermieden werden können.
Was passiert mit der Durchschrift ihrer Formulare?
Die Durchschrift behalten wir zu Nachweiszwecken, und die ganzen verschlossenen Kisten stehen hier im Keller. Ich gehe davon aus, dass irgendwann eine Prüfung kommen wird, denn durch Corona ist in ganz vielen Bereichen gerade sehr viel Geld unterwegs. Es ist gut, dass man die Organisation der Testcenter so unbürokratisch gemacht hat, sonst wäre die Umsetzung so schnell nicht möglich gewesen. Aber klar ist auch, es kann – und das ist auch überall festgehalten – bis 2023/24 Nachprüfungen geben. Dafür haben wir Rechnungen und andere Belege alle separat abgeheftet, damit man es bei Bedarf schnell beisammen hat.
Einige Testcenter machen Tests nur nach vorheriger Terminvergabe. Sie haben sich bewusst dagegen entschieden. Warum?
Beim Terminverfahren hat man im Grunde das Problem, wenn es sich bei einem verzögert, dann verschiebt es sich bei allen nach hinten. Im Grunde ist es ähnlich wie in einer Arztpraxis. Wir wollten das Angebot zudem sehr niederschwellig halten. Es gibt viele Menschen, gerade die ältere Generation, die mit so einer Online-Anmeldung nicht so gut klar kommt. Das hat sich auch bei der Vergabe von Impfterminen gezeigt. Aber obwohl es manchmal zu Wartezeiten kommt, haben wir ganz viele positive Rückmeldungen. Das hat eigentlich niemanden gestört. Für viele war das Testcenter in den vergangenen Wochen auch die einzige Möglichkeit, um mal wieder jemanden zufällig zu treffen.

Zur Person

Holger Gerhold-Toepsch (59) ist seit 1992 Geschäftsführer beim Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Kassel-Wolfhagen. Gerhold-Toepsch ist bereits seit seiner Jugend im DRK. Er hat eine Beamtenlaufbahn als Diplom-Verwaltungswirt absolviert. Durch Zufall ist er auf die Stelle beim DRK aufmerksam geworden. Gerhold-Toepsch ist Rettungsassistent und war für das DRK auch im Ausland im Einsatz. Er lebt in Vellmar.

Hintergrund: Ausstattung von Testern und Testcentern

Abstandsmaßnahmen und Hygieneregeln gelten auch für Testcenter. Die konkreten Maßnahmen müssen auch im Testkonzept festgehalten sein. Dort ist auch genau festgelegt, wie viele Personen in die Räume dürfen und wie die Räume gelüftet werden müssen. In der Testverordnung des Bundes ist vorgeschrieben, dass die Personen, die die Abstriche nehmen, eine Maske, ein Visier, einen Kittel, eine Kopfhaube und Handschuhe tragen müssen. Für die Mitarbeiter am Empfang sind eine Maske und ein abtrennender Spuckschutz ausreichend. Wer einen Wohnsitz in Deutschland hat, darf sich mindestens einmal in der Woche kostenlos auf Corona testen lassen. Die Anzahl der Personen, die positiv getestet werden, liegt bei unter einem Prozent. Das Ziel der Bürgertestungen ist es, genau diese Personen, die einen asymptomatischen Verlauf der Coronaerkrankung zeigen, zu finden. Nur so können Ansteckungen vermieden werden. Wenn ein positives Testergebnis vorliegt, ist nicht nur der Getestete verpflichtet, sich in häusliche Quarantäne zu begeben und Kontakt zum Gesundheitsamt aufzunehmen. Auch die Betreiber des Testcenters müssen ihrerseits die Person beim Gesundheitsamt melden. (kme)

Trotz aktuell weiter sinkenden Infektionszahlen und damit niedrigen Corona-Inzidenzen in ganz Deutschland sei die Pandemie nach Aussagen von RKI-Chef Lothar Wieler noch nicht überstanden.

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