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Streit in der SPD: So reagiert die Partei auf Geselles Entscheidung

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Von: Matthias Lohr

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Geselles Unterstützerin: Rosa-Maria Hamacher, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands
Geselles Unterstützerin: Rosa-Maria Hamacher, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands © Privat

In der SPD nimmt man die Entscheidung von Oberbürgermeister Geselle, als unabhängiger Kandidat anzutreten, unterschiedlich auf. Einige wollen ihn unterstützen, einer spricht von einem Amoklauf des OB.

Kassel – Die Entscheidung von Kassels SPD-Oberbürgermeister Christian Geselle, als parteiunabhängiger Kandidat für die Wahl im März 2023 anzutreten, wurde nicht nur von Sozialdemokraten unterschiedlich aufgenommen. Wir haben uns umgehört.

Die Ex-Parteivize

Dass Rosa-Maria Hamacher zum Team Geselle zählt, ist spätestens seit dem 12. August klar. Da trat die Vizechefin der Partei wie einige andere führende Genossen von ihrem Amt zurück – aus Protest über den Abbruch der Gespräche mit der CDU. Nun zieht Geselle ohne seine Partei in den Wahlkampf, aber mit Hamacher als Unterstützerin. Für die Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands ist die Entscheidung Geselles konsequent: „Aus den Parteistreitigkeiten hält er sich damit raus. Im Rathaus hat er in den vergangenen Jahren einen tollen Job gemacht. Wir stehen weiter vor schwierigen Herausforderungen. Dafür ist er der ideale Oberbürgermeister.“

Für die 36-Jährige war es nicht überraschend, dass es „im Sommer in der Partei richtig geknallt hat“. Der Konflikt habe schon länger geschwelt. Nun gehe es darum, die Partei nicht weiter zu spalten. Daher hofft Hamacher, dass „die Partei das Angebot annimmt und darauf verzichtet, einen eigenen Kandidaten aufzustellen“.

Sie glaubt, dass es für die SPD schwer wird, einen Wahlkampf gegen den Oberbürgermeister zu führen. Mehr als zehn Ortsvereine würden hinter dem Amtsinhaber stehen: „Der Unterstützerkreis für Christian Geselle ist groß.“

Fragt man sie, ob sie mal daran gedacht habe, aus der SPD auszutreten, in der sie seit Juso-Zeiten im Schwalm-Eder-Kreis aktiv ist, sagt sie sofort: „Nie. Das wäre das falsche Zeichen.“

Der Ortsvorsteher

Für nicht wenige in der SPD ist Philipp Humburg ein Hoffnungsträger. Mit 24 wurde der aus Chemnitz stammende Referendar Ortsvorsteher in Oberzwehren. Seither macht er dort einen souveränen Job und sagt auch mal unbequeme Meinungen. Humburg zählt sich weder zum linken noch zum rechten Flügel. Ein bisschen ist er in der Partei also ein Außenstehender.

Vielleicht ist er auch deshalb irritiert, „dass Christian Geselle auf eine breite Unterstützung aus der Partei hofft, wenn er doch nicht für die Partei antritt. In so einem Fall muss man eher mit einem Parteiausschlussverfahren rechnen.“ Für Humburg steht es außer Frage, dass die Partei einen eigenen Kandidaten aufstellen muss. Denn: „Den öffentlichen Streit hat Christian Geselle mit seinem Offenen Brief losgetreten. Er ist mehrere Wochen Amok gelaufen – mit dem Ziel, in der Partei so viel Schaden wie möglich anzurichten“. Machtpolitisch findet das Humburg aus dessen Sicht nachvollziehbar. Er lobt Geselle auch, weil er als Rathaus-Chef gute Arbeit leiste. Darum hält er es für gut möglich, dass ihn viele in der Partei unterstützen werden.

Die Abgeordnete

Esther Kalveram steht nächstes Jahr vor zwei wichtigen Wahlen: Im März soll der von ihr unterstützte Geselle sein Amt verteidigen. Im Herbst will sie wieder in den hessischen Landtag einziehen. In Wiesbaden ist sie seit vorigem Sommer als Nachrückerin für Wolfgang Decker Abgeordnete. Um es vorsichtig auszudrücken: Kalverams Wiedereinzug ist durch die Spaltung der Kasseler SPD nicht leichter geworden.

Darum warnt die 56-Jährige vor einer weiteren Zuspitzung des Streits. Ihr Appell richtet sich nicht an Geselle, sondern an den Parteivorstand. Der „wäre gut beraten, nicht die nächste Eskalationsstufe zu zünden. Das würde weiter spalten und wäre parteischädigendes Verhalten.“ Es gehe jetzt nur darum, was der Partei hilft. Kalveram ist überzeugt: „Einen kaum bekannten und chancenlosen Kandidaten gegen Christian Geselle aufzustellen, hilft ihr mit Sicherheit nicht.“

Derzeit arbeitet die ehemalige Buchhändlerin an der Fusion der drei SPD-Ortsvereine im Kasseler Osten. Am Dienstag gab es bereits ein Treffen der Genossen aus Bettenhausen, Forstfeld, der Unterneustadt und Waldau. Man befragte den Parteichef Ron-Hendrik Hechelmann zum Konflikt. Das Ergebnis laut Kalveram: „Es gibt eine breite Mehrheit gegen einen eigenen Kandidaten.“ Darüber wurde gestern Abend auch im Unterbezirksausschuss diskutiert.

Die Gegenkandidaten

Die Frau, die die Kasseler SPD erst in die aktuelle Situation gebracht hat, schweigt derzeit. CDU-Oberbürgermeisterkandidatin Eva Kühne-Hörmann hatte im Sommer Gespräche über mögliche Koalitionen im Stadtparlament initiiert. Wenig später zerlegte sich die SPD selbst. Die Entscheidung von Geselle will die CDU-Vorsitzende nicht kommentieren.

Sven Schoeller, der für die Grünen ins OB-Rennen geht, hat Geselles Ankündigung „nach dem tief greifenden Zank in der SPD über Wochen nicht überrascht“, wie er sagt. Die Vielfalt an Wahlmöglichkeiten sei ein großer Vorteil für die Wähler und „gut für die Demokratie in unserer Stadt“.

Welche Auswirkungen die Entwicklungen in der SPD auf eine Jamaika-Koalition haben, über die Grüne, CDU und FDP gerade sondieren, ist unklar. Kühne-Hörmann sagt auch dazu nichts. Schoeller fasst die Gespräche, die sich gerade auf der Zielgeraden befinden, so zusammen: „Es ist kein Geheimnis, dass Grüne, CDU und FDP inhaltlich im Ausgangspunkt bei einigen Themen weit voneinander entfernt sind. Insofern ist das keine leichte Aufgabe.“

Für die Linken-Oberbürgermeisterkandidatin Violetta Bock ist Geselles Entscheidung wieder „ein typisches Beispiel für seine Alleingänge. Über seine gesamte Amtszeit und mit dieser Entscheidung beweist Geselle eindrucksvoll: Teamfähig ist er nicht.“ Bock will dem eine alternative und gemeinschaftliche politische Kultur entgegenstellen. In Anlehnung an ein Prinzip der documenta sagt sie: „Lumbung eben.“ (Matthias Lohr)

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