Gruppen „Dies Irae“ und „Polizeiproblem“ kapern Werbeflächen

Polit-Werbung mit Helene Fischer gegen Polizei

Polit-Werbung mit Helene Fischer und Horst Seehofer: Plakate der Gruppen „Dies Irae“ und „Polizeiproblem“am Bahnhof Wilhelmshöhe.
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Polit-Werbung mit Helene Fischer und Horst Seehofer: Plakate der Gruppen „Dies Irae“ und „Polizeiproblem“ am Bahnhof Wilhelmshöhe.

Helene Fischer als Parship-Persiflage und Horst Seehofer mit Augenklappe: Polit-Werbung gegen die Polizei sorgte nun auch in Kassel für Aufsehen. Die Polizei-Gewerkschaft verurteilt die Aktion.

Kassel – Vier Tage lang machte Helene Fischer in Kassel auf ein Polizeiproblem aufmerksam. Seit Fronleichnam hing etwa vor dem Bahnhof Wilhelmshöhe ein Plakat der Schlagersängerin mit dem Slogan: „Alle 17 Minuten ruft ein Polizist Daten von Helene Fischer ab.“ Daneben war ein Porträt des Innenministers Horst Seehofer mit Augenklappe auf dem rechten Auge zu sehen. Dazu der Spruch: „Rechter Rand verschwindet sofort!“

Hinter der ungewöhnlichen Guerilla-Aktion stecken die Gruppen „Dies Irae“ und „Polizeiproblem“. Nicht nur in Wilhelmshöhe, am Kirchweg, am Bebelplatz und in der Querallee hatten sie in Kästen der Firma Ströer in der Nacht zu Donnerstag Werbeflächen gekapert und etwa 20 Plakate angebracht. Auch in Frankfurt, Wiesbaden, Friedberg und Gießen machten sie auf „behördliches Versagen im NSU-2.0-Komplex“ aufmerksam, wie es in einer Mitteilung heißt.

Die Gruppe „Dies Irae“ (Tage des Zorns) hat sich bereits länger einen Namen mit Adbusting-Aktionen gemacht. So nennen es Fachleute, wenn Plakate von großen Firmen übermalt oder überklebt werden, um politische oder künstlerische Botschaften zu vermitteln. „Der öffentliche Raum sollte nicht von Werbeaussagen dominiert werden“, sagt ein Sprecher von „Dies Irae“ der HNA. Die Gruppe „Polizeiproblem“ ist gerade erst entstanden.

Beide agieren bundesweit, in Kassel selbst lebt keiner der Aktivisten. Die nordhessische Stadt spielt für die Gruppen jedoch eine nicht unerhebliche Rolle bei den Geschehnissen um rechte Vorfälle in der Polizei. Beim Mord des Regierungspräsidenten Walter Lübcke stellen sie ein „Behörden-Versagen“ fest. Sie werfen der Polizei vor, nicht einzugreifen, „wenn ein Sanitäter einen Geflüchteten verprügelt“ (wie es im November passiert sein soll). Und im Umgang mit „Querdenken“-Protesten habe es ein „Totalversagen“ gegeben.

Auch Hessens Innenminister Peter Beuth steht immer wieder in der Kritik – etwa weil Daten von Helene Fischer in einer Nacht 83 Mal von Polizei-Computern abgerufen worden waren (worauf die Parship-Persiflage mit der Sängerin anspielt). Wegen der mit „NSU 2.0“ unterzeichneten Drohschreiben an Politiker, Anwälte und Journalisten wurde zuletzt ein 53-jähriger Berliner verhaftet. Ob er Unterstützer hatte, ist unklar.

Stefan Rüppel von der Gewerkschaft der Polizei verurteilt die Aktion, weil „wieder einmal das Ansehen der hessischen Polizei in Misskredit gebracht wird“. Im Fall des Sanitäters seien drei Kollegen medial vorverurteilt worden. Fehlverhalten werde konsequent geahndet und aufgeklärt. Für Rüppel „scheint es momentan in Mode, die Wut und Enttäuschung Einzelner an dem Handeln der Polizei auszulassen“. Zudem hätten die Kollegen „politische Fehler auszubaden“.

Die Werbefirma Ströer kommentiert die Aktion nicht näher. Auf die Frage, ob Anzeige gegen unbekannt erstattet werde, hieß es: „Der Polizei ist das Thema bekannt.“

Der Sprecher von „Dies Irae“ wiederum verweist darauf, dass die Werbekästen „mit einem einfachen Rohrsteckschlüssel aus dem Baumarkt“ geöffnet worden seien und kein Sachschaden entstanden sei. Seine Gruppe hatte auch schon „Kinderarmut bei H&M“ angeprangert. Hin und wieder habe es Anzeigen gegeben, die Strafverfolgungen seien jedoch immer ins Leere gelaufen.

Diesmal hatten sie Plakate in einer vierstelligen Auflage drucken lassen und an Helfer verteilt: „Wir sind gespannt, in welchen Städten die demnächst noch auftauchen.“ (Matthias Lohr)

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