"Die meisten Genies sind ordentlich und penibel"

Bestsellerautor Küstenmacher: So wird man glücklich und erfolgreich

+
Gute Laune dank Limbi: So stellt sich Autor und Zeichner Werner Tiki Küstenmacher unser limbisches System vor.

Sein Buch "simplify your life" wurde millionenfach verkauft. Nun erklärt Autor Werner Tiki Küstenmacher HNA-Lesern, wie man sein Leben aufräumt und glücklich wird. Dabei hält er nichts von Ratgebern.

Mit "simplify your life" hat Werner Tiki Küstenmacher 2001 die "Bibel des Aufräumens" geschrieben. Millionen Leser haben mit seinen Tipps Ordnung in ihr Leben gebracht. In seinem neuen Buch "Limbi. Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn" erklärt der Autor und Pfarrer, wie wichtig unser emotionales Gehirn ist. Darüber redet Küstenmacher am Donnerstag, 12. April, in der HNA-Reihe "Vorsprung durch Wissen" in der Kasseler EAM-Zentrale. Wir haben mit ihm vorab gesprochen.

Ich kenne keinen Menschen, der sagt: Dieser Ratgeber hat mein Leben verändert. Trotzdem versprechen viele Ratgeber genau das. Auch einige Ihrer Bestseller - wie etwa "simplify your life", die "Bibel des Aufräumens". Warum gibt es so viele Bücher, die uns beim Leben helfen wollen?

Werner Tiki Küstenmacher: Ich bin selbst skeptisch gegenüber Ratgebern und ihren völlig übertriebenen Versprechungen. Nach einer Woche Training soll man schon einen Waschbrettbauch haben. Das geht natürlich nicht. Aber "simplify your life" scheint etwas Besonderes zu sein. Ich treffe heute noch Menschen, die sagen: "Das Buch hat mein Leben verändert." Es kam einige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 raus. Die Menschen wurden damals sehr nachdenklich. Sie stellten fest, mit was für Kleinzeug sie ihre Tage verbrachten, und fragten sich, von was sie sich trennen können. Es war eine Bewegung. Mein Buch, in dem ganz viele Lebenshilfetipps zusammengestellt habe, kam da gerade richtig. Ich hatte also Glück mit diesem Unglück.

Ihr neues Buch handelt vom limbischen System, also dem Teil des Gehirns, das Emotionen verarbeitet und dem Triebverhalten dient. Viele denken dabei an den inneren Schweinehund. Sie nennen es dagegen Limbi und zeichnen es als niedliches Tierchen. Das klingt sehr beschönigend.

Küstenmacher: Ja, aber das ist clever und mit Neurobiologen und -medizinern abgeklärt. Die sagen, dass es eine blöde Idee ist, wenn man das innere Wesen als Monster in der Tiefe beschimpft. Damit tut man sich keinen Gefallen. Es funktioniert nicht. Man kann seinen Schweinehund nicht überwinden.

Der ehemalige Radfahrer Jan Ullrich wurde aber bei der Tour de France von seinem Kollegen Udo Bölts mit den Worten "Quäl dich, du Sau" zum Sieg geschrien.

Küstenmacher: Das geht nur in Ausnahmefällen. Dazu muss man ein besonderer Typ in einer besonderen Situation sein - wie Jan Ullrich bei der Tour, bei der man mehr geben muss, als man eigentlich kann. In der Regel ist der Schweinehund einfach wahnsinnig stark. Deshalb sollte man mit Limbi besser kooperieren. Er rettet uns mehrmals am Tag das Leben, indem er uns sagt: "Jetzt hörst du auf. Jetzt machst du weniger. Jetzt gehst du es langsam an." Ohne Limbi gäbe es uns nicht.

Wir müssen uns Limbi zum Freund machen und zugleich überlisten. Wie geht das?

Küstenmacher: Man muss sich Ziele setzen, die ihm gefallen und einen positiven emotionalen Punkt haben. Es reichen schon Kleinigkeiten, damit Limbi sich darauf einlässt. Wenn wir zum Beispiel eine unangenehme Aufgabe wie Aufräumen haben, fragt Limbi: "Was soll das?" Verbinden wir das Aufräumen doch einfach mit toller Musik. Ich stelle mir auch gern das Endergebnis vor, denn wenn es aufgeräumt ist, fühlt sich Limbi besser, als wenn man ein vollgerümpeltes Zimmer hat. Das funktioniert natürlich nicht immer. Wenn man sich zum Beispiel an der Arbeit immer quälen muss, sollte man den Beruf wechseln.

Mit der Limbi-Metapher wird man also glücklicher und erfolgreicher. Das ist ein ganz schön großes Heilsversprechen.

Küstenmacher: Dahinter stecken lauter wissenschaftliche Beobachtungen. Es gibt halt Diskrepanzen zwischen unserem limbischen System, wie es programmiert ist, und den Anforderungen des modernen Lebens. Limbi mag gern Süßes. Das kommt aus der Steinzeit. Unsere Vorfahren haben Kohlenhydrate so lange gekaut, bis sie süß schmeckten, damit sie besser verdaut werden. Es ist gut, dass wir süß als gut empfinden. Daraus haben wir den Trick entwickelt, dass viele Lebensmittel sofort süß schmecken. Das gefällt Limbi, aber wir werden übergewichtig. Haben wir solche Fehleinschätzungen des limbischen Systems durchschaut, können wir viele Probleme lösen.

Welche denn?

Küstenmacher: Zum Beispiel das Rauchen. Es ist ein Wahnsinn, was Zigaretten mit uns machen. Rauchen ist ein direkter chemischer Angriff auf Limbi. Eigentlich tut uns die Zigarette weh, aber durch die Ausschüttung von Glückshormonen wird der Schmerz unterdrückt, und wir werden angeregt, noch mehr zu rauchen. Um uns das Rauchen abzugewöhnen, müssen wir das Großhirn benutzen, den Verstand. Die Lösung liegt also nicht nur im Limbi, sondern im Zusammenspiel.

Im Frühling wollen viele Menschen wieder Ordnung in ihr Leben bringen, aber Limbi hindert sie daran. Ist der Mensch grundsätzlich faul?

Küstenmacher: Da bin ich mir nicht sicher. Auch der Limbi ist nicht faul. Er gibt sehr gern auch mal alles. Es gibt das viel zitierte Schlagwort der Entschleunigung. Dabei lieben wir Beschleunigung. Wir wollen zeigen, was wir können. Das sieht man auch bei Tieren. Die hängen danach aber rum und machen Pause. Das Schlimme ist nicht die Beschleunigung, sondern, dass wir die Pausen minimieren. In den letzten 30 Jahren haben die Deutschen im Schnitt eine Stunde Schlaf eingespart.

Es gibt ja auch so viel zu posten bei Facebook. Dann muss man Bücher lesen und die ganzen Netflix-Serien schauen. Schlaf ist der größte Konkurrent der modernen Unterhaltungsindustrie.

Küstenmacher: Die modernen Kommunikationsmittel sind sehr limbifreundlich. Sie machen uns Spaß. Eigentlich ist es toll, was wir für Möglichkeiten haben. Wir schimpfen etwa viel zu schnell über Smartphones. Wenn ich eine Mail schreibe, habe ich eine Antwortquote von unter 30 Prozent. Bei 70 Prozent der Leute muss ich nachhaken. Es ist Standard, dass wir völlig überfordert sind und einige Dinge nicht erledigen können. Der Perfektionismus ist längst abgeschafft. Trotzdem dreht sich die Erde weiter. Unsere Gesellschaft funktioniert ganz prima.

Wie funktioniert Aufräumen am besten - ob auf dem Schreibtisch oder im Leben?

Küstenmacher: Man fühlt sich besser, wenn die Umgebung in Ordnung ist. Außen- und Innenwelten sollten miteinander korrespondieren. Manche Leute brauchen Gebirge auf ihrem Schreibtisch, die kommen mit ihrem Chaos zurecht. Aber viele zieht das einfach runter. Sie hätten es gern ordentlicher, es hakt aber an der Methode. Ein wichtiger Rat lautet: Man sollte nicht in zu großem Stil aufräumen, sondern lieber Schritt für Schritt. Aufräumen muss keine Gewaltaktion sein. Es ist besser, nur die eine Schublade zu durchforsten, als sich komplett zu übernehmen. Die effizientesten Tage eines Arbeitnehmers sind übrigens die drei Tage vor dem Urlaub. Da erledigen die Leute noch schnell alles.

Also sollten wir häufiger kurze Urlaube machen.

Küstenmacher: Das wäre sehr gut. Mehrere kleine Urlaube sind besser als ein großer, wo man ganz aus allem rauskommt.

Wie sieht es eigentlich bei Ihnen zu Hause aus?

Küstenmacher: Gut und aufgeräumt. Aber ich habe einen Haufen Sachen. Ich bin kein Minimalist. Wir haben wahnsinnig viele Bücher. Meine Frau sammelt alles Mögliche - von Porzellan bis Kreisel. Aber es ist einigermaßen organisiert. Wir fühlen uns wohl damit.

Das heißt: Sie raten ihren Lesern alles wegzuschmeißen und machen selbst das Gegenteil?

Küstenmacher: Nein, ich sage meinen Lesern nicht, dass sie alles wegschmeißen sollen. Um Gottes Willen. Sie sollen sich nur von den Dingen trennen, die sie belasten. Da muss man sich mental Schwung holen. Viele Leute sind in einer diffusen Ökophase und glauben, sie könnten das nicht wegschmeißen, weil es so viel Geld gekostet hat und so viel Rohstoffe darin sind. Dabei rettet man die Welt nicht, indem man Dinge bei sich zuhause aufbewahrt.

Viele Menschen denken, Genies müssten chaotisch sein. Wer dagegen seinen Schreibtisch aufräumt, gilt als langweiliger Spießer. Kann man nur im Chaos kreativ sein?

Küstenmacher: Das Gegenteil ist richtig. Ich kenne viele kreative Leute, die sehr ordentlich sind. Und die meisten Genies sind sehr penibel. Manche machen sogar künstlich Chaos, wenn das Fernsehen zu ihnen kommt. Sie wollen dem Vorurteil entsprechen, dass Genies unaufgeräumt sind.

Vortrag am Donnerstag, 12. April (19.30 Uhr), EAM Kassel, Monteverdiestraße 2. Karten für 59 Euro (mit HNA-Abo-Bonus-Karte: 49 Euro) und weitere Infos gibt es hier.

Zur Person

  • Name: Werner Tiki Küstenmacher
  • Geboren: am 9. August 1953 in München
  • Ausbildung: Studium der evangelischen Theologie in München, Tübingen und Neuendettelsau. Vikariat in Freising
  • Beruf: Autor und Zeichner
  • Bücher: Küstenmacher hat mehr als 100 Bücher veröffentlicht. Sein erfolgreichstes ist "Simplify your life". "Limbi. Der Weg zum Glück führt durchs Gehirn" (384 Seiten, 14,99 Euro) ist im Campus-Verlag erschienen.
  • Privates: Der Vater zweier Söhne und einer Tochter lebt mit seiner Frau in Gröbenzell bei München.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.