Kasselerin Eva Grafunder wanderte mit 95 Jahren nach Kanada aus – dort starb sie am Sonntag im Alter von 110 Jahren

Von der Weserspitze nach Toronto

Artikel zum 110. Geburtstag: Iris Drescher aus Martinhagen zeigt den Artikel aus „The Brampton Guardian“, der vor wenigen Wochen über ihre Großtante, die sie immer Oma Eva nannte, geschrieben wurde. Vergangenen Sonntag starb die betagte Seniorin in Kanada. Foto:  Pflüger-Scherb

Kassel / SchauenbUrg. Es war 1998: Wäre Eva Grafunder damals im Alter von 95 Jahren nicht auf die Idee gekommen, auszuwandern, dann wäre sie wohl Kassels älteste Bürgerin geworden. Am 17. Juni feierte die Frau in Brampton, einer Stadt mit 475 000 Einwohnern nordwestlich von Toronto, ihren 110. Geburtstag. Im Kreise ihrer Familie: Ihre Tochter Hannelore (81) und ihr Schwiegersohn Karl-Heinz Steinmetz (82) waren bereits im April 1954 von Kassel nach Kanada ausgewandert.

Iris Drescher aus Schauenburg-Martinhagen (49) ist die Nichte von Karl-Heinz und Hannelore Steinmetz. Als sie kürzlich in der HNA über Kassels ältesten Bürger, den 106-jährigen Martin Eichel, las, kam ihr die Großtante in den Sinn. Sie fragte bei der HNA nach, ob die Geschichte der Seniorin für die Zeitung interessant sei. Kurz danach die traurige Nachricht: Eva Grafunder starb am Sonntag, 14. Juli, nach einer kurzen Virus-Erkrankung. „Sie ist friedlich eingeschlafen“, erzählt Iris Drescher. „Wir haben ihren 110. Geburtstag vor vier Wochen noch mit 20 Personen gefeiert. Sie hat Tee getrunken und Käsekuchen gegessen“, erzählt Karl-Heinz Steinmetz am Telefon. Kennt er das Rezept, wie sie 110 werden konnte? „Meine Frau hat immer gescherzt, dass ihre Mutter so alt geworden ist, weil sie nach dem Tod des Vaters nie wieder geheiratet hat.“

79 Jahre lang Witwe

Eva Grafunder war 79 Jahre lang Witwe. Ihr Mann starb 1934, da war Eva 31 Jahre alt und musste sich fortan um die Kinder Günther (6) und Hannelore (2) allein kümmern. Der nächste Schicksalsschlag kam mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: 1945 floh Eva mit der Tochter, ihrer Mutter und Schwester vor der russischen Armee aus ihrer Heimat in Ostpreußen. Sie erkrankte an Typhus, schließlich landete die Familie in einem Lager in Dänemark.

Durch Sohn Günther, der Mutter und Schwester durch das Rote Kreuz hatte suchen lassen, kam Eva Grafunder 1947 nach Kassel und fand hier eine neue Heimat. Von 1950 bis zu ihrer Auswanderung 1998 lebte sie in einem Haus an der Fuldatalstraße 33 a, an der Weserspitze.

Und sie besuchte ihre Familie in Kanada und blieb oft für ein halbes Jahr dort. Um ihre Tochter immer ganz in der Nähe zu haben, wanderte Eva vor 15 Jahren aus. „Meine Schwiegermutter musste sich Prüfungen wie jeder Einwanderer unterziehen“, ärztliche Atteste und polizeiliches Führungszeugnis vorlegen.

Englisch habe sie nicht gesprochen, sagt Steinmetz. In den vergangenen 15 Jahren habe sie auch nur wenige Worte wie „Yes“ oder „No“ gelernt. „Aber sie hat sich immer gut verständigt. Auch, nachdem sie im Jahr 2009 nach einem Sturz in ein Pflegeheim umziehen musste. Nach einem Hüftbruch war Eva auf einen Rollstuhl angewiesen. „Eva ist noch immer die Schnellste in ihrem Rollstuhl und fährt allein durch die Gänge des Heims“, schrieb ein Reporter kürzlich anlässlich ihres 110. Geburtstages in der Zeitung „The Brampton Guardian“. Ihre Tante habe immer gesagt, dass ihre Mutter alle überleben werde, sagt Iris Drescher. Selten habe die hochbetagte Dame in den vergangenen Jahren „verwirrte Momente“ gehabt. Dann bat sie ihre Tochter, mit ihr zur Weserspitze zu gehen.

In über 6300 Kilometer Entfernung wird Eva Grafunder, die vielleicht älteste Einwanderin Kanadas, morgen beigesetzt.  Hintergrund

Von Ulrike Pflüger-Scherb

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.