Stundenlanges Warten

Ausländerbehörde von Stadt und Kreis Kassel steht vor dem Kollaps

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Brauchen viel Geduld: Adnan, Ahmad und Pavel (von links) stehen mit Dutzenden anderen Ausländern stundenlang in einer Schlange vor dem Informationsschalter in der Ausländerbehörde.

Kassel. Zur offenen Sprechstunde der Ausländerbehörde in Kassel herrscht zweimal wöchentlich Ausnahmezustand - und das schon seit über einem Jahr.

Donnerstag, 8.30 Uhr: Gut hundert Frauen, Männer und Kinder drängen sich in dem schmalen Flur des schmucklosen Gebäudes an der Kurt-Schumacher-Straße. Zur offenen Sprechstunde der Ausländerbehörde herrscht zweimal wöchentlich Ausnahmezustand.

Und das schon seit über einem Jahr. Bis zu vier Stunden warten die Ausländer darauf, dass sie mit ihren Anliegen in eines der Büros gerufen werden. Wenn sie es überhaupt bis dahin schaffen.

Es ist ein Wunder: Trotz der Massen, die sich in dem Behördenschlauch bis zum Treppenhaus stauen, herrscht Disziplin und Ruhe. Die Menschen aus Syrien, Iran, Irak, Jordanien, Afghanistan und vielen weiteren Ländern sind geduldig. Gerade die Flüchtlinge sind Schlimmeres gewohnt als enge, stickige Räume, in denen Stühle Mangelware sind. Niemand drängelt sich vor.

Warten seit 6.30 Uhr

Einige von ihnen, so erzählen sie, standen bereits um 6.30 Uhr vor dem Behördenbau und warteten darauf, dass die Türen um 8 Uhr geöffnet wurden. „Jeder will der Erste in der Reihe sein“, erzählt Pavel aus dem Irak. Er selbst ist seit 6.30 Uhr auf den Beinen.

Wer die erste Schlange bis zum Infoschalter bewältigt hat, ist noch längst nicht am Ziel. „Erst stehst du zwei Stunden in der Schlange an, bis du eine Nummer bekommst, und dann wartest du noch mal so lange, bis du aufgerufen wirst“, sagt Adnan aus Syrien. Der schmächtige junge Mann lebt seit zwei Jahren in Deutschland und braucht eine Verlängerung für seine Aufenthaltserlaubnis. Diese läuft Ende Februar ab und ohne Verlängerung darf er weder weiter arbeiten noch studieren. Eigentlich sollte er deshalb einen Termin bei der Behörde bekommen, aber eine Einladung erreichte ihn nie.

Adnan ist längst nicht der Einzige mit dem Problem. Der Aufenthaltsstatus von Pavel aus dem Irak ist bereits vor zwei Wochen abgelaufen. Schon bei der letzten offenen Sprechstunde hat er sich deshalb in die Schlange gestellt. Nach über zwei Stunden Warten gab er auf. Denn um 12.30 Uhr endet die Sprechstunde. „Die haben mir gesagt, dann müsse ich einfach früher aufstehen und nicht so lange im Bett liegen“, erzählt er. Nun versucht er es erneut.

Mitarbeiter überlastet

Die Stadt räumt die Probleme bei der Ausländerbehörde ein, die offiziell Abteilung für Zuwanderung und Integration heißt. Die 42 Kollegen in seiner Abteilung – vor der Flüchtlingskrise waren es 31 – seien schlicht überlastet, sagt deren Leiter Norbert Strauch. Noch dazu seien einige noch gar nicht richtig eingearbeitet.

Dafür bleibt auch keine Zeit. Denn seit der jüngsten Flüchtlingskrise ist die Zahl der Ausländer, die von der gemeinsamen Behörde von Stadt und Kreis Kassel betreut werden, von 35 000 auf 53 000 gestiegen. Weil die Situation in allen Städten ähnlich ist, gibt es einen Kampf um Personal.

Bis Ende des Jahres werden in Kassel 60 Vollzeitstellen in der Behörde benötigt. 19 Stellen wurden daher kürzlich ausgeschrieben. Aber selbst wenn die neuen Kollegen ihren Dienst antreten, müssen sie erst ein Jahr lang in die komplizierte Rechtsmaterie eingearbeitet werden. Weil die Belastung hoch sei, gebe es zudem viele Bewerbungen in andere Abteilungen des Rathauses, erzählt Strauch. Der Krankenstand liege zeitweise bei acht bis 14 Prozent.

Um den Ansturm zu den offenen Sprechenstunden montags und donnerstags zu vermeiden, wird die Stadt dieses Angebot zum 1. März komplett streichen. Stattdessen sollen Ausländer künftig nur noch nach Terminvereinbarung beraten werden. Bis zu fünf Wochen Wartezeit auf einen Termin seien aber nötig. Wenn es der Aufenthaltstitel hergebe, müssten sich Ausländer sogar auf vier bis fünf Monate Wartezeit einstellen.

Mehr Räume und Personal

Um die Raumnot in der Behörde etwas zu entspannen, wurde ein weiteres Stockwerk in dem Behördengebäude an der Kurt-Schumacher-Straße 29 bezogen. Mehr freie Kapazitäten gibt es dort aber nicht. Erst wenn in einigen Jahren die Umbauten im Rathaus abgeschlossen sind, soll die Behörde an das dortige Bürgerbüro angegliedert werden. Davon verspricht sich Uwe Fricke, Leiter des Bürgeramtes, eine deutliche Verbesserung. 

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