Der Verzweiflung nah

Großbrand in Buchbinderei: Seit zwei Jahren Kampf um Gutachten

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Fühlen sich von der Versicherung schikaniert: Fatih Aydin und Semiha Aydin warten auf die Schadenregulierung, nachdem ein von ihnen nicht verschuldeter Brand ihren Betrieb zerstört hat. Inzwischen sind sie mit der Buchbinderei in Oberzwehren ansässig.

Kassel. Vor zwei Jahren hat ein Großbrand einen Firmenkomplex auf dem Gelände an der Wilhelm-Speck-Straße in Schutt und Asche gelegt. Die Schadensregulierung zieht sich seitdem hin.

Dabei wurde auch die Buchbinderei von Fatih Aydin zerstört. Von den Folgen hat sich der Unternehmer bis heute nicht erholt – weil die Schadenregulierung mit der Sparkassen-Versicherung (SV) sich seitdem hinzieht. Aydin wartet seit dem Brand Ende Oktober 2012 auf ein Gutachten, das die Höhe des Schadens an Maschinen und Inventar des Betriebs schätzen soll. Davon hängt ab, wie viel Geld ihm noch zusteht.

Der Verzweiflung nah

Der 58-jährige Familienvater ist inzwischen der Verzweiflung nah. „Ich habe den Eindruck, die Versicherung spielt auf Zeit, um mich kleinzukriegen“, sagt der Deutschtürke. Er ist auf das Geld dringend angewiesen, um neue Maschinen anzuschaffen, sagt Aydin. Einige der alten, beim Brand völlig verrußten Maschinen hat er in mühevoller Arbeit selbst gereinigt. Doch auch die TÜV-Prüfung für eine erneute Inbetriebnahme kann er sich nicht leisten.

Die wenigen Aufträge, die seine Buchbinderei derzeit bekommt, erledigt er gemeinsam mit seiner Frau Semiha von Hand. Der Betrieb befindet sich inzwischen auf einem Industriegelände an der Korbacher Straße (Oberzwehren).

Bisher hat die Versicherung laut Aydin rund 135.000 Euro bezahlt, wovon zum größten Teil ein noch laufender Kredit beglichen worden sei, den er seinerzeit zur Unternehmensgründung aufgenommen hatte. Doch der Gesamtschaden geht über diese Summe wohl weit hinaus. Allein der Schaden am Inventar dürfte bei über 330.000 Euro liegen. Das hat ein inzwischen von Aydin selbst beauftragter Gutachter ermittelt – der dafür nicht einmal zwei Monate brauchte. Das offizielle Gutachten der Sparkassen-Versicherung lässt hingegen nach zwei Jahren weiter auf sich warten.

„Dass ein Gutachten so lange überhaupt nicht vorgelegt wird, habe ich in meiner beruflichen Laufbahn noch nicht erlebt“, sagt Aydins Anwalt Dr. Ingmar Opper. Ohne Gutachten könne er aber keine weiteren rechtlichen Schritte einleiten. „Um Klage führen zu können, muss von der Versicherung erst die Schadenhöhe beziffert sein.“

Die Versicherung werfe seinem Mandanten vor, dass er zu gering versichert war. Deshalb wolle die SV ihm den Schaden auch nur anteilig erstatten. Während der Gesamtschaden wohl bei über 500.000 Euro liege, so der Anwalt, war Aydin nur über 210.000 Euro versichert. Dieser Wert sei seinem Mandanten jedoch seinerzeit von der Versicherung empfohlen worden, sagt Opper. Er sieht daher die Versicherung in der Pflicht. „Ich will einfach nur das Recht, was mir zusteht, nutzen können“, sagt Fatih Aydin. Doch offenbar wollte die Sparkassen-Versicherung das verhindern. „Das ist eine ganz billige Taktik, was die da machen.“

Brandgelände liegt noch Brach

Zu verkaufen“, prangt auf einem Schild am Zaun um das Grundstück an der Wilhelm-Speck-Straße im Wesertor. Dort stand bis zum Oktober 2012 ein großer Gebäudekomplex, in dem sich zwei Buchbindereien und eine Tischlerei befanden.

Nach dem Großbrand, der durch einen technischen Defekt ausgelöst worden war, mussten die Überreste der Firmenhallen abgerissen werden. Seitdem versucht der Eigentümer, das 3200 Quadratmeter große Grundstück über einen Makler zu verkaufen. „Es wäre schon 20-mal verkauft, wenn nicht eine rein gewerbliche Bebauung durch die Stadt Kassel vorgeschrieben wäre“, sagt Mirco Schmidt von der Firma Wohntraum-Immobilien. Es gebe mehrere Interessenten, die dort gerne ein Studentenwohnheim errichten würden, sagt Schmidt. „Die Lage nur fünf Minuten von der Uni entfernt ist prädestiniert dafür.“

Der Makler kann nicht nachvollziehen, warum die Stadt eine Wohnbebauung nicht zulässt – zumal direkt neben dem Grundstück ein großes Mehrfamilienhaus steht. Weil es für eine Gewerbenutzung keine Nachfrage gebe, liege die Fläche nun seit eineinhalb Jahren brach, sagt Schmidt. „So ein totes Grundstück ist doch auch nicht gut für den Stadtteil“, sagt er.

Auf Nachfrage bei der Stadt bestätigt Rathaussprecher Ingo Happel-Emrich, dass die Fläche als Gewerbegebiet ausgewiesen ist. Wohnen – also auch ein Studentenwohnheim – sei dort daher baurechtlich nicht zulässig. Das auf dem angrenzenden Eckgrundstück zur Fuldatalstraße stehende Wohn- und Geschäftshaus habe Bestandsschutz.

Die geltende Regelung will die Stadt auch nicht ändern: „Eine weitere Verdichtung von Wohnbebauung in diesem Bereich ist zum einen planungsrechtlich nicht zulässig und wäre zum anderen städtebaulich problematisch, unter anderem wegen Lärmimmissionen“, sagt Happel-Emrich. Innerstädtische Gewerbegebiete seien ein hohes Gut. Zudem gebe es derzeit „ausreichend entwicklungsfähigen Wohnbaugrund“ in Kassel

Von Katja Rudolph

Das Video von dem Brand

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