City-Kaufleute wollen etwas für ihr Viertel tun

Image-Offensive: Der Stern in Kassel soll raus aus der Schmuddelecke

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Wandprojektionen: Für eine Image-Kampagne gibt es erste Ideen.

Lecker essen, frisch einkaufen, spät ausgehen – in anderen Städten ziehen Multikulti-Viertel ein breites Publikum an. Der Stern in Kassel aber wird von vielen gemieden.

Das wollen die City-Kaufleute mit einer Image-Offensive ändern. Ob Berlin-Neukölln oder Hamburg-St. Georg: Mit rauem Charme, gastronomischer Exotik und Rund-um die-Uhr-Betriebsamkeit sind solche Multikulti-Quartiere in anderen Städten als Ausgehviertel beliebt. Nicht so die Gegend um den Stern in Kassel, die bei vielen als Drogen- und Kriminalitätsbrennpunkt verrufen ist.

Wer nicht irgendwie mit der Gemeinschaft der Anlieger verbunden ist, eilt meist zügig durch diesen Abschnitt der Unteren Königsstraße. Und wer in Kassels sogenannten besseren Stadtteilen lebt, traut sich oft gar nicht erst hierher. Nun haben die City-Kaufleute (CKL) einen Vorstoß gemacht, wie man das Quartier aus der Schmuddelecke herausholen und für breitere Einwohnerschichten interessant machen könnte.

Verkehrsknoten: Tausende Passanten und Pendler frequentieren täglich den Stern,darunter viele Schüler und Studenten.

Sympathie und Rückhalt für das Anliegen gab es bei einem Diskussionsabend in der Reuterschule. Gekommen waren Vertreter von Stadtverwaltung und Ortsbeirat, von Uni, Polizei, türkischer Unternehmerschaft, Ausländerbeirat und weiteren Institutionen.

Ihnen stellte CKL-Vorsitzender Alexander Wild Ideen einer studentischen Arbeitsgruppe für eine Image-Kampagne vor, die beispielhaft zeigt, wie sich mit Plakatbotschaften und Hauswand-Projektionen ein neues Stern-Bild in die Köpfe bringen ließe. Die Motive: Sympathische Händler und Gastronomen, freche Sprüche in szenigem Design, Kurzportäts von Läden und Lokalen, Schlüsselbegriffe wie Vielfalt und Kiez.

Der Stern hätte das Zeug, sich „zum studentischen Ausgehviertel“ zu entwickeln, äußerte sich Wild überzeugt. Dafür aber müsse den pessimistischen, reflexartig einschnappenden Urteilen über das Quartier systematisch etwas entgegengesetzt werden.

Alexander Wild, Vorsitzender der City-Kaufleute.

Es sei ja grundsätzlich positiv, so Wild, dass am Stern in letzter Zeit mit vermehrten Polizeieinsätzen Recht durchgesetzt und für Sicherheit gesorgt werde. Sobald dies geschehe, heiße es aber allgemein: Mal wieder eine Razzia am Stern – war ja klar.

Auch Stadtbaurat Christof Nolda, Aufsichtsratschef von Kassel Marketing, sprach sich dafür aus, vom Stern „ein anderes Bild zu erzeugen“. Er verwies auf die vielen Studenten und Schüler, die täglich das Viertel passieren. Und er erinnerte daran, wie das Quartier um die frühere Hauptpost im documenta-Sommer 2017 zur Anlaufstelle von Kunsttouristen aus der ganzen Welt geworden sei. Um auf Dauer mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen, zeigte sich Nolda offen dafür, auf Parkplatz- und Gehwegflächen mehr Außengastronomie zuzulassen, wie dies teilweise an der Jägerstraße schon geschehen sei. 

„Die Innenstadt hört nicht am Stern auf“, sagte Nolda. Das veranlasste andere Diskussionsteilnehmer zu der Frage, warum der weiterführende Abschnitt der Unteren Königsstraße nicht ebenfalls zur Fußgängerzone oder wenigstens einspurig umgebaut werden könne. Auch von den positiven Erfahrungen, die beim Umbau der verschmälerten Friedrich-Ebert-Straße gemacht wurden, war die Rede.

Stern hat wichtige Verbindungsfunktion

Für die Arbeit an einer Imagekampagne sagte Nolda Unterstützung seitens der Stadt zu. Er sei „sehr angetan“ von der Initiative und freue sich, dass sich die Gemeinschaft der City-Kaufleute auch für diesen Bereich der Innenstadt einsetzen wolle. 

Der Stern mit seiner wichtigen Verbindungsfunktion im Zentrum und hohem Fußgängeraufkommen sei zu wichtig, um die Gegend aus der Sicht weiter Teile der Einwohnerschaft abzuschreiben, sagte City-Kaufleute-Vorsitzender Wild. Mit Profi-Hilfe und finanziellen Mitteln für eine Image-Offensive, mit etwas langem Atem und nicht zuletzt gemeinsam mit den geschäftlichen Anliegern könne man die Wahrnehmung des Quartiers positiv beeinflussen, äußerte er sich überzeugt und warb um Unterstützung: „Wir müssen das mit unserem bürgerschaftlichen Engagement flankieren.“

Türkischer Unternehmerverein wirbt für die Idee

Beim Verein Türkische Unternehmer Kassel (TUK) stoßen die Pläne, etwas fürs Image der Gegend um den Stern zu tun, auf Zustimmung und Interesse. Etwa 80 Prozent der Geschäftsleute und Gastronomen dort sind laut Büroleiter Gürkan Sönmez Mitglied in dem Verein, der nordhessenweit rund 150 Mitglieder hat.

Sönmez geht davon aus, dass sich die meist türkischstämmigen Geschäfts-Anlieger gern in gemeinsame Aktionen einbringen werden. Dafür wolle der Verein TUK werben und persönliche Überzeugungsarbeit leisten. „Sobald es Probleme gibt, reagieren die Leute verschreckt. Aber wenn es um etwas Gutes geht, sind die auch dabei“, sagt Sönmez. Es sei schließlich auch wirtschaftlich attraktiv, wenn man einen größeren Kundenkreis für die Läden und Lokale am Stern interessieren könnte.

Die meisten Anlieger sind Mitglied: Büroleiter Gürkan Sönmez und Vorsitzende Hacer Selek vom Verein TUK.

Ideen hat der TUK-Büroleiter auch schon: „Man könnte am Stern eine Kulturwoche machen“ – mit Ständen, Attraktionen und Verkehrssperrungen, wie das auch bei anderen städtischen Festen üblich sei. Sönmez glaubt, dass dann auch mancher Festgastronom einen Teil seiner Einnahmen für Projekte wie die geplante Image-Kampagne spenden würde.

Über deren genaue Details müsse man freilich noch reden. Persönlich kann sich Sönmez etwa nicht mit dem Werbe-Etikett „Kiez“ anfreunden, das in den Kampagnenvorschlägen der Marketingstudenten immer wieder aufscheint. Er sagt, das habe für traditioneller denkende Familien mit türkischen Wurzeln einen negativen Beiklang und wäre daher kontraproduktiv.

Aber das sind wie gesagt Details. Die Vorstandsvorsitzende des Vereins TUK, Hacer Selek, findet es gut, dass sich durch die Image-Initiative für den Stern mehr Zusammenarbeit mit der Stadt Kassel abzeichnet. Diese sei schon mal intensiver gewesen als in jüngerer Zeit, deutete sie an: „Unser Wunsch ist es, mehr gemeinsam zu machen.“

Handel und Wandel: Frisches Obst und Gemüse wie hier beim Stern-Markt von Yusuf Tosun, viele Restaurants und gute türkische Bäckereien prägen das Quartier.

Eíne Aufwertung samt Imagepflege für das Viertel zwischen Mauer- und Gießbergstraße, Holländischem Platz und Kurt-Schumacher-Straße sei dafür nicht nur ein ideales Projekt, es sei auch ohnehin dringend geboten, meint Hacer Selek. Die Vorsitzende des türkischen Unternehmervereins spricht Klartext: „Das ist keine gute Gegend dort. Es gibt keinen Grund, warum man das Bürgern mit ausländischen Wurzeln so zumuten kann.“

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