Ansturm beim Ausverkauf

Laborladen der Familie Rauch in Kassel: Traditionsgeschäft schloss nach 130 Jahren

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Es wurde kuschelig: Gudrun Dröfke, Peter Dröfke und Sven Rauch (von links) hatten alle Hände voll zu tun, um den Kundenansturm zu bewältigen.

Kassel. Die Türen waren kaum geöffnet, da drängten sich Dutzende Menschen am Samstagmorgen in den Laborladen für Glasinstrumente an der Weserspitze.

Einige Hundert sollten es im Laufe des Vormittags werden. Solche Szenen gibt es sonst nur zu sehen, wenn Apple ein neues iPhone auf den Markt bringt oder ein Discounter mit Schnäppchen lockt. Die Massen kamen aber nicht etwa, um ein Smartphone oder eine günstige Küchenmaschine zu ergattern, sondern sie hatten es auf Laborbedarf abgesehen.

Es ging so heiß her, dass innerhalb von Minuten das Kondenswasser an den Schaufenstern hinunter lief. Von der Resonanz auf den Ausverkauf im Laborladen der Familie Rauch waren auch die Familienmitglieder überrascht. „Nur übernachtet hat niemand vor dem Geschäft“, sagt Peter Dröfke, der Schwiegersohn des im Juli verstorbenen Firmeninhabers Jürgen Rauch.

Neben Peter Dröfke standen die Tochter von Jürgen Rauch, Gudrun Dröfke und dessen Sohn Sven Rauch hinter dem Tresen. Sie hatten alle Hände voll zu tun, die Reagenzgläser, Petrischalen, Erlenmeyerkolben und Liebigkühler zu verkaufen. Es wurde gefeilscht und gehandelt, aber meist war man sich schnell einig. Wegen der Enge ging das ein oder andere Glasgefäß zu Bruch. Bei über tausend Artikeln, die raus mussten, kein großer Verlust.

Chemielehrer in seinem Element: Dirk Heyne mit zwei Motivtellern, die das Glasbläserhandwerk zeigen.

Zu den Käufern gehörten übliche Verdächtige wie der Chemielehrer Dirk Heyne. Für seinen Unterricht schleppte er in einer großen Kiste etliche Laborutensilien für 60 Euro aus dem Geschäft. Auch zwei alte Motivteller, die das Glasbläserhandwerk zeigen, bekam er für fünf Euro.

Aber nicht nur Chemiker und Laboranten tummelten sich beim Ausverkauf. Auch jede Menge Deko-Fans fanden an den Glasgefäßen Gefallen. Dazu zählte etwa Ali Neisy, der sich mit einem Dutzend Reagenzgläsern eindeckte.

Deko-Freund: Ali Neisy kaufte mehrere Reagenzgläser.

Der Kasseler Künstler Stephan Balkenhol wurde ebenfalls fündig. Er kaufte einen ganzen Eimer voll Glasgefäße ein, um darin unter anderem Farben anzurühren.

Aber nicht nur die Produkte des Laborgeschäfts wurden dem Trio aus den Händen gerissen, sondern auch die Einrichtung. Die alten Glasvitrinen und der Verkaufstresen fanden sofort Liebhaber. Kein Wunder, genoss der Laden Kultstatus, weil sich die Einrichtung seit den 50er-Jahren kaum verändert hatte.

Die Glasinstrumentenfabrik Rauch war 1888 gegründet worden. Bei ihr waren zeitweise bis zu 15 Mitarbeiter beschäftigt, die die Apparaturen und Instrumente selbst herstellten. Aber auch Fabrikware wurde angeboten. Nach dem Tod von Jürgen Rauch fand sich kein Nachfolger für die Firma.

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