Abendmahlsgeschirr ist über 500 Jahre alt

Gestohlen, zerstört, gerettet: Alter Kelch kehrt zurück in Neue Brüderkirche

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Ab Ostern wieder in Benutzung: Goldschmied Markus Engert überreichte jetzt den restaurierten Kelch aus dem 15. Jahrhundert an die Kirchenvorstandsvorsitzende Angelika Kleim und Pfarrer Stefan Nadolny von der Neuen Brüderkirche. 

Kassel. Vor zwei Jahren wurde das wertvolle Abendmahlsgeschirr der Neuen Brüderkirche gestohlen und beinahe zerstört. Jetzt ist das erste Stück restauriert zurückgekehrt.

Als Markus Engert das runde Köfferchen öffnet, ist es mucksmäuschenstill in der Neuen Brüderkirche. Vorsichtig wickelt der Gold- und Silberschmied aus Würzburg den Abendmahlskelch aus der Schutzverpackung. „Wie schön er glänzt!“, entfährt es Kirchenvorsteherin Angelika Kleim. Ihr Kollege Christian Klobuczynski sagt: „Ist ja irre.“ Und Pfarrer Stefan Nadolny lächelt nur still.

Zuletzt hatten sie den über 500 Jahre alten Kelch in Trümmern gesehen. Vor zwei Jahren war das historische Abendmahlsgeschirr aus dem Pfarrhaus an der Weserstraße gestohlen worden. Zwei Monate später tauchten vier der fünf entwendeten Teile, darunter auch der vorreformatorische Kelch, bei der zufälligen Kontrolle eines Drogenabhängigen wieder auf – allerdings verbeult, verbogen und zerschnitten.

Der suchtkranke Mann wurde zu zwei Jahren Haft wegen Hehlerei verurteilt, die inzwischen verbüßt ist. Die Folgen der Tat sind unterdessen noch nicht behoben. Der Großteil des Geschirrs ist weiterhin kaputt. Nach wie vor fehlt eine prächtig verzierte Abendmahlskanne. Mit dem Kelch ist nun aber immerhin das wertvollste Stück wiederhergestellt worden.

Wiedereinweihung an Ostern

Mehr als 100 Stunden hat Markus Engert, Experte für die Restaurierung von Sakralgegenständen, an dem vergoldeten Silberkelch gearbeitet. Er vermutet, dass das Gefäß um 1450 hergestellt wurde. Es handele sich um ein besonders hochwertiges Stück aus dieser Zeit, sagt der 46-Jährige. Vermutlich sei es von einem Goldschmiedemeister in Kassel gefertigt worden. Bei einer Auktion könnte man dafür heute wohl eine mittlere fünfstellige Summe erzielen, schätzt der Fachmann.

Beinahe wäre das kostbare Stück unwiederbringlich zerstört worden. Der oder die Täter hatten Fuß und Trinkschale zertrümmert und versucht, die Teile einzuschmelzen. „Mit einem Bunsenbrenner kommt man da aber nicht weit“, sagt Engert. Er fügte die beiden Teile wieder zusammen, brachte die zerbeulte Cuppa in Form, erneuerte die Vergoldung und kittete die Risse am filigran verzierten Nodus in der Mitte.

Soll als nächstes wiederhergestellt werden: Der von den Tätern stark beschädigte Brotteller.  

Im Gottesdienst am Ostermontag soll der Abendmahlskelch nun erstmalig wieder benutzt werden. „Man kann zwar nicht direkt von einer Auferstehung sprechen“, sagt Pfarrer Nadolny. „Aber dass etwas, das zerstört war, nun wieder für die Gemeinde da ist, freut uns sehr.“ Jenseits des kunsthistorischen Werts stehe für sie die ideelle Bedeutung des Kelchs im Vordergrund, fügt Kirchenvorsteherin Angelika Kleim hinzu: Seit Jahrhunderten feiere die Gemeinde damit Abendmahl. „Das gibt schon eine ganz besondere Verbundenheit.“

Als Nächstes würde die Gemeinde gern den Brotteller wiederherstellen lassen, der aus dem 16. Jahrhundert stammt. Weil die von der Versicherung für das Abendmahlsgeschirr erstattete Summe aber bei Weitem nicht reicht, ist die Kirche auf Spenden angewiesen. Das Budget der Gemeinde für die wichtige soziale Arbeit im Stadtteil soll nicht angetastet werden, versichert Pfarrer Nadolny.

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