Neues Buch berichtet von Parallelwelten im Klassenzimmer

"Von Kartoffeln und Kanaken": Kasseler Lehrerin fordert Kopftuchverbot an Schulen

Sorgt mit ihrem Buch für Gesprächsstoff: Julia Wöllenstein, Lehrerin der Carl-Schomburg-Schule.

Eine Kasseler Lehrerin sorgt für Schlagzeilen: In ihrem gerade erschienenen Buch „Von Kartoffeln und Kanaken“ schildert sie die Situation an ihrer Schule – und formuliert Forderungen an die Politik.

Die 43-jährige Julia Wöllenstein unterrichtet an der Carl-Schomburg-Schule – einer Gesamtschule im Stadtteil Wesertor, die Kinder aus 56 verschiedenen Nationen besuchen. Da treffen Kulturen aufeinander – mit unterschiedlichen Ansichten, auch was die Erziehung angeht. So beschreibt Wöllenstein in ihrem Buch, wie ein Schüler von einer Kollegin eingefordert habe, ihn zu schlagen, wenn er etwas falsch mache, weil er das von zu Hause so kenne.

Zu Wöllensteins Forderungen gehören ein Kopftuchverbot für Kinder in Schulen, ein Religionsunterricht für alle zusammen, mehr Sozialarbeiter, die an den Schulen mit den Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund sprechen, und mehr pädagogische Freiheiten für Lehrer. Sie wünscht sich außerdem eine Schullandschaft, die ausschließlich aus Integrierten Gesamtschulen besteht.

Mit ihren Ansichten und Forderungen ist Wöllenstein in den Medien derzeit sehr präsent. Die Schule unterstütze sie, erklärt Carlina Freytag, Mitglied der Schulleitung. Annette Knieling, Leiterin des Staatlichen Schulamtes in Kassel, sagte, Wöllenstein habe für das Schreiben des Buches eine Nebentätigkeitsgenehmigung erhalten. Es sei ihr Recht, sich privat auch zu bildungspolitischen Themen zu äußern, auch wenn ihre Meinung womöglich nicht deckungsgleich sei mit der des Ministeriums.

Parallelwelten im Klassenzimmer

Im Interview spricht Julia Wöllenstein über ihr Buch und das, was sich ihrer Meinung nach ändern müsste.

Frau Wöllenstein, was hat Sie dazu bewogen, ein Buch zu schreiben?

Es war jetzt nicht so, dass ich rumgegangen bin und gefragt habe: Hallo, möchte jemand, dass ich ein Buch schreibe? Es war vielmehr so, dass ein Verlag auf mich zugekommen ist, nachdem das ZDF über einen Kollegen und mich innerhalb der Reportagereihe „37 Grad“ berichtet hat. Ich habe dann lange mit mir gerungen, weil ich Angst hatte, in die rechte oder linke Ecke gestellt zu werden. Nach vielen Gesprächen habe ich den Mut aufgebracht, klare Worte zu finden.

Was hat Sie angetrieben?

Ich glaube einfach, dass wir als Gesellschaft verlieren werden, wenn die Mitte weiter schweigt. Und ich kann es verstehen, dass die Mitte so leise ist. Die graue Welt zu erklären, ist eben sehr schwer. Ich tue es nun aus meinem Mikrokosmos und meiner Erfahrung heraus. Ich unterrichte an einer Schule mit einem sehr innovativen und mutigen Lehrerkollegium. Wir versuchen, mit unseren Schülern einen ehrlichen Weg zu gehen.

An Ihrer Schule sind Kinder aus 56 Nationen. Was ist da das Hauptproblem?

Das Hauptproblem ist, dass wir vermehrt mit Schülern aus patriarchal-strukturierten Familien arbeiten, die oftmals muslimisch geprägt sind – und hier fängt es schon an: Es geht dabei eben nicht um muslimische Familien im Allgemeinen, sondern um patriarchal-strukturierte muslimische Familien. Bei diesen Familien herrschen eben Strukturen vor, die nur schwer bis gar nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar sind. Das wird von den Kindern aus diesen Familien nicht verstanden. Und wir tun uns schwer damit, die Bereiche, die nicht übereinstimmen mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau, gewaltfreier Erziehung oder der Religionsfreiheit, wie wir sie inzwischen leben, klar anzusprechen. Das geschieht aus Angst davor, als intolerant bezeichnet zu werden.

Was genau wird nicht verstanden?

Die Kinder kommen nach Deutschland und bekommen zum Beispiel mit, dass Religionsfreiheit herrscht. Religionsfreiheit setzen diese Kinder dann aber gleich mit einem missionarischen Auftrag, weil sie nicht verstehen, dass diese Freiheit da aufhört, wo sie anfängt, andere einzuschränken. Das heißt: Sie schauen auch bei den Muslimen, die gut integriert sind, ob sie in ihrem Sinne alles ordentlich machen. Das führt dazu, dass sie diese Kinder unter Druck setzen – in einem Alter, in dem diese Kinder stark beeinflussbar sind.

Zu welchen Situationen kommt es denn konkret?

Es kommt zum Beispiel zu der Situation, dass ein muslimischer Schüler, der nicht fasten will, von den anderen gemobbt wird – nach dem Motto: Du bist kein guter Moslem, wenn du während des Ramadan nicht fastest. Oder wir haben plötzlich die Situation, dass ein deutscher Schüler kein Schweinefleisch mehr isst, weil er Druck bekommen hat von muslimischen Kindern, die Religionsfreiheit falsch verstehen.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?

Eine Hilfe wäre, wenn sich die Politik klar positionieren würde, indem sie sagt: Wir schaffen den konfessionellen Religionsunterricht ab und säkularisieren ganz deutlich. Es müsste einen gemeinsamen Religionsunterricht geben, wo alle zusammenkommen. Das würde viel mehr bringen, als die Kinder beim Religionsunterricht zu trennen. Denn so werden Parallelwelten durch falsch verstandene Toleranz zugelassen.

Wo sehen Sie die falsch verstandene Toleranz noch?

Beim Kinderkopftuch. Das hat in der Schule nichts zu suchen, weil es eben kein rein religiöses Symbol ist, sondern Mädchen die alleinige Verantwortung für Sexualität zuschreibt. Es ist also zusätzlich ein Symbol dafür, dass Männer und Frauen nicht gleichberechtigt sind und das darf in Deutschland nicht sein. Das müssten wir deutlich machen. Für Eltern, die ihr Kind an einer deutschen Schule anmelden, wäre es schon ein erster Schritt zu merken, dass sie in einem Land wohnen, in dem wir Mädchen nicht verhüllen.

Können Sie als Lehrerin darauf überhaupt einwirken?

Das kann ich nicht, weil die Religion in der Schule immer noch eine Rolle spielt und wir keine deutliche Trennung von Staat und Religion haben. Es gibt von staatlicher Seite keine klare Ansage, obwohl wir sagen, dass der Staat strukturelle Nachteile für Mädchen zu unterbinden hat. Und wenn ein Mädchen in der Schule ein Kopftuch tragen muss, haben wir es mit einer strukturellen Benachteiligung zu tun. Also müssten wir eigentlich eingreifen, zumal die Eltern dann eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, sich in ein Land zu integrieren, wenn ihr Kind das Kopftuch an der Schultür abgeben muss.

Was muss Ihrer Meinung nach passieren, um die Situation zu verbessern?

Wir brauchen mehr Sozialarbeiter und Menschen mit multifunktionalen Kompetenzen. Sie müssen in die Schulen kommen, mit den Eltern sprechen, sie aufklären. Wir Lehrer kommen einfach an unsere Grenzen, wenn wir mit Eltern sprechen, die aus anderen Kulturkreisen kommen, weil wir häufig nicht als ebenbürtige Ansprechpartner wahrgenommen werden. Wir brauchen also gut integrierte Menschen mit Migrationshintergrund, die uns unterstützen, weil die als Experten und Vorbilder wahrgenommen werden.

Sie haben im Buch auch angesprochen, dass Sie sich mehr pädagogische Freiheiten wünschen. Wo wird denn die begrenzt?

Nehmen wir mal die Schüler, die Potenzial haben, aber am Hauptschulabschluss scheitern, weil sie sprachlich nicht so weit sind, um Texte zu interpretieren. Hier wäre es schön, wenn ich entscheiden könnte, dass dieser Schüler einen entsprechenden Sprachtest macht, der wiederum beweisen könnte, dass dieser Schüler sich in der Alltagssprache auskennt und er damit problemlos eine Ausbildung machen kann. Nichts anderes muss er können, wenn er irgendwann mal zum Beispiel Maurer werden will. Und genau diese Menschen brauchen wir doch auf dem Arbeitsmarkt. Aber so scheitert er, weil er einen Text nicht interpretieren kann.

Wo sehen Sie diese Grenzen noch?

Wenn man zum Beispiel eine versetzungrelevante Note geben will, muss man sechs Wochen vor der Zeugnisvergabe einen Förderplan schreiben, den man mit den Eltern besprechen muss. Das sorgt für einen immensen bürokratischen Mehraufwand, der im Fall meiner Schüler oft in keinem Verhältnis steht, weil die Eltern ihren Anteil an der schulischen Karriere ihres Kindes nicht begreifen. Es waren vermutlich nicht die Eltern mit Migrationshintergrund, die diese Förderpläne eingefordert haben. Das waren die Eltern der Mehrheitsgesellschaft, die sich dadurch erhofft haben, die schulischen Karrieren ihrer Kinder engmaschiger zu betreuen. Da verlieren wir uns dann in Formalitäten, obwohl aus pädagogischer Sicht vielleicht andere Maßnahmen hilfreicher wären.

Wie sieht denn Ihre Idealschule aus?

Das wäre eine Integrierte Gesamtschule in einer Landschaft, in der es nur Integrierte Gesamtschulen gibt, in der keine Vorauswahl getroffen wird und die Kinder der Mehrheitsgesellschaft nicht fast automatisch in Unterstufengymnasien kommen. Es ist eine Utopie zu glauben, dass sich da momentan die Leistungsträger sammeln. Da sammeln sich die Kinder der Eltern, die das System verstanden haben. Ich wünschte mir, dass es diese Möglichkeit nicht mehr gibt. Wenn wir ehrlich integrieren wollen, müssen sich alle öffnen. Und das ist weder eine rechte noch eine linke Position.

Sind Sie gern Lehrerin?

Ja, ich liebe meinen Job. Und ich bin gerade an meiner Schule gern Lehrerin, wo viele Kinder mit Migrationshintergrund sind. Es dürfen aber nicht zu viele werden, sonst stimmt das Gleichgewicht nicht mehr. Diese Kinder bringen eine Menge an Lebenserfahrung mit. Das macht mich demütig und erdet mich, und ich bin überzeugt davon, dass davon die Kinder der Mehrheitsgesellschaft profitieren können. Die Kinder mit Migrationshintergrund wiederum brauchen kulturelle Regulative und sprachliche Vorbilder, um zu Stützen unserer Gesellschaft heranzuwachsen

Das ist das Buch: Von Kartoffeln und Kanaken

„Von Kartoffeln und Kanaken – Warum Integration im Klassenzimmer scheitert“ – das Buch der Kasseler Gesamtschullehrerin Julia Wöllenstein ist im mvg-Verlag erschienen und seit gestern im Handel verfügbar. Es hat 192 Seiten und ist Wöllensteins erstes Buch. Die Kosten liegen bei 14,99 Euro.

Zur Person: Das ist Julia Wöllenstein

Sorgt mit ihrem Buch für Gesprächsstoff: Julia Wöllenstein, Lehrerin der Carl-Schomburg-Schule.

Julia Wöllenstein (43) wurde in Düsseldorf geboren. Sie wuchs in Frankfurt auf, studierte Sozial- und Theaterpädagogik in Münster, später studierte sie in Kassel Englisch und evangelische Religion. Sie arbeitete zunächst als Jugendbetreuerin bei der evangelischen Kirche. Seit sieben Jahren ist sie als Lehrerin an der Carl-Schomburg-Schule tätig. Sie unterrichtet dort Englisch, evangelische Religion und Darstellendes Spiel. Wöllenstein wohnt im Vorderen Westen. Sie hat drei Kinder und ist alleinerziehend.

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