HNA-Interview: Alfons Fleer aus Bettenhausen kritisiert Privilegien von Stadtteilen wie Wilhelmshöhe

Der Westen hui, im Osten pfui

Alfons Fleer Foto: nh

Kassel. Harte Kritik am Erhalt der beiden Freibäder in Harleshausen und Bad Wilhelmshöhe kommt aus dem Kasseler Osten. Wir sprachen mit Alfons Fleer, Mitglied im Ortsbeirat Bettenhausen.

Er war bei der Bürgerversammlung zum Thema Bäder für seine kritischen Flugblätter von Freibad-Befürwortern heftig beschimpft worden. Herr Fleer, Sie wenden sich gegen Privilegien für die bürgerlichen Viertel und dagegen, dass die Schulden dafür von der gesamten Stadt gezahlt werden. Was fordern Sie?

Alfons Fleer: Die Bürger des Kasseler Ostens fordern die politisch Verantwortlichen dieser Stadt auf, mit Geld, das im Kasseler Osten eingenommen wurde, nicht unangemessene Privilegien im Westen der Stadt zu finanzieren. Wenn in Kindertagesstätten im Kasseler Osten die Betreuung für Kinder unter drei Jahren ausgebaut werden soll, wollen wir sichergestellt sehen, dass dies nicht scheitert an den schon aufgenommenen Schulden für die Bäder.

Im Osten der Stadt werden 30 Prozent der Kasseler Gewerbesteuer eingenommen.

Fleer: Trotzdem haben wir im Osten kein Bürgerhaus, wir haben keine Stadtteilbibliothek. Die Joseph-von-Eichendorff-Gesamtschule wird zur Disposition gestellt. Die Bezirksstelle der Verwaltung wurde vor zwei Jahren, das Hallenbad Ost vor fünf Jahren geschlossen. Zähneknirschend finden wir uns damit ab, dass Sparanstrengungen immer auch mit realen Einschnitten verbunden sind.

Die Fördervereine der beiden Freibäder halten die Sicherung der Bäder für eine sozialpolitische Aufgabe.

Fleer: Nein, die Bürger ohnehin privilegierter Stadtteile sichern ihre Privilegien. Fern ab jeder Belästigung durch Güterschwerverkehr, Autobahnen, gewerbliche Emissionen fordern sie vom Rest dieser Stadt, dass in ihren wohlbetuchten Vierteln doch bitte sehr zwei Freibäder nicht nur erhalten werden mögen, sondern grundlegend wieder instand gesetzt werden sollen.

Sie vermuten, dass bei den Kosten dafür tiefgestapelt wird?

Fleer: Die Kosten werden schöngerechnet. Ganz ungeniert wird vorgeschlagen, die Städtischen Werke sollten zusätzliche Schulden aufnehmen, die dann von der ganzen Stadt abzutragen wären. Unter den Bedingungen des Schutzschirms müssen alle Bürger und alle Stadtteile sich an den Sparanstrengungen, die uns aufgelegt sind, beteiligen.

Was schlagen Sie vor?

Fleer: Eine Erneuerung und der weitere Betrieb dieser Bäder muss aus Mitteln gesichert werden, die im Westen eingespart wurden. Das wäre soziale Gerechtigkeit, das wäre Sozialpolitik. Nur gemeinsam kann die wirtschaftliche Stabilisierung dieser Stadt gelingen.

Jetzt ist aber im Westen gerade der Goethe-Boulevard gebaut worden, in den Umbau der Friedrich-Ebert-Straße fließen weitere Millionen Euro.

Fleer: Das sind weitere Privilegien, die wir im Osten mitbezahlen müssen. Hier muss sich etwas ändern.

Sie sind besonders für den letzten Satz in Ihrem Flugblatt von West-Bewohnern beschimpft worden: „Schämt euch für die dreiste Sicherung eurer Privilegien!“

Fleer: Eine arme Stadt schadet uns allen.

Von Jörg Steinbach

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