Geschichten bei Minusgraden

Willi wird's nicht kalt: Unterwegs mit einem Zeitungsausträger

Kassel. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die HNA morgens im Briefkasten liegt. Das gilt auch, wenn es so kalt ist wie derzeit. Wir haben einen Austräger begleitet – bei minus zehn Grad.

Es ist kurz nach drei, mehr Nacht geht kaum. Das Thermometer im Auto hat gerade minus zehn Grad angezeigt. Aber was heißt hier: im Auto? Jetzt ist draußen! Die Bushaltestelle an der Dönche: Wilhelm Kargers Arbeitstag als Zeitungsausträger beginnt. Und damit das gleich klar ist bei zweistelligen Minusgraden: „Das Wetter ist doch ganz gut: kein Regen, kein Schnee, kein Wind.“ Und außerdem: „Ich hatte auch schon mal minus 16 Grad.“

Alles ist relativ – und Wilhelm Karger sieht eben das meiste positiv, was sich schon an der Antwort auf die Frage nach seinem Alter erahnen lässt: „In 33 Jahren werde ich 100.“ Wilhelm, genannt Willi, Karger ist auf alle Fälle gerüstet für den Gang durch die Kälte. Die Wollmütze schützt seinen kahlen Kopf, unter Winterjacke und Winterhose verbergen sich weitere Schichten an Klamotten. Bei diesen Temperaturen kommt auch das zweite Paar lange Unterhosen zum Einsatz; das hat er noch aus den Zeiten, in denen er beim Bund tätig war. Die Wollhandschuhe sind schon vom Winter gezeichnet.

So geht es in die dunklen Wege rund um die Heinrich-Schütz-Allee, 100 Zeitungen im Rollwägelchen, das Willi Karger hinter sich herzieht wie manche einen störrischen Hund an der Leine. Wobei: Der Hund wiegt nicht so viel wie das gefüllte Wägelchen.

Unterwegs mit Stirnlampe: Willi Karger trägt Zeitungen aus – bei jedem Wind und Wetter und auch bei minus zehn Grad.

Für Willi Karger ist das Ganze ein Heimspiel. „Hier kenne ich jeden Briefkasten“, sagt er und läuft über die leere Druseltalstraße. „In zwei Stunden ist hier mehr los.“ Aber jetzt? Ist der Vollmond der einzige Fixpunkt, den die Szenerie hergibt. „Wenn es nicht so kalt wäre, wäre es romantisch.“

Willi Karger absolviert seine Tour mit der Routine eines Mannes, der in 33 Jahren 100 wird und seit 16 Jahren Nacht für Nacht Zeitungen austrägt. Er kennt nicht nur die Briefkästen in der hintersten Ecke, sondern auch den einen oder anderen Menschen hinter der Fassade, selbst wenn das ganze Viertel noch zu schlafen scheint. „Hier wohnt meine Älteste“, sagt er, als er in der Schauenburgstraße unterwegs ist. „95 Jahre alt.“ Oder: Fünf vor 100.

Es ist nicht so, dass Willi Karger nichts erleben würde, wenn er einsam durch die Straßen zieht. Er kann Geschichten erzählen: vom Waschbären, den er aus der Biotonne gerettet hat. Vom Reh, das plötzlich bei einem Zeitungsleser im Garten stand. Vom Absolventen der Landesfeuerwehrschule, der sich beim nächtlichen Joggen verlaufen hat; Willi Karger wies ihm den Weg. Einmal half er auch einer älteren Frau, die nachts den Müll rausbrachte und sich ausschloss. Ein anderes Mal traf er einen Verwirrten, der zum Herkules wollte. Wenn Willi Karger all das erzählt, lässt er die Kälte Kälte sein. Es ist nun kurz vor fünf; sein Wägelchen hat er zwischenzeitlich schon zweimal aufgefüllt. Er trifft nun von der Dachsbergstraße wieder auf die Heinrich-Schütz-Allee. Von hier aus hat er einen grandiosen Blick auf die Stadt, die langsam erwacht. „Das ist vor allem im Sommer toll“, sagt er.

Auch dabei: Ein altes Radio.

Hier oben am Rande der Dönche sind die Schritte im Schnee zu hören, Willi Karger muss aufpassen, dass er bei dem glatten Untergrund nicht ausrutscht. Mit seinen Schuhen tastet er sich langsam vor – als ob er sein eigenes Anti-Rutsch-System entwickelt hat. Auch hier hilft ihm die Erfahrung seiner Arbeit und seines Hobbys. In seiner Freizeit geht er am liebsten Wandern. Die Zeitung trägt er aus Lust an Bewegung aus.

So gesehen kommt er heute auf seine Kosten. Am Ende des Morgens übernimmt er noch eine Tour eines Kollegen – in der Nähe des Bahnhofs Wilhelmshöhe. Es bestätigt sich das, was Willi Karger zuletzt schon erlebt hat: „Je näher der Sonnenaufgang rückt, desto kühler wird es.“

Aber – in Anlehnung an Heinz Erhardt: Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern. Willi wird’s nicht kalt. In seinem Wägelchen hat er nicht nur ein Radio für die Nachrichten und die Uhrzeit, sondern auch eine Thermoskanne mit Tee. „Pfefferminze. Ohne Rum.“ Das letzte Mal war er von 20 Jahren krank. Es läuft. Und Willi Karger läuft immer weiter. Zehn Kilometer sind es heute. Noch ein paar Meter bis zum Feierabend. Dann trinkt er mit seiner Lebensgefährtin erst einmal in Ruhe Kaffee. Auch sie trägt Zeitungen aus.

Willi Karger verabschiedet sich bei Eiseskälte und sagt: „Wir haben uns heute einen guten Tag ausgesucht.“

Rubriklistenbild: © Hedler

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