In Kassel soll die Bodenversiegelung durch Umwidmungen eingedämmt werden

Grünland weicht Beton: Jährlich geht in Kassel eine Fläche von 14 Fußballplätzen durch Bauprojekte verloren

Wohnen statt Brauen: Auf dem Areal der ehemaligen Martini-Brauerei wird gebaut. Archivfoto: Dieter Schachtschneider
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Wohnen statt Brauen: Auf dem Areal der ehemaligen Martini-Brauerei wird gebaut.

Es ist eines der großen Probleme von Großstädten: die Bodenversiegelung. Sie nimmt auch in Kassel seit Jahren zu. Nach Daten der Stadt gehen aktuell im Schnitt täglich 260 Quadratmeter Grün- und Ackerflächen durch Bauprojekte verloren.

Kassel - Dabei sind diese Freiflächen besonders wichtig, um einer Überhitzung des Stadtklimas und auch Hochwasserlagen vorzubeugen. Die Stadt will durch verschiedene Maßnahmen gegensteuern. Keine leichte Aufgabe, weil sie gleichzeitig dem hohen Bedarf an Wohnraum gerecht werden muss.

Aktuell sind nach Angaben der Stadt 27 Prozent des Stadtgebietes bebaut. Dies klingt erst mal nicht viel. Doch das Bild relativiert sich, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil des Habichtswaldes zur Stadt Kassel gehört, der ohnehin nicht bebaut werden kann. Seit 2016 wurden im Durchschnitt 9,5 Hektar pro Jahr durch Wohnhäuser, Fabriken, Lagerhallen, Straßen, Parkplätze und so weiter versiegelt – dies entspricht etwa der Fläche von 14 Fußballfeldern.

Die Stadt sieht jedenfalls großen Handlungsbedarf: „Die Stadt Kassel stuft die Begrenzung der Versiegelung mit Blick auf die stadtklimatischen Effekte aus fachlicher Sicht als sehr wichtig ein“, so Stadtsprecher Michael Schwab.

Um die Bodenressourcen zu schonen und gleichzeitig die steigende Nachfrage nach Wohnungen zu erfüllen, setzt die Stadt auf die Umwidmung (auch Konversion genannt) bestehender Immobilien und Flächen. Dazu zählen etwa das Martini-Quartier (ehemals Brauerei), das Burgfeld-Areals (ehemals Krankenhaus) und die früheren Kasernen, auf deren Areal in den vergangenen Jahren ebenfalls zahlreiche Wohnungen entstanden sind.

„Zudem soll der gegebene Bedarf an zusätzlichem Wohnraum im Stadtgebiet zukünftig auch vermehrt durch die Aufstockung von Bestandsgebäuden gedeckt werden“, so der Sprecher weiter. Überdies werde bei der Aufstellung von Bebauungsplänen darauf geachtet, dass eine „bauliche Dichte“ erreicht werde, die insgesamt weniger Versiegelung nötig macht. Im Klartext heißt das, dass zunehmend auch höhere Häuser in Siedlungen entstehen werden, wo dies bislang noch nicht der Fall war. Dies führt in Kassel regelmäßig zu Konflikten mit der Nachbarschaft.

Entsiegelungsprojekte gab es in Kassel bislang eher wenige. Es gebe aber entsprechende Förderprogramme dafür, so die Stadt.

Der Versiegelungsgrad ist in Kassel mit 27 Prozent vergleichsweise gering. Dies liegt daran, dass Teile des Habichtswaldes zum Stadtgebiet gehören und dass es zahlreiche Parks gibt. Zum Vergleich: In München liegt der Versiegelungsgrad laut Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) bei 47 Prozent. München ist damit Spitzenreiter. Der GdV gibt den Kasseler Versiegelungsgrad übrigens mit 32 Prozent an. Potsdam ist mit 13 Prozent die grünste Stadt. 

Die Stadt Kassel steckt in einer Zwickmühle. Dabei geht es ihr wie vielen deutschen Städten. Auf der einen Seite müssen Flächenverbrauch und Bodenversiegelung eingedämmt werden, um für den Klimawandel und Überschwemmungen gerüstet zu sein. Auf der anderen Seite gibt es einen immensen Bedarf an Wohnungen in den Städten. Auch für die wirtschaftliche Entwicklung – etwa auf dem Langen Feld – sind Flächen nötig. Beides zu vereinen ist schwer.

Die Stadt will mit mehreren Maßnahmen die Versiegelung zumindest verlangsamen. Das Zauberwort heißt „Innenentwicklung“. Das bedeutet, dass Wohnungen und Gewerbeflächen vor allem innerhalb des ohnehin bebauten Bereiches entstehen sollen. Mehrere städtebauliche Brachflächen sollen zu diesem Zweck entwickelt werden, so ein Stadtsprecher. So werde der ehemalige Unterstadtbahnhof derzeit zu einem Gewerbe- und Dienstleistungsstandort umgebaut. Zuletzt haben dort Arbeitsagentur und Jobcenter ihre neuen Räume bezogen. Ebenfalls auf ehemaligen Bahnflächen am Hauptbahnhof entsteht derzeit das Fraunhofer Institut.

In der Planung sind außerdem die Umwandlung des denkmalgeschützten Salzmanngebäudes an der Sandershäuser Straße in ein gemischtes Quartier und der Bau von Wohnungen auf dem Areal des ehemaligen Busunternehmens RKH in Wehlheiden. Durch die Lage dieser Flächen werde zudem

der verkehrliche Erschließungsaufwand – sprich der Bau von Straßen – erheblich reduziert und damit die notwendige Versiegelung, so der Stadtsprecher.

Wesentliche Freiräume in den stadtklimatisch wichtigen Grünzügen – oft entlang von Bachläufen – seien meist als Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen und vor Bodenversiegelung geschützt.

Um Bodenentsiegelungen zu erreichen, verweist die Stadt private Eigentümer auf die Städtebauförderprogramme.

Für die jeweiligen Fördergebiete gebe es Haus- und Hofprogramme. Neben Maßnahmen zur Gebäudebegrünung werde insbesondere die Entsiegelung von Hofflächen gefördert. Ein Beispiel sei das Anreizprogramm „Grün in der Mitte“, auf das Eigentümer für Gebäude in der Innenstadt zurückgreifen können.

„Der Versiegelungsgrad ist ein wichtiger Parameter für das Stadtklima“, so der Stadtsprecher. Das Thema Anpassung an den Klimawandel sei auf der Agenda der Stadt. Seit längerer Zeit würden die Aussagen der Klimafunktionskarte in entsprechende Planungen, etwa bei der Ausweisung von Baugebieten, geprüft und in die städtebauliche Abwägung einbezogen.

Mitte August werde die Stelle einer Klimaschutzmanagerin besetzt. Diese werde helfen, auch den Aspekt der Bodenversiegelung noch einmal verstärkt in den Fokus zu nehmen. (Bastian Ludwig)

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