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Kasseler Schausteller berichten im Interview über ihren Existenzkampf in der Krise und neuen Mut

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Von: Bastian Ludwig

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Holger Berger und Marvin Schellberg (links), zwei Schausteller
Schausteller aus Kassel: Holger Berger (links) und Marvin Schellberg. © Dieter Schachtschneider

Die Schausteller gehören zu jenen Berufsgruppen, die besonders unter der Corona-Pandemie und den Schutzmaßnahmen zu leiden hatten. Wir sprachen anlässlich der Casseler Freyheit mit den Kasseler Schaustellern Holger Berger und Marvin Schellberg.

Kassel - Zwei Jahre lang wurden Feste und Veranstaltungen entweder abgesagt oder fanden unter Hygieneauflagen nur sehr eingeschränkt statt. Die zwei Schausteller Holger Berger und Marvin Schellberg aus Kassel, deren Familien seit Generationen in dem Gewerbe tätig sind, berichten über die vergangenen zwei Jahre und ihren Blick nach vorn.

Wie blicken Sie auf die vergangenen zwei Corona-Jahre zurück?

Holger Berger: Das war eine erschreckende Zeit. Es war für uns wie ein Berufsverbot. Einige kleinere Schaustellerbetriebe haben diese Phase nicht überlebt und neue Standbeine gesucht. Marvin Schellberg: Wir haben zwei Jahre um die Existenz gebangt. So eine Situation hätte ich mir vorher nicht ausmalen können. Eigentlich sind wir das ganze Jahr am Arbeiten und unterwegs. Nur im Januar und Februar ist es etwas ruhiger. Doch plötzlich gab es nichts mehr zu tun, wir konnten Geburtstage und Hochzeiten wahrnehmen.

Was hat Sie über die Zeit gerettet?

Berger: Ein großer Dank gilt der Stadt Kassel. Wir konnten zweimal einen Sommer-Spaß und einmal einen Herbst-Spaß auf der Schwanenwiese veranstalten. Solche Veranstaltungen waren in der Hochphase von Corona eine Seltenheit in Deutschland. Sicherlich waren die Umsätze nicht mit normalen Zeiten zu vergleichen, aber es war besser als nichts. Das gilt auch für den Weihnachtsmarkt, der in Kassel unter Auflagen möglich war. Schellberg: Auch für den Kopf war es damals gut, wieder etwas zu tun zu haben.

Wie treffen Sie der Ukraine-Krieg und die Energie-Krise?

Berger: Bei den Besuchern merken wir noch keine Zurückhaltung. Aber vielleicht ändert sich das, wenn die ersten ihre Nachzahlungen bekommen. Die Leute wollen nach zwei Jahren Corona rausgehen und abschalten. Dafür sind wir da und das kommt uns zu Gute. Schellberg: Sorgen bereiten uns eher die gestiegenen Energiepreise. Um unsere Fahrgeschäfte von A nach B zu bekommen, brauchen wir viel Diesel. Mit Elektrofahrzeugen ist das leider noch nicht möglich. Unsere Fahrgeschäfte hatten wir aber schon vor Jahren auf LED-Technik umgestellt.

Sie hatten ihren Spaß: Diana Eichentopf und ihre Tochter Charlotte ließen sich von der Fliehkraft verzaubern.
Sie hatten ihren Spaß: Diana Eichentopf und ihre Tochter Charlotte ließen sich von der Fliehkraft verzaubern. © Dieter Schachtschneider

Wie ist Ihre aktuelle wirtschaftliche Situation?

Berger: Ich merke keinerlei Zurückhaltung der Leute mehr. Ich hoffe, dass es keine 2G-Regel mehr geben wird. Das hat auf dem letzten Weihnachtsmarkt viele davon abgehalten, unsere Angebote zu nutzen. Vor allem spontane Besuche nach der Arbeit gab es deutlich weniger. Schellberg: Die Menschen durften zwei Jahre wenig unternehmen und haben viele schlechte Nachrichten gehört. Viele wollen jetzt einfach mal raus und die Sorgen und Krisen für eine kurze Zeit vergessen. Ein Besuch auf unseren Veranstaltungen ist wie ein Kurzurlaub für die Seele. Ich erlebe dankbare und nette Kunden. Das sieht man auch am Trinkgeld. Berger: Vor allem beobachten wir wieder deutlich mehr Familien. In der Corona-Zeit waren es vor allem die Jugendlichen, die kamen.

Drehten im Scirocco ihre Runden: Nathalie Belz mit Luca (rechts) und Nico auf dem Königsplatz.
Drehten im Scirocco ihre Runden: Nathalie Belz mit Luca (rechts) und Nico auf dem Königsplatz. © Dieter Schachtschneider

Macht Ihnen der Fachkräftemangel zu schaffen?

Berger: Ja, das ist ein ganz großes Problem. Es gab schon Schausteller, die konnten ihre Fahrgeschäfte nicht aufbauen, weil ihnen das Personal fehlte. Selbst auf gut besuchten Traditionsveranstaltungen wie dem Lullusfest in Bad Hersfeld mussten Kollegen absagen, weil sie die nötigen Mitarbeiter für den Aufbau und Betrieb einfach nicht gefunden haben.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Schellberg: Die Casseler Freyheit lief wegen des Wetters optimal für uns. Wir setzen unsere Hoffnungen in den Kasseler Weihnachtsmarkt. Dort machen viele Schausteller 50 Prozent ihres Jahresgeschäftes. Wir hoffen, dass in diesem Jahr wieder mehr Touristen für den Markt nach Kassel kommen. Der geplante „Fliegende Weihnachtsmann“ wird sicher eine große Attraktion sein.

Zu den Personen: Wenn die Casseler Freyheit ruft, sind die beiden regelmäßig dabei: Holger Berger (61) ist der zweite Vorsitzende des Schaustellerverbandes Kassel-Göttingen. Seine Familie lebt seit vielen Generationen von der Schaustellerei. Gleiches gilt für Marvin Schellberg (29), der ebenfalls im Verband organisiert ist. Beide leben in Kassel. Berger ist verheiratet und hat eine Tochter. Schellberg ist noch unverheiratet und hat keine Kinder. (Bastian Ludwig)

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