Wie ein zweiter Geburtstag

Kasseler kämpft auf Parkplatz um sein Leben: Jetzt dankt er seinen Rettern

Am Ort des Geschehens: Thomas Brell (rechts) trifft sich Wochen nach dem Herzinfarkt mit seinen Rettern Oktay Karadaz (links) und Alicia Abu-Taman auf dem Parkplatz des Pennymarktes im Kasseler Stadtteil Niederzwehren.
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Am Ort des Geschehens: Thomas Brell (rechts) trifft sich Wochen nach dem Herzinfarkt mit seinen Rettern Oktay Karadaz (links) und Alicia Abu-Taman auf dem Parkplatz des Pennymarktes.

Thomas Brell aus Kassel überlebt einen Herzinfarkt. Kurz vor Weihnachten sieht der 58-Jährige seine Retter wieder.

Kassel – Für jemanden, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist, wirkt Thomas Brell aus Kassel äußerst gefasst. Dabei hätte der 58-Jährige jeden Grund, emotional zu sein. Mitte November erleidet er einen Herzinfarkt. Ohne das Eingreifen zweier Passanten, ohne die schnelle Hilfe der Mediziner – wer weiß? Sentimental wird Brell dann doch: „Ich bin einfach nur froh, dass ich noch da bin.“

Denkt er an die Ereignisse des 15. November, empfindet er Dankbarkeit. Es fühle sich an wie ein zweiter Geburtstag, sagt er. Wochen danach trifft er seine Retter wieder. Hier ist Brells Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln:

Die Heimfahrt

Nach der Arbeit befindet sich Thomas Brell auf dem Weg nach Hause Richtung Marbachshöhe. Er verdient sein Geld in der Galeria Kaufhof als stellvertretender Leiter der Abteilung Haushaltswaren. Er will abkürzen über den Parkplatz des Pennymarktes an der Frankfurter Straße. Er fühlt sich schlecht und stoppt den Wagen. Aussteigen ist keine Option: „Ich habe gedacht, dann falle ich um wie ein nasser Sack“, erinnert er sich. Stattdessen legt er sich hin, mit dem Kopf auf den Beifahrersitz, die Füße ragen aus der geöffneten Fahrertür.

Thomas Brell hupt. Immer und immer wieder. Seine Brust fühlt sich wie zugeschnürt an, als ob jemand einen Strick zuziehe, wie er es beschreibt. Er bekommt kaum Luft. Panik steigt auf. Ihm wird bewusst, dass er um sein Leben kämpft. Parallel wächst Verzweiflung, weil niemand zur Hilfe eilt. Er nimmt Passanten wahr, die weitergehen. Bis er eine Stimme hört, die fragt: „Soll ich einen Notarzt rufen?“

Die Zigarettenpause

Vor dem Eingang des Supermarktes machen Oktay Karadaz und Alicia Abu-Taman eine Zigarettenpause. Vater und Tochter. Sie arbeiten für ein Unternehmen, das die Waren für Penny auspackt und in Regale räumt. Sie hören das Hupen, können es aber nicht zuordnen. Sie berichten von Passanten, die kopfschüttelnd in die Richtung blicken, aus der das Hupen kommt. „Einige waren wegen des Lärms richtig genervt“, sagt Oktay Karadez.

Doch dann habe eine Frau gerufen, dass da jemand im Auto liege. Ohne zu zögern, rennen Vater und Tochter los. Er habe den Mann angesprochen, erzählt Karadez. Er sei schwach gewesen und habe über Schmerzen in der Brust geklagt. Karadez denkt sofort an einen Herzinfarkt, sein Schwager habe schon mal einen gehabt.

Tochter Alicia ruft den Notarzt. Die Situation habe sie überfordert, gesteht die junge Frau. „Ich hatte Angst, dass etwas Schlimmes passiert.“ Der Mann im Wagen habe ihr die Nummer seiner Ehefrau gegeben. Die 19-Jährige informiert auch sie. Dann trifft der Rettungswagen ein. „Das hat nur wenige Minuten gedauert“, erinnert sich Alicia Abu-Taman. Vater und Tochter bleiben zurück.

Der Pullover

Bevor er die Stimmen der beiden Helfer hört, denkt Thomas Brell noch: „Wenn dich keiner findet, baust du ab.“ Dann geht alles ganz schnell. Die Geschehnisse verschwimmen. Brell erinnert sich an zwei Sanitäter. Plötzlich ist auch der Notarzt da. Er merkt, dass er Sauerstoff bekommt und dass irgendetwas gespritzt wird. Die erste Panik verfliegt, weil er besser atmen kann. Und er erinnert sich an diese Frage: „Dürfen wir Ihren Pullover aufschneiden?“ Während der Fahrt im Rettungswagen registriert er vage, dass es ins Elisabeth-Krankenhaus geht. Der Notarzt habe telefoniert und organisiert. Brell hört die Worte: „Macht alles fertig.“

Der Eingriff

Bei den Symptomen muss nicht lange überlegt werden. Für Martin Schleyer steht die Diagnose schnell fest: Herzinfarkt. Schleyer ist der Notarzt und arbeitet in der Zentralen Notaufnahme des Elisabeth-Krankenhauses. Er weiß, was zu tun ist: Aspirin und Morphium gegen die Schmerzen, Heparin zur Blutverdünnung. Das EKG bestätigt Schleyers Vermutung. Nun geht es um Zeit. Je länger ein Herz nicht durchblutet wird, desto heftiger sind die Auswirkungen für den Muskel. Über die Leitstelle fordert der Notarzt ein Herzkatheter-Labor an, einen speziellen Operationssaal. Schleyer gibt durch, dass es sich um was Ernstes handelt.

Die Mediziner Prof. Dr. Martin Höher (links) und Martin Schleyer (rechts) haben Thomas Brell behandelt.

Angekommen im Krankenhaus, wird Thomas Brell direkt auf den OP-Tisch befördert. In Jeans. An diesem Punkt übernimmt Prof. Dr. Martin Höher, Chefarzt der Kardiologie und Inneren Medizin. Es wird ein Schlauch zum Herzen geführt. Höher setzt Brell einen Stent ein. Der Kardiologe spricht von Routine: „Aber dabei muss man topkonzentriert sein.“

Danach hören die Beschwerden auf. Angst wandele sich in Entspannung, erklärt Höher. In Brells Fall sei alles ideal gelaufen. Weil der Notarzt die Vorbereitungen getroffen und es keine Verzögerung gegeben habe. Im Protokoll liest es sich so: Alarm um 12.35 Uhr, Ankunft Rettungswagen um 12.42 Uhr, Ankunft Notarzt um 12.43 Uhr, zehn Minuten später ins Krankenhaus, 13.01 Uhr Übergabe, 13.03 Uhr im OP.

Das Grübeln

Nur etwas mehr als eine Stunde später kommt Thomas Brell wieder zu sich. Im Krankenhauszimmer sei viel los gewesen. Ein Pfleger habe gesagt: „Guck mal, jetzt hat er wieder Farbe.“ Brell denkt zuerst an seine Frau Eva: Weiß sie, wo ich bin? Im zweiten Moment schießt ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf: Das war ein Herzinfarkt. Zwei Tage später darf er nach Hause.

Er sei kein Typ, der jammert, erklärt Brell. Dennoch beginnt er zu grübeln. Wird alles wie vorher? Darf ich wieder Auto fahren? Die ganzen Tabletten. Medikamente habe er früher nie nehmen müssen. Bis auf Weiteres ist er krankgeschrieben. Seine Frau sei geschockt gewesen. Sie verordnet ihm, erst mal alles langsam zu machen. Brell merkt, dass alltägliche Tätigkeiten „mich doch ganz schön anstrengen“. Er setzt alles auf die Reha. Er hofft, dass das Vertrauen in den eigenen Körper wieder wächst. „Ich will wieder der Thomas werden, der ich vorher war.“

Das Treffen

Für Thomas Brell ist es ein Bedürfnis, sich zu bedanken. „Die Leute im Krankenhaus haben hervorragend gearbeitet.“ Ihm sei klar, dass ein Herzinfarkt nicht immer glimpflich abläuft. Das sagen auch die Mediziner Höher und Schleyer, als sie ihn gut drei Wochen nach dem Vorfall wiedersehen. „Was macht das Herz?“, fragt der Notarzt. Brell berichtet, dass er das Rauchen aufgegeben habe. Chefarzt Höher sagt: „Schön, dass es Ihnen gut geht.“ Beide Ärzte erklären, dass sie für solche Momente Medizin studiert hätten. Einem Menschen das Leben zu retten, sei ein toller Erfolg, vor allem für den Patienten.

Damit ist die Wiedersehenstour nicht beendet. Auf dem Penny-Parkplatz trifft Brell die beiden anderen Retter. Für Alicia Abu-Taman hat er Blumen dabei. Es sei ein schönes Gefühl, ihn gesund zu sehen, sagt die 19-Jährige. Thomas Brell fügt hinzu: „Ich weiß nicht, ob ich hier stünde, wenn ihr nicht gewesen wärt.“ Oktay Karadaz winkt ab. Das sei doch selbstverständlich gewesen, sagt der 47-Jährige: „Wir haben nur unsere Pflicht getan.“

Dann verabschieden sie sich. Brell will eine Runde mit seinem Zwergdackel Sam drehen. Das traut er sich inzwischen zu, es gehe langsam bergauf. Vor allem freut er sich auf die Feiertage. Thomas Brell sagt: „Mein Weihnachtsgeschenk habe ich ja schon im November bekommen.“ (Robin Lipke)

Auch bei einem Routineeinsatz im Heizkraftwerk in Kassel brach im Sommer ein Mann mit einem Herzinfarkt zusammen. Seine Kollegen reagierten geistesgegenwärtig – und retteten ihm so das Leben.

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