Die in Neuseeland lebende Kasselerin Nathalie Döring hat das Erdbeben am eigenen Leib gespürt

„Wie auf einem Trampolin“

Sie hat mit ihrer Familie das Erdbeben unversehrt überstanden: Nathalie Döring in Neuseeland. Foto: privat/Repro: Koch

Kassel/Christchurch. Den Anruf am Handy will Nathalie Döring so schnell es geht beenden. „Wir müssen die Leitung freihalten, weil es noch Verschüttete gibt, die über Mobiltelefon in Kontakt mit den Rettungskräften stehen.“ Die Kasselerin lebt seit fünf Jahren in Neuseeland und hat das Erdbeben vom Dienstag am eigenen Leib gespürt. Sie und ihre Familie, die fünf Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernt in Christchurch wohnen, sind zum Glück unversehrt geblieben.

Nach einem Rückruf auf dem Festnetz berichtet die 30-Jährige, die in Kassel früher Stadtschulsprecherin und ab 2004 jüngste Stadtverordnete war, von dem Erdbeben, bei dem am Dienstag viele Menschen starben. Gestern wurden noch immer Überlebende in den Trümmern gesucht.

Mit Baby ins Freie

Als das Beben losging, sei sie im Wohnzimmer des Hauses in Christchurch gewesen, erzählt Nathalie Döring mit gefasster Stimme. Seit einem schweren, aber glimpflich verlaufenen Beben im September habe es fast täglich kleinere Nachbeben gegeben, sodass man sich beinahe daran gewöhnt hatte, sagt die Mutter eines neun Monate alten Sohnes. die sich als Projektmanagerin mit dem Erstellen von Sprachkursen befasst. „Aber diesmal habe ich an dem Grollen kurz vorher sofort gemerkt, dass es heftig wird.“

Sie habe zwei Touristen, die gerade zu Gast waren, nur „Raus!“ zugerufen, ihren Sohn Noah geschnappt und sei in den Garten gerannt. „Das abrupte Hochziehen am Arm hat ihm gar nicht gefallen, er fing an zu schreien. Aber er saß direkt neben dem Bücherregal, aus dem schon die ersten Sachen rausfielen.“

Auf der Wiese sieht die Kasselerin, wie das Wasser aus dem Schwimmbad schwappt, in der Nachbarschaft gehen die Alarmanlagen los, und die Erde wackelt heftig: „So sehr, dass man kaum stehen konnte. Das fühlt sich an, als ob man auf einem Trampolin steht und neben einem jemand auf- und abhüpft.“ Im Haus hört sie die Einrichtung zu Bruch gehen.

Zum Glück erreichen sie und ihr Lebensgefährte Justin Palmer, der zum Zeitpunkt des Bebens als Ingenieur beruflich unterwegs war, sich noch am Telefon, bevor die Leitungen zusammenbrechen. Über die aufgerissenen Straßen, aus denen Sand und Erde nach oben quillen, gelingt es ihm, zum Haus zu fahren. „Die Straßen sind riesige Hubbelpisten“, sagt Döring. Dann beginnt das bange Warten auf Nachrichten von Freunden. Ihre Eltern in Kassel klingelt die junge Frau wach – in Deutschland ist es noch Nacht –, weil sie weiß, dass sie in Sorge wären, sobald sie von dem Erdbeben erfahren.

Gestern war Nathalie Döring bei den Eltern ihres Partners in Waipara, nördlich von Christchurch, um Labrador Lottie dort abzugeben. „Der Hund ist völlig traumatisiert, wir wollen ihm die ständigen Nachbeben ersparen.“

Am Morgen will die Kasselerin mit Mann und Sohn zurück in das Haus in Christchurch, das derzeit ohne Strom und Wasser ist. „Wir wollen einige ältere Nachbarn nicht einfach zurücklassen, wir möchten so gern helfen.“ Ob sie und ihre Familie künftig in ihrem Zuhause bleiben oder womöglich wegziehen, wisse sie noch nicht, sagt Nathalie Döring. „Es ist eine eigenartige Stimmung. Das ganze Lebensumfeld ist zerstört.“

Von Katja Rudolph

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