Nicht das Gefühl, dass die Spiele im eigenen Land sind

Wie in einer Parallelwelt: Kasseler spricht über Olympia in seiner neuen Heimat Tokio

In Tokio: Pascal Wenz und seine Frau Euncho Kim in Odaiba, einer künstlichen Insel, die nicht weit vom Olympischen Dorf entfernt ist.
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In Tokio: Pascal Wenz und seine Frau Euncho Kim in Odaiba, einer künstlichen Insel, die nicht weit vom Olympischen Dorf entfernt ist.

Die Olympischen Spiele in Tokio sind beendet. Wie aber waren die vergangenen zwei Wochen vor Ort? Pascal Wenz ist in Kassel aufgewachsen, hat auf dem Wilhelmsgymnasium sein Abitur gemacht, seit sieben Jahren lebt er in Tokio. Er schildert seine Eindrücke.

Kassel/Tokio – Pascal Wenz ist in Kassel aufgewachsen, hat auf dem Wilhelmsgymnasium sein Abitur gemacht, seit sieben Jahren lebt er in Tokio. Er schildert seine Eindrücke.

Herr Wenz, wie haben Sie die vergangenen zwei Wochen in Tokio erlebt?
Mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite waren die Medien beherrscht von der Berichterstattung über die Spiele, die omnipräsent waren. Gleichzeitig hat sich die Coronasituation in Japan verschärft durch stark steigende Fallzahlen – auch verursacht durch die Delta-Variante. Deshalb hat sich das alles etwas komisch angefühlt – wie in einer Parallelwelt: Hier das große Spektakel – und dort die Lage, dass alle ein bisschen zurückstecken müssen im Alltag und möglichst im Homeoffice arbeiten.
Haben Sie viel vom Olympiagefühl mitbekommen?
Ich habe die Spiele schon mit großem Interesse verfolgt, aber sie waren im alltäglichen Leben eben nicht allgegenwärtig, weil ja auch keine Zuschauer zugelassen waren. Man musste schon wirklich die Medien aufsuchen, um ein gewisses Olympiagefühl zu bekommen. Auf meinen Alltag hatten die Spiele keinen Einfluss. Ich war anfangs etwas kritisch, dass die Spiele überhaupt stattfinden, aber als sie dann begonnen haben, war ich schon der Meinung, dass man die Sportler unterstützen sollte.
Wo hat sich denn Olympia überhaupt bemerkbar gemacht in der Stadt?
Dass Olympische Spiele hier stattgefunden haben, hat man nur an einigen zentralen Plätzen mitbekommen, an denen Werbung oder einzelne Skulpturen standen. Was sehr wohl der Fall war: dass die Menschen hier über Olympia gesprochen haben, wenn sie zum Beispiel im Restaurant gegessen haben. Aber: Es war eben auch leicht, nichts von Olympia mitzubekommen. Deshalb hat sich das Ganze für mich nicht wie ein japanisches Olympia angefühlt. Es hätte genauso gut in einem anderen Land stattfinden können. Und ich habe es nicht als Vorteil angesehen, während der Spiele in Japan gewesen zu sein.
Zuletzt ist viel darüber zu hören gewesen, dass die Japaner selbst mit Olympia fremdelten und verärgert oder womöglich wütend waren auf die Regierung und das Internationale Olympische Komitee, weil die Spiele stattgefunden haben.
Von Wut würde ich generell nicht sprechen, so starke Gefühle sind da nicht aufgekommen. Die Kritik hat sich eher auf den medizinischen Sektor konzentriert, weil durch die Pandemie die Ressourcen derzeit knapp sind und die Frage aufgekommen ist, ob in einer solchen Situation Hunderte von Krankenpflegern und Krankenpflegerinnen bei Olympia im Einsatz sein müssen. Das wurde vor allem vor den Spielen diskutiert. Aber während der Spiele war es kaum mehr ein Thema, auch weil die Infektionsschutzmaßnahmen für die olympische Gemeinde scheinbar recht wirksam waren und die Spiele nicht zu einem Superspreaderevent wurden, wie von einigen befürchtet. Ich habe schon das Gefühl, dass die Laune umgeschlagen ist – gerade auch, weil die Japaner so viele Medaillen gewonnen haben.
Hilft so ein Medaillenregen einer Nation in Zeiten der Krise?
Für den Sport in Japan ist das auf alle Fälle ein großes Plus. Gerade die neue Generation an Sportlern werden dadurch viel Positives mitnehmen. Die Frage ist nur, ob die Spiele abseits des Sports Japan weitergebracht haben. Das ist eine offene Frage.
Zumindest hat sich Japan nicht so groß darstellen können wie erhofft. Wie groß ist die Enttäuschung darüber, dass die Spiele nicht so über die Bühne gegangen sind, wie es geplant war?
Da ist eine ganz große Enttäuschung auf vielen Ebenen, zumal die Vorfreude auf Olympia vor der Pandemie riesengroß war. Da sind die Menschen, die Tickets hatten für Olympia und nun keine Veranstaltung besuchen konnten. Da ist die Politik, die gehofft hatte, dass Olympia die Wirtschaft ankurbeln könnte. Und da ist natürlich die Tourismusindustrie, die ganz stark auf Olympia gesetzt hatte. Olympia war der Meilenstein, auf den alle hingearbeitet haben. Und jetzt hat die Tourismusbranche nichts von Olympia mitnehmen können, weil die Grenzen geschlossen waren und Japan als Land kaum Werbung für sich machen konnte. Ansonsten ist natürlich der Frust bei den Sponsoren riesengroß, die Milliarden in das Projekt gesteckt haben.
Hatten Sie selber auch Tickets für die Spiele?
Ursprünglich war der Plan, dass mein Vater während der Spiele aus Kassel nach Tokio kommt und wir zusammen die Leichtathletikwettbewerbe schauen. Aber als absehbar war, dass es unrealistisch sein würde, ins Stadion zu gehen, habe ich mich auch gar nicht um Karten bemüht.
Haben Sie denn während der Spiele mehr Nachrichten aus der Heimat bekommen, weil Japan stärker im Fokus war?
Von der Familie schon, wobei es da keine Nachfragen spezifisch zu Olympia gab. Sie waren genereller Art, weil Japan im Moment eben ein Diskussionsthema ist. Das Interessante dabei ist: Ich habe vor zwei Jahren hier in Japan geheiratet, und die Menschen, die mir nun geschrieben haben, haben sich zurückgesehnt nach damals – nach dem Motto: Ach, wie schön war das vor zwei Jahren und wie schade, dass wir jetzt nicht in Japan sein können.
Ach, wie schön war das vor zwei Jahren – drückt das auch das Gefühl der Japaner derzeit aus?
Ja, gerade für die Menschen, die von der Pandemie auch in ihren Jobs betroffen waren, ist es schon ein krasser Wandel gewesen. Sie sehnen sich zurück. Aber gerade jene, die etwa in der IT-Branche arbeiten und nun vermehrt Homeoffice machen, schauen eher in die Zukunft.
Schauen wir erstmal in die Gegenwart. In Deutschland ist man überrascht, dass in Japan die Impfquote bisher so gering ist.
Das hat damit zu tun, dass die Impfkampagne sehr spät begonnen hat, weil die klinischen Studien aus dem Ausland nicht anerkannt wurden. Es hieß, es bräuchte Studien mit japanischen Patienten. Aber: Seit die Impfkampagne läuft, läuft sie auch sehr gut und weitgehend problemlos – und das, obwohl bisher auf Astrazeneca komplett verzichtet wurde. Es ist jetzt nur eine Frage der Zeit. Das Impfen sehe ich daher nicht als Hauptfrage, die sich derzeit stellt.
Sondern?
Die große Frage ist, wann die Grenzen wieder öffnen. Wann können Angehörige aus dem Ausland wieder nach Japan kommen? Wann dürfen Austauschstudenten wieder nach Japan kommen? Darüber gibt es derzeit leider kaum eine Diskussion. Es werden keine Meilensteine diskutiert. Es gibt nur kurzfristiges Krisenmanagement mit dem Blick einen Monat voraus. Dabei glaube ich, dass das Interesse an Japan gerade bei Austauschschülern, Austauschstudenten und Forschern ungebrochen ist, weshalb die Abschottung einen gewissen Imageschaden verursacht. Es sind auch viele Experten und Firmen frustriert über diese Einreisepolitik.

Zur Person

Pascal Wenz (33) ist in Kassel aufgewachsen und hat die Herkulesschule und das Wilhelmsgymnasium besucht, an dem er auch sein Abitur machte. Anschließend studierte er Japanologie und Religionswissenschaft in Cambridge (England), im japanischen Osaka und in Princeton, USA. Schon zu Abiturzeiten hatte er sich für Ostasien interessiert, weil er auch eine neue Gedankenwelt kennenlernen wollte. Die Auseinandersetzung mit Japan begriff er damals als Herausforderung, weil er auch die Sprache erst noch lernen musste.

Wenz lebt seit sieben Jahren in Japan. Er ist angestellt an der Außenstelle Tokio des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD). Wenz ist dort zuständig für die Betreuung deutscher Stipendiaten ist. Der 33-Jährige ist seit zwei Jahren mit der Koreanerin Euncho Kim verheiratet. Zusammen leben sie in Japans Hauptstadt Tokio.

Auf die Frage, was Olympia für Japan gebracht hat, antwortet Wenz: „Die Spiele haben den Sport auf ein neues Niveau gehoben und diesbezüglich in schweren Zeiten für Inspiration gesorgt. Ansonsten glaube ich nicht, dass die Spiele Japan viel gebracht haben - weder wirtschaftlich noch was das Image angeht, das ja auch vorher schon positiv war. Aber es ist vielleicht besser, das in einem Jahr zu bewerten. Auch die Paralympischen Spiele beginnen ja erst Ende August.“

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