Filme als Lehrstoff

Wie Knast und Kloster ticken: Neues Buch untersucht Organisationskulturen 

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Filme geben Einblicke in die Stasi, ein Gefängnis und die Schule - wie hier Gabriela Maria Schmeide am Lehrerpult in „Frau Müller muss weg“. Diese und 26 weitere Filme und die darin abgebildeten Organisationen werden in dem Buch behandelt.

Kassel. Die Psychologin Prof. Dr. Heidi Möller hat ein neues Buch herausgegeben. Am Beispiel von Filmen wird darin untersucht, wie Organisationen vom Knast bis zum Kloster ticken. 

Ob Anwaltskanzlei, Geheimdienst oder Universität: Jede Organisation hat ihre eigene Kultur. Ein System verinnerlichter Regeln, Symbole und Handlungsweisen. „Das kann man sich vorstellen wie eine Miniatur-Gesellschaft“, sagt Heidi Möller, Professorin für Theorie und Methodik der Beratung am Institut für Psychologie der Uni Kassel. Wie verschiedene Typen von Organisationen ticken und wie man ihre Kulturen entschlüsseln kann, zeigt ein neues Buch, das sie zusammen mit Fachkollegen veröffentlicht hat. Als Beispiele dienen dabei bekannte Filme.

Heidi Möller

Organisationskulturen seien nur indirekt zugänglich, sagt Möller: durch Beobachtung und Interpretation. Denn wer Teil dieser Kultur sei, könne sie selbst nur schwer beschreiben. Weil man im Kino maximal in die auf der Leinwand dargestellte Welt eintauche, seien Filme ein ideales Medium, um Erkenntnisse über Organisationen und ihre komplexen Mechanismen zu gewinnen.

Von Thriller bis Komödie

29 Spielfilme vom Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ über Komödien wie „Der Teufel trägt Prada“ bis zur Familiensaga „Väter und Söhne“ werden in dem Buch mit dem Werkzeug der Organisationsberater und anderer Experten beschrieben. Natürlich bilde das FBI, die Modebranche oder der Familienbetrieb – cineastisch gesehen – nur den Hintergrund der Handlung, sagt die Psychologin, die sich selbst als „kinosüchtig“ bezeichnet. Gleichwohl lasse sich in gut gemachten Filmen viel über die Dynamiken der jeweiligen Institution erkennen. Das sei nicht nur für Fachleute interessant, sondern auch für Menschen, die Organisation, der sie angehören, besser verstehen wollen.

Möller selbst hat anhand des Gefängnisfilms „Die Verurteilten“ analysiert, nach welchen Mustern Menschen hinter Gittern agieren. Ein Gefängnis sei ein Beispiel für eine totale Institution – ähnlich wie Kasernen, geschlossene Abteilungen in der Psychiatrie oder auch Klöster. Die Insassen lebten abgeschnitten von der übrigen Gesellschaft. Ihr Alltag sei gekennzeichnet von strengen Regeln, Befehl und Gehorsam und wenig Raum für Autonomie, sagt die 56-Jährige, die zu Beginn ihrer Karriere als Gefängnispsychologin gearbeitet hat. 

Daher bildeten sich unter den Gefangenen Subkulturen, in denen eigene Hierarchien gelten. Interessant sei auch das Verhältnis von Häftlingen und Bediensteten – zwei Gruppen, die fundamental voneinander getrennt und aufeinander angewiesen seien. Einerseits erführen die Beschäftigten durch ihre Überlegenheit und die klare Rollenverteilung eine Aufwertung des Selbstwertgefühls. Andererseits seien auch sie als Bindeglied zum „dunklen Teil der Gesellschaft“ Diskriminierung ausgesetzt. Im Gefängnis selbst repräsentieren sie das Gute, so Möller: „Bei der Berufswahl können jedoch auch Abwehraspekte eigener latenter Kriminalität eine Rolle spielen.“

Auch die Machtverhältnisse an Schulen werden an Filmbeispielen thematisiert. In der Komödie „Frau Müller muss weg“ wird die wachsende Einmischung der Eltern in den Schulalltag behandelt. Im Kultfilm „Der Club der toten Dichter“ kann man sehen, was passiert, wenn ein junger Lehrer neue Werte in einer traditionellen Internatskultur etablieren will. An den Konflikten, die im Film tragisch enden, sieht man, wie fest verankert Organisationskulturen sind. 

Heidi Möller, Thomas Giernalczyk (Hrsg.): Organisationskulturen im Spielfilm. Springer Verlag, 389 Seiten, 34,99 Euro.

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