Einzige private Wildvogelhilfe Kassels

So süß! Sie rettet Küken und hilft verletzten Vögeln

Kassel. Sie rettet Küken vor dem Tod und verarztet kranke und verletzte Vögel: Angie Schulz betreibt eine Wildvogelhilfe in Kassel.

Im Frühjahr brüten die Vögel. Nicht immer läuft das reibungslos. Da bedarf es mitunter menschlicher Hilfe, um Leben auf die Sprünge zu helfen. Angie Schulz aus Kassel kümmert sich um Amsel, Meise, Fink und Star und berichtet über ihre Erfahrung.

Ein Besuch bei Angie Schulz in Kirchditmold ist ein Ereignis. Auf dem Balkon steht eine große Voliere, darin zwei verletzte Meisen. Auf der anderen Seite befindet sich ein Vogelhäuschen, in dem Würmer und Larven zum Fressen liegen – dementsprechend viel Betrieb herrscht hier. 

In der Küche steht ein Inkubator mit sechs Spatzen, die gerade geschlüpft und aus dem Nest gefallen sind. In der Box auf dem Tisch schreien zwei Grünfinken nach Futter. Und dann wuseln ja noch die beiden Mischlingshunde umher. Mehr Tier geht kaum.

Angie Schulz

Seit fünf Jahren engagiert sich Angie Schulz im Vogelschutz, sie hat die Private Wildvogelhilfe Kassel gegründet, die Ratschläge gibt und angeschlagene Vögel aufnimmt. Für die 43-Jährige ist das ein zeitraubendes Hobby. Mitunter nimmt sie die Tiere mit ins Schwimmbad und zur Arbeit. Zwischen 6 und 22 Uhr muss sie all die Vögel füttern – manche alle halbe Stunde, damit sie eine Überlebenschance haben. Im Interview erklärt sie, warum es sich lohnt, für die Vögel zu kämpfen – und wie das so geht.

Frau Schulz, Sie haben die Private Wildvogelhilfe gegründet. Haben Sie jetzt Hochsaison?

Schulz: Die Saison beginnt. Es geht in der Regel los mit den Amseln und den Spatzen, dann kommen die Meisen, Rotschwänze und Mauersegler. Die Reihenfolge ist Jahr für Jahr dieselbe. Die Amseln sind eben die ersten, die Küken haben.

Und diese Küken kommen mitunter zu ihnen?

Schulz: Zumindest die, die aus dem Nest gefallen sind oder sich verletzt haben und gefunden worden sind. Viele der Jungvögel sind auch deshalb Opfer, weil die Hecken, in denen sich ihr Nest befindet, freigeschnitten worden sind – unerlaubterweise. Hecken- und Baumschnitt ist ab dem 1. März eines jeden Jahres untersagt. Manche Nester in den Dächern werden auch beschädigt. Ich habe es sogar schon mal erlebt, dass Bauarbeiter auf einer Baustelle massenweise Nester weggeworfen haben. Da konnten wir eingreifen. Manche Nester werden aber auch von anderen Vögeln geplündert.

Woran erkenne ich denn, ob ein Vogel in Not ist?

Schulz:Die Grundregel lautet: Wenn sich ein Vogel anfassen lässt, ist er in Not. Dann gilt es, schnell zu handeln.

Nämlich wie?

Schulz: Ruhe bewahren und im Zweifel: mich anrufen. Bei einem Nestling – also einem Vogel, der noch auf sein Nest angewiesen ist – ist dann zu klären, ob sich sein Nest noch in der Nähe befindet und er dorthin zurückgeführt werden kann. In der Regel nehmen die Eltern ihn wieder auf. Wenn das Nest nicht mehr auffindbar ist, sollte man selbst versuchen, den Jungvogel aufzupäppeln, auch wenn das durchaus kompliziert ist.

Noch keine Federn, aber Hunger haben sie dann schon: Die Spatzen, um die sich Angie Schulz kümmert.

Wie sollte man da genau vorgehen?

Schulz: Die oberste Regel ist, den Jungvogel zu wärmen – erst recht, wenn er noch keine Federn hat. Ein Vogel hat in der Regel eine Körpertemperatur von mehr als 40 Grad, er muss es also richtig muckelig haben. Die Wärme findet er etwa in der Hand oder – bei uns Frauen – am Dekolleté. Wichtig ist zudem, ihn erst einmal nicht zu füttern. Eine Fehlfütterung kann ihm das Leben ruinieren. Deshalb gilt es, zunächst einmal abzuklären, mit welcher Vogelart man es zu tun hat und dann zu schauen, was diese Vogelart für Futter bekommt.

Also nicht schnell im Kühlschrank gucken, was noch da ist?

Schulz:Auf keinen Fall. Es ist ja unglaublich, was den Vögeln so angeboten wird: Rinderhack, Honig – aber all das schadet den Küken. Der Sperling zum Beispiel ernährt seine Brut ausschließlich von Insekten. Entsprechende lebende Insekten gibt es im Zoofachhandel. Ober nehmen wir den Grünfinken. Der ist Vegetarier, der braucht neben Körnern ein bestimmtes Aufzuchtfutter, eine Art Brei. Das Füttern an sich mit einer Pinzette ist dann nicht schwer. Vögel können den Schnabel nämlich unglaublich weit aufreißen, wenn es ums Fressen geht.

Und wie bringe ich einen Vogel dann richtig unter?

Schulz: Dort, wo es entsprechend warm ist: in einem Inkubator zum Beispiel. Der lässt sich zur Not auch schnell selber bauen – mit Hilfe einer Wärmflasche oder einer Heizdecke.

Warum ist es eigentlich wichtig, sich um Vögel zu kümmern?

Schulz: Weil es der Vogelwelt schlecht geht. Es gibt 70 Prozent weniger Insekten als früher; deshalb fehlt es den vielen Vögeln an Nahrung. Außerdem herrscht eine gewisse Platznot, da es immer mehr an natürlich Nistplätzen mangelt, was wiederum an den Dachsanierungen und Neubauten liegt. Und letztlich sind auch die vielen Freigängerkatzen eine Gefahr für die Vögel.

Also lohnt es sich, um jeden einzelnen Vogel zu kämpfen?

Schulz:Auf alle Fälle, auch wenn die Aufzucht mühevoll ist. Es gibt einem ja selber auch viel, und es ist schön, Leben zu erhalten. Unser Ziel ist es, jeden Vogel wieder auszuwildern, damit er allein in der Natur zurechtkommt. Es gibt kaum etwas Schöneres, als wenn das gelingt. Und in 80 bis 90 Prozent der Fälle schaffen wir es. Wir haben pro Saison immerhin eine dreistellige Zahl an Vögeln, die wir aufpäppeln.

Das Aufziehen eines verletzten Vogels ist ja das eine, den Vögeln an sich einen Lebensraum zu bieten, das andere. Was kann jeder Einzelne dafür tun?

Schulz:Es hilft, wenn die Leute Nistkästen anbringen – das geht auch auf dem Balkon. Und dann sollten wir die Natur auch mal Natur sein lassen. Das heißt: heimische Pflanzen nicht gleich entfernen, eine Brennnessel auch mal stehen lassen. Das hilft, um den Bestand der Insekten wieder zu erhöhen. Hier sind die Leute mittlerweile sensibel geworden. Es freut mich, dass die Insektenhotels gefragt sind.

Die Private Wildvogelhilfe Kassel finanziert sich auch über Spenden und ist zu erreichen über: 0176/56879057 oder über Facebook. 

Auf der Facebook-Seite der Privaten Wildvogelhilfe wurde auch dieses Video gepostet:  

Zur Person

Angie Schulz ist 43 Jahre alt und kommt aus Kassel. Schulz arbeitet als Sozialassistentin an der Montessorischule. Seit fünf Jahren kümmert sie sich um verletzte Vögel, mittlerweile gibt sie Seminare und Tipps. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Vor zwei Jahren erhielt Angie Schulz gemeinsam mit Susanne Weber den Naturschutzpreis der Stadt Kassel.

Rubriklistenbild: © Susi Große

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