Ehemaliger Kasseler Oberbürgermeister war an Vertreibung der Juden beteiligt

Willi Seidel - Bürokrat im Dienst der Nazis

Der erste Kasseler Nachkriegsoberbürgermeiser: Willi Seidel war von 1945 bis 1954 im Amt.

Am 18. Mai wird die Studie zur NS-Vergangenheit der früheren Kasseler SPD-Oberbürgermeister Willi Seidel, Lauritz Lauritzen und Karl Branner im Bürgersaal des Rathauses präsentiert.

Im Vorfeld stellen wir auf Basis der Studie die Verstrickungen der drei Stadtväter vor:

Wie die HNA berichtete, gelten aus Sicht der beauftragten Forscher vor allem Seidel und Branner als durch den Nationalsozialismus belastet. Bei Seidel hat dies vor allem mit seiner organisatorischen Mitarbeit an der Vertreibung der Kasseler Juden aus ihren Wohnungen zu tun.

Was die Kasseler und Marburger Historiker bei der Recherche zur Studie herausfanden, lässt Willi Seidels (1885-1976) Ernennung durch die Amerikaner zum ersten Oberbürgermeister der Nachkriegszeit 1945 fragwürdig erscheinen. Denn in den Kriegsjahren war Seidel Leiter der wehrwirtschaftspolitischen Abteilung unter NSDAP-Oberbürgermeister Gustaf Lahmeyer.

Als solcher war Seidel nicht nur für die Verwaltung der Lager für ausländische Kriegsgefangene zuständig, die dem „NS-Terror“ ausgesetzt waren, wie die Historiker schreiben. Seidel hatte sich auch darum zu kümmern, die vom NS-Regime befohlene „Arisierung des Wohnraums“ umzusetzen. Damit war die Vertreibung der Juden aus ihren Wohnungen gemeint, die in Vorbereitung ihrer späteren Deportation zwangsweise in so genannten „Judenhäusern“ zusammengelegt wurden.

„Judenhäuser“ eingerichtet

Einer dieser Fälle, an denen Seidel als leitender Beamter organisatorisch mitwirkte, ist gut dokumentiert. So war er damit befasst, an der früheren Kaiserstraße 59 (heute Goethestraße) ein „Judenhaus“ einzurichten. Das im Krieg zerstörte Gebäude hatte bis 1939 dem jüdischen Kaufmann Otto Schartenberg gehört, der dort mit seiner Familie lebte. Nach einer Verordnung der Reichsregierung von 1938 drohte Schartenberg, wie allen anderen jüdischen Hauseigentümern, der Zwangsverkauf.

Also veräußerte er das Gebäude 1939 an NSDAP-Mitglied Dr. Alfred Sawade für 35 000 Reichsmark. In dem Gebäude hatte die Stadt zu dem Zeitpunkt bereits ausschließlich jüdische Familien unter Zwang und in äußerst beengten Verhältnissen untergebracht. Die meisten von ihnen wurden später in andere „Judenhäuser“ in Kassel verlegt, bevor sie in Konzentrationslager deportiert wurden.

NSDAP-Mann Dr. Sawade drängte nach dem Kauf des Hauses bei der Stadt auf dessen „Entjudung“. Er setzte zudem die Kasseler Gestapo in Gang, um eine der Wohnungen räumen zu lassen. Am 3. März 1941 bestätigte Seidel dem NSDAP-Mann, dass seine weiteren Wohnungen nicht länger für die Unterbringung von jüdischen Bürgern von der Stadt beschlagnahmt seien. Im April 1941 zog der erste SS-Führer mit seiner Familie dort ein, ein weiterer folgte.

Acht jüdische Bürger, die in der Kaiserstraße 59 zeitweise lebten, wurden später Opfer des Holocaust.

Nach dem Krieg behauptete Seidel, er sei in den Kriegsjahren in der Stadtverwaltung vor allem für die Lebensmittelversorgung zuständig gewesen. Ob Seidel NSDAP-Mitglied war, lässt sich nicht eindeutig klären. Seine Personalakte aus den fraglichen Jahren ist verschwunden.

Hintergrund: Studie wird am 18. Mai vorgestellt

Am Montag, 18. Mai, 20 Uhr, stellen die von der Stadt beauftragen Historiker Sabine Schneider und Eckart Conze von der Uni Marburg sowie Jens Flemming und Dietfrid Krause-Vilmar aus Kassel ihre Studie im Bürgersaal des Rathauses vor. Zu der Gelegenheit sollen auch die Bürger gehört werden. Die Studie ist unter dem Titel „Vergangenheiten - Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus“ als Buch im Handel erhältlich. Das Buch (216 Seiten) kostet 19,90 Euro und ist im Schüren Verlag erschienen.

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