Ein Sozialplan kommt

Wingas baut in Kassel bis zu 200 Stellen ab

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Groß und fast neu: Vor knapp drei Jahren erst hat Wingas die neue Zentrale im Königstor bezogen. Eigentümer der Immobilie ist die Familie Strauss von Hersteller trendiger Arbeitskleidung, Engelbert Strauss in Biebergemünd.

Kassel. Dem Kasseler Gasgroßhändler Wingas steht ein personeller Aderlass ins Haus. Nach Informationen der HNA sollen 130 bis 200 der 400 Stellen von Kassel nach Berlin verlagert werden.

Nur der Vertrieb soll im Königstor bleiben. Gleichzeitig sollen etwa 40 Beschäftigte, die derzeit noch an der Friedrich-Ebert-Straße sitzen, sowie 50 Mitarbeiter der Schwestergesellschaft Astora in die Wingas-Zentrale ziehen.

Damit scheint eine Aufgabe des Standorts Kassels und der vor knapp drei Jahren erst bezogenen Immobilie im Königstor vom Tisch. Denn im Zuge der Restrukturierung des europäischen Gasgroßhandelsgeschäfts des russischen Energieriesen Gazprom war zeitweise auch eine Abwicklung des gesamten Standorts Kassel im Gespräch. Gazprom hält seit 2015 sämtliche Anteile an Wingas.

Betriebsratschef Stefan Röttger und dessen Vize Christiane Götz waren trotz mehrerer Versuche für eine Stellungnahme nicht zu erreichen, und ein Gazprom-Sprecher teilte lapidar mit, dass man keine Gerüchte kommentiere. Der Nordhessen-Chef der Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie, Friedrich Nothhelfer, betonte, dass man alles tue, „um den Standort und so viele Jobs wie möglich zu erhalten“.

Nach Einschätzung von Mitarbeitern dürfte Wingas die neue Zentrale im Königstor auch weiterhin allein nutzen. „Es war sowieso schon eng geworden“, heißt es in Belegschaftskreisen. Das Gebäude gehört der Unternehmerfamilie Engelbert Strauss aus Biebergemünd. Die Eigentümer des Herstellers trendiger Arbeitskleidung hatten 20 Mio. Euro in die repräsentative Immobilie investiert und sie für 20 Jahre an Wingas vermietet.

Wie viele Betroffene nach Berlin wechseln können und wollen, ist unklar. In jedem Fall soll ein Sozialplan vereinbart werden. Klar dagegen ist, dass viele Spezialisten in Nordhessen kaum berufliche Alternativen haben – schon gar nicht zu den aktuell guten Konditionen.

Ein Sozialplan kommt

Personalabbau bei Wingas in Kassel war von langer Hand geplant

Im Jahr 2015 durchlebten die 400 Kasseler Wingas-Mitarbeiter ein wahres Wechselbad der Gefühle. Zum einen zogen sie freudig in ihr neues Domizil im Königstor um, was nicht nur Stolz auslöste, sondern auch ein Gefühl von Sicherheit vermittelte. Der 20-Jahres-Vertrag mit den Eigentümern der Immobilie, die Unternehmerfamilie Strauss aus Biebergemünd, glich einem klaren Bekenntnis zum Standort Kassel. Zum anderen übernahm in jenem Jahr der russische Gazprom-Konzern den 50-Prozent-Anteil von Wintershall an Wingas und damit die vollständige Kontrolle über den Kasseler Gasgroßhändler, der auch europaweit zu den ganz Großen der Branche zählt. 

Das ließ Befürchtungen um den Firmensitz in Kassel aufkommen. Und die sollten sich rasch bewahrheiten. Um eine Verlagerung wichtiger Teile des Wingas-Geschäfts nach Berlin zu beschleunigen, mussten einflussreiche Entscheider und Kassel-Freunde schleunigst aus der Geschäftsführung verschwinden. So musste im Oktober 2016 bereits der langjährige Wingas-Chef Dr. Gerhard König seinen Hut nehmen, im Februar dieses Jahres auch Dr. Ludwig Möhring, der letzte Deutsche im Führungsgremium. Beide ohne Angaben von Gründen. Seither sind alle Führungspositionen fest in der Hand von Russen. Und dass die nicht gerade zimperlich mit Mitarbeitern und Führungskräften umgehen, ist kein Geheimnis. 

Immerhin: Kassel behält den Vertrieb, also den Kern des Gasgroßhandels mit Regionalversorgern, Stadt- und Kraftwerken und Industriekunden. Ein großer Trost. So bleibt der Stadt nicht nur ein guter Arbeitgeber, sondern auch ein wichtiger Gewerbesteuerzahler erhalten, der in den vergangenen Jahren jeweils einen Betrag im unteren zweistelligen Millionenbereich allein an die Stadtkasse überwiesen hat. Der dürfte in Zukunft aber deutlich geringer ausfallen.

Spezialisten müssen weg

Das Nachsehen haben vor allem die betroffenen Beschäftigten: Spezialisten wie Händler, Markt- und Risikoanalysten. Vergleichbare Jobs gibt es in der Region nicht. Schon gar nicht, was die Bezahlung angeht. Sie können nach Berlin oder an andere europäische Gashandelsplätze ziehen oder beruflich umsatteln. Jenen, die in Kassel heimisch geworden sind, wird das schwerfallen. Immerhin: In den nächsten Wochen wird es einen Sozialplan geben, und der bietet Mitarbeitern, die das Unternehmen verlassen, beträchtliche sechsstellige Summen an.

Hintergrund

Von Wintershall und Gazprom gegründet

Wingas gehört mit einem Marktanteil von 20 Prozent zu den wichtigsten Gasgroßhändlern Europas. 2016 verkauften die Kasseler 800 Milliarden Kilowattstunden Gas. Diese Menge reicht aus, um 32 Millionen Einfamilienhäuser ein Jahr lang mit Gas zu versorgen. Dabei setzte das Unternehmen 12,6 Mrd. Euro um und erzielte einen Reingewinn von fast 100 Mio. Euro. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. 

Wingas wurde 1993 als Gemeinschaftsunternehmen des Kasseler Gas- und Ölförderers Wintershall und des russischen Energieriesen Gazprom gegründet. Im vergangenen Jahr setzten die Russen 86,7 Mrd. Euro um und erzielten einen Gewinn von 9,5 Mrd. Euro. Der Energiekonzern beschäftigt weltweit 450 000 Mitarbeiter. (jop)

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