Vor der kältesten Nacht des Winters

"Finger weg vom Alkohol" - So überlebt ein Kasseler Wohnungsloser bei Frost die Nacht

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Will anonym bleiben: Der Kasseler Wohnungslose K. wärmt sich im Aufenthaltsraum der Tagesaufenthaltsstätte Panama an einer Tasse Tee. Die kälteste Nacht des Winters verbrachte er in einem der Notbetten des Vereins Soziale Hilfe.

Kassel. In der kältesten Nacht des Winters müssen sich Obdachlose gut schützen, um nicht zu erfrieren. Ein Kasseler Wohnungsloser, der anonym bleiben will, erzählt aus seinem Leben auf der Straße.

„Jeder Mensch hat seine Vorstellung vom Leben – meine war, mir ohne die Hilfe von Behörden, ein Dach überm Kopf leisten zu können.“ Immer wieder hat K., der nicht erkannt werden und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, dieses Ziel für kurze Zeit erreicht. Doch Beständigkeit fand der 59-jährige Kasseler hinsichtlich seiner Wohnsituation seit vielen Jahren nicht mehr. Er ist wohnungslos.

Die Nacht auf Mittwoch – mit minus 13 Grad die kälteste dieses Winters – verbrachte K. in einem der Notbetten der Tagesaufenthaltsstätte Panama. So viel Komfort hatte K. nicht in jedem Winter. Vor fünf Jahren habe er mal bei minus 19 Grad eine Nacht in der Gießener Innenstadt verbracht, erzählt der gebürtige Osthesse. Was er getan habe, um nicht zu erfrieren? „Man braucht einen guten Schlafsack, am besten einen von der Bundeswehr, viele Schichten Kleidung und eine warme Mahlzeit vor dem Schlafengehen.“ Unter ein Vordach in der Fußgängerzone habe er sich gelegt, während um ihn herum alles gefror.

K. will anonym bleiben, weil er andere Wohnungs- und Obdachlose gekannt habe, die nach einer Berichterstattung über sie spurlos verschwunden seien. Mit Menschen in seiner Situation will er nichts zu tun haben. „Ich lebe isoliert von den anderen Obdachlosen, von den Alkoholikern, die sich jeden Tag eine Pulle Wodka reinschütten.“ Alkohol sei gerade bei Kälte der größte Feind von Obdachlosen. „Da hältst du die Kälte nicht mehr aus, ab 0,5 Promille fangen die Hautporen an, sich zu öffnen – dann kommt der Frost doppelt.“

K. selbst habe dem Alkohol vor fast 30 Jahren abgeschworen. Damals war er noch verheiratet. Dass sich etwas ändern muss, stellte K. fest, als er nach Feierabend, „wenn andere die Kaffeemaschine anstellen“, zur Bierflasche griff. „Ich dachte, da stimmt was nicht in deinem Hirn.“

Neun Monate ging K. in Therapie. Zu dieser Zeit habe er gerade als Autoverkäufer im Außendienst gearbeitet. Danach sei er wieder in den Job zurückgekehrt. Sowieso habe er immer Arbeit gefunden, meist im Kfz-Bereich. Aber auch als Versicherungsvertreter habe er sich eine Weile verdingt.

K. ist stolz darauf, über 31 Jahre gearbeitet zu haben. Seine Rente, auch wenn sie nicht genüge, habe er sich verdient. Heute sammelt K. Pfandflaschen, um sich Essen leisten zu können. Seine Ehe wurde 1995 nach 18 Jahren geschieden. Zu seinen zwei erwachsenen Kindern sei das Verhältnis inzwischen genauso eisig wie die Kasseler Temperaturen. „Die wollen nichts mehr von mir wissen“, sagt er, während er sich im Aufenthaltsraum des Panama an einer Tasse Tee aufwärmt. Er klingt verletzt.

Seit sieben Jahren lebt K. in einer neuen Partnerschaft. Mit seiner Freundin hat er sogar eine fünfjährige Tochter. Doch für ein gemeinsames Leben unter einem Dach hat sich K. nicht entschieden. Am Tag des 125-jährigen Jubiläums des Hamburger SV sei seine Tochter geboren. K. ist passionierter HSV-Fan und hat viele Jahre in der Stadt an der Elbe gelebt, bevor es ihn zurück nach Hessen zog und über Gießen und Fulda nach Kassel verschlug.

Was die angeschlagenen Hamburger in dieser Saison noch vor dem Abstieg in die 2. Liga retten könne? „Gar nüscht.“ Den Anschluss an die Nichtabstiegsränge habe der Traditionsklub diesmal endgültig verloren. Für sich selbst sieht K. das anders: „Ich habe nie den Anschluss an die Gesellschaft verloren, mein Essen immer selbst zahlen können.“ Das macht ihm Mut, sich bald wieder ein festes Dach über dem Kopf leisten zu können – von seiner Rente und Wohngeld. Was er den Obdachlosen, die in solch kalten Nächten wie der gestrigen im Freien schlafen, rät? „Lasst die Finger vom Alkohol – wenn ihr könnt.“

Hintergrund: Anlaufstellen für Obdachlose in Kassel

In Kassel gibt es insgesamt vier Anlaufstellen für Wohnungs- und Obdachlose. Das Sozial-Center (Träger: Heilsarmee) stellt sowohl Übernachtungs- als auch Dauerplätze bereit. Die Drogenhilfe Nordhessen und der Verein Soziale Hilfe, der das Panama betreibt, stellen für die Wintermonate Notschlafplätze zur Verfügung. Das Diakonische Werk hat für Frauen eine Notwohnung. 

Nach Schätzung der Stadt gibt es aktuell zwischen 100 und 150 Obdach- beziehungsweise Wohnungslose in Kassel. Die meisten kämen bei Freunden oder Verwandten unter. Die wenigsten schliefen regelmäßig auf der Straße.

Einer der wohnungslosen Kasseler ist Frank K., der zwei Jahre im Wald gelebt hat. Uns hat er seine Geschichte erzählt.

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